Weg vom Erdölland

Kein Land in Europa verheizt pro Kopf so viel Erdöl wie die Schweiz. Sie hätte aber das Potenzial zur Vorzeigenation.

Ölheizungen sind in der Schweiz immer noch weit verbreitet: Blick über die Dächer von Zürich. Foto: Urs Jaudas

Ölheizungen sind in der Schweiz immer noch weit verbreitet: Blick über die Dächer von Zürich. Foto: Urs Jaudas

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Die saubere Schweiz gilt als Musterbeispiel in Sachen Umweltschutz. Das ist nicht falsch, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Das dokumentiert das Forschungsunternehmen Econcept im Auftrag des Wirtschaftsverbands Swisscleantech. Die Studie, die dieser Zeitung vorliegt, zeigt, dass einige europäische Staaten und die EU insgesamt ehrgeizigere CO2-Reduktionsziele im Inland verfolgen.

Die Schweiz ist ein Erdölland. Gut 50 Prozent der Energie stammen gemäss Gesamtenergiestatistik aus der Verbrennung von Erdölprodukten – 15 Prozent davon sind Brenn-, 34 Prozent Treibstoffe. Die Autoren sehen denn auch im Verkehr und in den Gebäuden das grösste Potenzial, Treibhausgase einzusparen.

Schweiz bleibt zurück

Die Schweiz will gemäss dem Plan des Bundesrats die Treibhausgasemissionen im Inland bis 2030 um mindestens 30 Prozent gegenüber 1990 senken. Damit gehört sie im internationalen Vergleich nicht zu den Topnationen. Die Niederlande zum Beispiel streben eine Senkung um 49 Prozent an, in Deutschland sind es gar 55 Prozent, und Grossbritannien will die Emissionen um 57 Prozent reduzieren – alles jeweils im Inland.

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Das EU-Parlament hat diesen Herbst in einer Resolution eine Verschärfung des durchschnittlichen Reduktionsziels für die EU-Staaten von insgesamt 40 auf 55 Prozent verlangt. Die Forderung ist eine Reaktion auf den veröffentlichten Sonderbericht des Weltklimarats IPCC, der zeigt, dass es bereits ökologisch zu irreversiblen Schäden zum Beispiel in Korallenriffen kommen kann, wenn sich der Globus nur um 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmt. Das Pariser Klimaabkommen, das die Schweiz ratifiziert hat, orientiert sich zwar am Erwärmungsniveau von 2 Grad, die 1,5er-Marke soll aber angestrebt werden. Auf der Erde ist es heute schon 1 Grad wärmer als vor mehr als 150 Jahren.

Für die Autoren ist das bundesrätliche Ziel – eine Reduktion der Emissionen um 30 Prozent – ohne weitere zusätzliche Anstrengungen zu erreichen. Würde die Schweiz auf den 1,5-Grad-Weg einschwenken, müsste sie im Inland die CO2-Emissionen um mehr als 40 Prozent senken. Für die Autoren der Studie ist dies realistisch – mit «zusätzlichen oder verstärkten bisherigen Massnahmen». So geht die Studie von einem Reduktionspotenzial von 48 Prozent bis 2030 aus.

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Dazu bräuchte es aber verstärkte Bemühungen, in den Gebäuden die Effizienz zu steigern sowie bei der Wärmeproduktion anstelle von Erdöl und Gas auf Sonnenenergie, Holz, Abwärme und Erdwärme umzustellen. Die Pläne der Politik zeigen aber in eine andere Richtung: So soll die CO2-Abgabe auf Brennstoffen weniger stark erhöht werden als geplant: von 120 auf maximal 210 statt 240 Franken pro Tonne. Das war ein Zugeständnis des Bundesrats an die bürgerlichen Parteien und die Wirtschaft.

Weiter will der Bundesrat das Gebäudeprogramm ab 2026 stoppen – ein Instrument, das erfolgreich hilft, die Emissionen zu reduzieren. Die jüngsten Ergebnisse des IPCC zeigen, dass künftig keine Infrastruktur mehr gebaut werden darf, die fossile Energie produziert. Das hiesse auf die Schweiz heruntergebrochen zum Beispiel: Erdöl- und fossile Gasheizungen müssten verboten werden. Das will der Bundesrat jedoch grundsätzlich erst, wenn die Kantone die Zwischenziele für Gebäudeemissionen verfehlen. Doch selbst gegen diesen Plan formt sich im Nationalrat Widerstand.

Der Innovationsstandort Schweiz brauche eine ambitionierte Klimapolitik, «um die Pionierrolle im Bereich klimafreundlicher Technologien» zu behaupten.Christian Zeyer, Swisscleantech 

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Verkehr. Der Umstieg auf Elektroautos muss gemäss der Studie schneller geschehen. Zudem sollen die Emissionen der Neuwagenflotte deutlich tiefer liegen. Zwar werden in der Schweiz ab 2020 – analog zur EU – strengere CO2-Grenzwerte für Neuwagen gelten, allerdings muss sich erst noch zeigen, inwieweit der CO2-Ausstoss auf dem Papier künftig auch den tatsächlichen Ausstoss abbildet.

Die Einführung einer CO2-Abgabe auf Treibstoffen ist in der Schweiz politisch nach wie vor chancenlos und entsprechend kein Thema im neuen CO2-Gesetz. Experten führen es auf die fehlende Lenkungsabgabe zurück, dass im Verkehr die Emissionen trotz Fortschritten bei der Effizienz seit 1990 immer noch leicht gewachsen sind – anders als in den Sektoren Industrie und Gebäude, wo die CO2-Abgabe auf Brennstoffen greift.

Was die Studie ausblendet: Der Bundesrat sieht auch CO2-Einsparungen im Ausland vor. Insgesamt will er den Ausstoss bis 2030 um 50 Prozent reduzieren, davon höchstens 20 Prozentpunkte mit dem Kauf von Klimaschutzzertifikaten, also Emissionsrechten, die durch Investitionen in ausländische Klimaprojekte erstanden werden. Die Qualität der Zertifikate ist allerdings umstritten.

Für Christian Zeyer von Swisscleantech ist es zentral, dass die Schweiz die Einsparungen vor allem im Inland vornimmt. Der Innovationsstandort Schweiz brauche eine ambitionierte Klimapolitik, «um die Pionierrolle im Bereich klimafreundlicher Technologien» zu behaupten. Der Dachverband Economiesuisse hingegen will anders als der Bundesrat kein fixes In- und Auslandsziel. Für das Klima mache es keinen Unterschied, wo eine Tonne CO2 ausgestossen oder eingespart werde, sagt Kurt Lanz von Economiesuisse. Das sieht knapp die Hälfte der Schweizer Bevölkerung anders: Sie will gemäss einer Univox-Umwelt-Umfrage innerhalb der nächsten 20 Jahre aus fossilen Energien aussteigen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.12.2018, 06:32 Uhr

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Deutschland: Ziele für einzelne Sektoren definiert

Der Nachbar hat im Gegensatz zur Schweiz in seinem Klimaschutzplan 2050 konkrete Ziele für einzelne Sektoren festgelegt. Dazu gehören die Energiewirtschaft, die Industrie, Gebäude, der Verkehr und die Landwirtschaft. Deutschland will zum Beispiel bei den Gebäudeemissionen bis 2030 eine Reduktion um rund 66 Prozent erreichen, im Verkehr sind 40 Prozent geplant. Im Vergleich zur Schweiz sind diese Ziele schwieriger zu erreichen, weil das grosse Reduktionspotenzial in Deutschland in der Energiewirtschaft liegt, die durch den Kohlestrom geprägt ist. Ins­gesamt sollen die Emissionen bis 2030 um 55 Prozent im Inland gesenkt werden.

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