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Werkzeuge einer Revolution

In einem Dachstock am Tierspital Zürich sind über 150 Lichtmikroskope aller Epochen ausgestellt. Sie haben die Naturforschung zu einer modernen empirischen Wissenschaft gemacht.

Fenster zum Mikrokosmos: Interview mit Urs Jenny, Kurator im Museum zur Geschichte der Veterinärmedizin an der Universität Irchel. Video: Doris Fanconi und Simon Meier

Die gleissende Sonne schickt einen gebündelten Strahl durch die Dachluke und trifft einen hölzernen Schaft mit Krumm­metall. Das Werkzeug erinnert an ein Folterinstrument aus der Ritterzeit. Doch es ist ein Stossmesser, mit denen der Hufschmied früher Pferdehufe ausschnitt. Erstaunliche Exponate in den Vitrinen und Schrifttafeln an den Wänden zeigen die Entwicklung der Tier­medizin vom Handwerk zur Wissenschaft. Hier im Dachstock des Diagnostik­zentrums am Zürcher Tierspital befindet sich das Museum zur Geschichte der Tiermedizin.

Zuhinterst im Raum sitzt Museumskurator Urs Jenny und studiert ein historisches Mikroskop. Freundlich begrüsst uns Jenny, der Archivar, Führer und gute Seele des Museums ist. In den 60er-Jahren hatte er in Zürich Veterinärmedizin studiert, später praktizierte er ein Leben lang in Au/Wädenswil. Seit seiner Pensionierung kümmert er sich um das Museum. «Vor allem Kinder sind immer wieder davon fasziniert, wie man früher Tiere behandelte», sagt er.

Reisemikroskop Blunt London (1752-1754). Fotos: Doris Fanconi

Faszinierend ist auch die in der Schweiz einmalige Mikroskopsammlung. Sie ­repräsentiert laut Urs Jenny die gesamte ­Geschichte der Lichtmikroskopie und ist wohl die bedeutendste Sammlung der Schweiz. Über 150 Geräte aus über 300 Jahren Mikroskopiegeschichte sind ausgestellt, darunter eine Replika des ersten kleinen Handmikroskops überhaupt, erbaut 1673 vom holländischen Linsenschleifer Antony van Leeuwenhoek. Es handelt sich um ein simples Metallplättchen mit einer geschliffenen Linse und einer Nadel als Objekt­träger. Als Van Leeuwenhoek im Gegenlicht durch die Linse auf ein Fliegenbein schaute, war er der erste Mensch, der eine einzelne Zelle erblickte. Es war so etwas wie der Startschuss für die moderne Biologie.

«Meyer, Zürich, alt, Messing»

Die Sammlung angelegt hatte der 1911 geborene Albert Mahler-Lee. Er war jahrzehntelang Grafiker, wissenschaftlicher Zeichner und Fotograf an der Tiermedizinischen Fakultät in Zürich. Er erlebte in den 30er-Jahren den Übergang von der Schwarzweiss- zur Farbfotografie und 1966 den Umzug des Tierspitals von der Selnau in die modernen Gebäude hinter dem Irchel.

In seiner Freizeit sammelten Albert Mahler-Lee und seine Gattin Margreth leidenschaftlich Mikroskope – nicht nur solche, die im Bereich der Tiermedizin eingesetzt wurden. Heute sind in der Sammlung wertvollste Stücke der bekanntesten Hersteller aus ganz Europa vereint. Mahler-Lee vermachte seine Schätze nach seinem Tod im Jahr 2000 der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich. Als diese zwei Jahre später anlässlich ihres 100-Jahr­-Jubiläums das Museum zur Geschichte der Tiermedizin aus der Taufe hob, übernahm der pensionierte Tierarzt Urs Jenny auch die Betreuung der Mikroskop­sammlung.

Präparierlupe mit 2 Okularen, Watson & Son, London (1876-1894).

Jenny hegt und pflegt die wertvollen Stücke, hat sie digital erfasst und fügt auch immer wieder neue Stücke dazu. Ein wunderschönes Mikroskop steht derzeit auf seinem Tisch. «In der ‹Tierwelt› entdeckte ich das Kleinstinserat», erinnert sich der Sammler. Da stand nur: «Zu verkaufen Mikroskop, Meyer, Zürich, alt, Messing.» «Ich wurde natürlich sofort hellhörig.» Es war der Name Meyer, der Jenny elektrisierte. Denn um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war die Firma A. Meyer & Cie. in Zürich-Enge die Hoflieferantin von Mikroskopen der Tierarzneischule Zürich. Jenny rief sofort an und besuchte den Verkäufer zu Hause – ein pensionierter Architekt, der das Mikroskop 30 Jahre lang besass, ohne es je zu benutzen. Am Okularschaft ist der Firmenname signiert. Das Mikroskop hat bereits einen dreifachen Objektivrevolver mit einer bis zu 1000-fachen Vergrösserung.

Im Juni konnte Jenny das Stück nun in die Sammlung integrieren, doch jetzt beginnt erst die Dokumentationsarbeit. «Das Mikroskop hat keine Fabrikationsnummer, was schon aussergewöhnlich ist», sagt der Kurator. Um mehr über die schon lange verschwundene Hersteller-firma zu erfahren, plant er einen Besuch im Staatsarchiv. Vielleicht erfährt er noch mehr Geheimnisse über das wertvolle Stück.

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