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Warum es uns in Neigezügen schlecht wird

Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen und Herzklopfen: Mit diesen Symptomen kann der menschliche Körper in Neigezügen reagieren. Nun präsentieren Zürcher Forscher eine Lösung für das Problem.

Herzklopfen im Intercity: SBB-Neigezug in einer Kurve in Flawil, Kanton St. Gallen.
Herzklopfen im Intercity: SBB-Neigezug in einer Kurve in Flawil, Kanton St. Gallen.
Keystone

Ein Forscherteam hat nun die Ursache für diese Reisekrankheiten gefunden und präsentiert auch gleich eine Lösung dagegen. Ein zehnköpfiges Team um den Neurologen Dominik Straumann vom Unispital Zürich fand heraus, dass weder der Grad der Neigung eines Zuges noch die Schnelligkeit bei der Fahrt Ursache für Reisekrankheiten seien, teilt die Uni Zürich mit.

Ob es einem Passagier beispielsweise übel wird, hängt davon ab, ob sich der Wagen exakt dann neigt, wenn der Zug in die Kurve fährt. Bei einer zeitlichen Verzögerung kann eine Reisekrankheit auftreten, weil das Gehirn den verzögerten Ausgleich der Zentrifugalkraft als unnatürlich empfindet.

Straumann, Leiter des Zentrums für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen am Unispital Zürich, vergleicht diesen Effekt mit den Auswirkungen auf einen Motorradfahrer: Auf diesen wirkten die Zentrifugalkräfte auch ein, sagte der Mediziner auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Neige sich der Töfffahrer nicht genau in der Kurve, stürze er möglicherweise.

Suboptimales System

In der Wissenschaftszeitschrift «The Faseb Journal» zeigt das Forscherteam auf, wie die Problematik in der Praxis gelöst werden kann. Ob die Kompensation zeitgleich erfolgt oder nicht, hängt davon ab, welches Kontrollsystem im Zug eingesetzt ist.

Weltweit verkehrten die meisten Neigezüge mit dem sogenannten konventionellen Neigemodus, sagte Straumann. Ein Gerät in der Lokomotive misst die Zentrifugalkraft und berechnet die notwendige Neigung.

Um diese auszulösen, wird danach ein Signal von Wagen zu Wagen geleitet. Die vorderen Wagen neigen sich zeitverzögernd, weshalb es den Passagieren übel werden kann.

Verkehrt ein Zug dagegen mit dem sogenannten prädikativen Neigemodus, weiss der Computer in der Lokomotive, wann sich welcher Wagen wo in der Kurve befindet und löst die Neigung zeitgleich aus. Die Passagiere fühlen sich wohl.

In der neuen Generation von Neigezügen wären die technischen Möglichkeiten für den prädikativen Modus vorhanden, sagte Straumann. Vor der Anwendung des Systems müssten die Zugstrecken ausgemessen und die Daten in den Bordcomputern abgelegt werden.

Strecken viermal täglich abgefahren

In der Studie waren zehn Personen beteiligt, darunter Forscher vom Mount Sinai Hospital in New York sowie Ingenieure von Alstom. Sie werteten Testfahrten aus, die im Herbst 2009 während fünf Tagen bei 200 Zugpassagieren gemacht wurden. Die Hälfte davon gab an, in Neigezügen reisekrank zu werden.

Jeder Passagier fuhr die Strecke Winterthur (ZH)–Gossau (SG) zweimal am Morgen und zweimal am Abend ab. Alle zehn Minuten mussten die Teilnehmer Fragen beantworten. Täglich wurden vierzig neue Personen befragt.

SBB wartet ab

Die SBB rüstet ihre bestehenden 44 Intercity-Neigezüge vorerst nicht aktiv auf den prädikativen Neigemodus um. Das System nachzurüsten, koste mehrere Millionen Franken, sagte SBB-Mediensprecher Christian Ginsig auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Im Zusammenhang mit einer Generalrevision der ICN-Neigezüge sei die Umstellung aber durchaus denkbar, ergänzte Ginsig. Bisher seien in dieser Angelegenheit noch keine Entscheide gefällt. Die erste Grossrevision starte 2012 und erstrecke sich über mehrere Jahre.

Der Mediensprecher verwies zudem darauf, dass die SBB zur Reisekrankheit nur ganz wenige Kundenrückmeldungen erhalten. Jährlich kämen konzernweit rund 40'000 Reaktionen. «Davon sind es einige wenige Personen, die sich wegen Reisekrankheiten in IC-Zügen beklagen.»

SDA/bru

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