Rhetorik aus der Maschine

IBM hat einen Rederoboter entwickelt: Er droht den Menschen in einer seiner Paradedisziplinen zu schlagen.

Garri Kasparow hielt den Computer noch für schlagbar. Doch der hat unterdessen grosse Fortschritte gemacht und kann jetzt sogar sprechen. Schachlegende Kasparow 2006 in Zürich. Foto: Thomas Burla

Garri Kasparow hielt den Computer noch für schlagbar. Doch der hat unterdessen grosse Fortschritte gemacht und kann jetzt sogar sprechen. Schachlegende Kasparow 2006 in Zürich. Foto: Thomas Burla

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nachdem Weltmeister Garri Kasparow 1997 den Match gegen den Schachcomputer «Deep Blue» verloren hatte, haderte er mit seinem Spiel zutiefst: «Ich schäme mich für das, was ich am Ende des Matchs getan habe. Aber dies ist erst der Anfang. Ich habe keinen Zweifel, dass ich die Maschine beim nächsten Mal schlagen kann. Noch ist nichts bewiesen.» Doch das zweite Kräftemessen blieb aus. «Deep Blue», eine Schöpfung des Computerunternehmens IBM, wurde zum Museumsstück. Aber andere Schachprogramme schlugen weitere Grossmeister.

Und die Entwicklung von Computern schritt voran. 2016 besiegte eine Google-Software einen der weltbesten Spieler im asiatischen Brettspiel Go. Nicht nur, dass das Spiel lange als zu komplex für Computer galt. Die Software überraschte zudem mit einem Zug, den kein Kenner des Spiels erwartet oder zunächst verstanden hätte. Und auch beim Pokern hatten Profis inzwischen das Nachsehen gegen Computer. Nun steht der nächste Schritt bei der Entwicklung künstlicher Intelligenzen (KI) bevor. Im Mittelpunkt diesmal: die Sprache.

San Francisco, Juni 2018. Auf einer Bühne steht eine schwarze Box. Sie ist etwa so hoch wie ein Mensch, nur etwas schmaler. Auf Höhe des Mundes gibt es ein meerblau fluoreszierendes Feld, in dem Linien schwingen, wenn das Gerät spricht. Die Box, sechs Jahre lang von IBM entwickelt im «Project Debater», hat eine weibliche Stimme. Sie soll im rhetorischen Wettkampf gegen zwei israelische Meisterredner argumentieren.

Computer argumentiert

Zwar wird nach dem Duell kein klarer Sieger gekürt. Doch die Maschine überzeugt mit Argumenten, die so auch von Politikern kommen könnten. Etwa zum Thema Weltraumforschung: «Ein Weltraumforschungsprogramm ist mitentscheidend dafür, eine Grossmacht zu sein», sagt sie. Und die KI redet nicht nur, sondern sie hört auch zu und geht auf die Argumente ihrer Kontrahenten ein. Ohne mit dem Internet verbunden zu sein. Chefentwickler Noam Slonim glaubt an weitere bedeutsame Fortschritte in den kommenden Jahren: «Das Potenzial ist sehr gross.»

«Irgendwann wissen wir wahrscheinlich gar nicht mehr, ob das ein Mensch ist oder eine Maschine», sagt Dietmar Till, Rhetorikprofessor an der Universität Tübingen. Die Maschine spreche zwar etwas monoton, aber fehlerfrei. Das sei schon eine riesige Leistung.

«Der Mensch wird immer die Nase vorn haben, wenn Kreativität gefragt ist.»Dietmar Till
Rhetorikprofessor Universität Tübingen

Den grössten Vorteil der sprechenden Box sieht Till in der Rechenleistung. «Das Programm wälzt in einer Riesengeschwindigkeit Datenbanken und sucht historische Fälle heraus.» Und wo sieht er den Vorteil des Menschen? «Ich glaube, der Mensch wird immer die Nase vorn haben, wenn Kreativität gefragt ist, wenn es um überraschende Momente geht.»

IBM knüpft mit dem Projekt an zwei Traditionen an. Zum einen setzt sich das Unternehmen immer neue Ziele, um die Fähigkeiten von Maschinen auszubauen. Ausserdem setzt das Projekt eine 2500-jährige Rhetorikgeschichte fort. Auf der Projektseite heisst es: «Kulturell liegt der Ursprung der Debatte nicht im Konflikt und Wettbewerb, sondern in der Demokratie und Diskussion.»

Das verweist offensichtlich auf das antike Athen, in dem freie Bürger an Entscheidungen mitwirken durften und andere durch ihre sprachliche Gewandtheit überzeugen konnten.

218 Wörter pro Minute

Gemäss einem Ursprungsmythos entstand die Redekunst im 5. Jahrhundert vor Christus in der griechischen Kolonie Syrakus auf Sizilien. Dort herrschte nach der Entmachtung eines Tyrannen reichlich Streit. «Das waren juristische Fälle», sagt Till. «Da war die Frage: Wem gehört nun das Land, das der Tyrann vorher für sich reklamiert hatte?» Rede­lehrer traten auf, um die Beteiligten rhetorisch zu coachen.

In Zukunft könnte bei solchen Streitthemen derjenige die Nase vorn haben, der über das beste rhetorische KI-System verfügt. Oder sich rhetorisch gegen die Maschinen behaupten kann.

Einen Vorteil für den Menschen sieht Winfried Menninghaus, Direktor am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main, wenn es um die reine Formulierung geht. «Markant und merkbar» werden Sätze demnach, wenn sie unwahrscheinliche Merkmale enthalten, wenn sie das, was die Zuhörer erwarten, brechen – also wenn sie überraschen.

Das System hat einen Fundus an Witzen und lernt, den richtigen Scherz zur richtigen Zeit zu platzieren.

Als Beispiel führt Menninghaus einen Satz an, der einer Maschine wohl nicht so leicht einfallen würde. Von Gaius Julius Caesar, der nicht nur ein gewiefter Feldherr war, sondern auch ein begnadeter Redner. «Sein Ausspruch ‹Veni, vidi, vici›,also ‹Ich kam, ich sah, ich siegte›, hat sich in das allgemeine Gedächtnis eingebrannt, weil diese Wortfolge absolut unwahrscheinlich ist», sagt Menninghaus.

So etwas zu kreieren, entspricht nicht der Logik der «Debater»-KI. Sie nutzt für ihre Formulierungen Übergangswahrscheinlichkeiten, die sich an einer riesigen Textsammlung orientieren. Auf ein Wort folgt das, welches als wahrscheinlich nächstes berechnet wird. So klingt ihr Vortrag dann zwar fehlerfrei, aber auch etwas zu glatt.

Wenn nicht sprachlich, dann bricht die «Debater»-KI die Erwartungen des Publikums aber inhaltlich. Mit Humor. Als eine Rednerin auf der Bühne sehr schnell spricht, reagiert die schwarze Box cool: «Du sprichst mit einer extremen Geschwindigkeit von 218 Wörtern pro Minute. Es gibt keinen Grund, sich zu beeilen.» Das menschliche Publikum lacht. «Wir wollen, dass die Leute die Debatte geniessen», sagt die «Debater»-Projekmanagerin Ranit Aharonov. Das System habe einen Fundus an Witzen. «Wir lassen es lernen, den richtigen Scherz zur richtigen Zeit zu sagen.»

Für Anwälte und Konzerne

Die Technologie, die hinter dem «Debater Project» steht, könnte irgendwann die Arbeit von Menschen verrichten oder für diese Entscheidungen treffen. «Es sind riesige gesellschaftliche Umwälzungen, die durch so eine Technologie auf uns zukommen können», sagt der Rhetoriker Dietmar Till.

Projekmanagerin Aharonov sieht das Projekt zuerst als technologische Herausforderung. Sie prognostiziert für die «Debater»-Technologie aber auch Vermarktungsmöglichkeiten – in Anwaltskanzleien, in Vorstandsetagen und bei Entscheidungsträgern in der Politik.

«Diese Leute brauchen etwas, das die riesigen Berge an Textdaten sichten und schnell und effizient Pro- oder Kontra-Argumente finden kann.» In Schulen könnten solche Redemaschinen als Trainingspartner in Debattierrunden dienen.

Erstellt: 24.12.2018, 15:24 Uhr

Artikel zum Thema

Keine Panik, es ist nur künstliche Intelligenz

Wenige Technologien machen Menschen so viel Angst wie KI. Dabei kann sie bisher nicht einmal ein belegtes Brot von einem Vulkanausbruch unterscheiden. Mehr...

Virtuelles Model als Gesicht von Chanel, Burberry und UGG

Unternehmen werben mit computergenerierten Influencern. Auch Investoren sind auf diese aufmerksam geworden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...