Wie ein Nerd das Erpresser-Virus stoppte

Marcus Hutchins hat sozusagen mal kurz das Internet gerettet.

Diese Nachricht erscheint auf dem Bildschirm von Betroffenen. Bild: Ritchie B. Tongo/Keystone

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Marcus Hutchins ist ein junger Mann, der dem Klischee des Computernerds so nahekommt wie kaum ein anderer – Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg und Steve Wozniak, Mitbegründer von Apple, einmal ausgenommen. Hutchins wohnt mit 22 noch bei seinen Eltern in einem Dorf an der englischen Küste. Der junge Mann mit der ungekämmten Wuschelfrisur trägt die Uniform seiner Zunft, Hoodie und T-Shirt.

Seine Vorliebe für Pizza dokumentiert er fotografisch im Netz. Er erklärt sie so, dass es angenehm sei, nicht kochen, sondern nur den Hauslieferdienst anrufen zu müssen. Seine Freunde beschreiben ihn als hochintelligent und talentiert. Trotzdem hat er schlechte Schulnoten eingefahren, denn er beschäftigte sich lieber mit Computern als brav Schulstunden abzusitzen. Den Semesterbeginn an der Uni hat er verpasst. Das ist ihm egal. Er betreut seit 2013 seinen Blog malwaretech.com, auf dem er über Hacking-Techniken schreibt. So ist ein Sicherheitsunternehmen auf ihn aufmerksam geworden, das ihm sogleich einen Job angeboten hat.

Wenn ihm seine Frühwarnsysteme den Ausbruch einer Schadsoftware berichten, sitzt Hutchins auch während seiner Ferien zu Hause an seinen Computern. Vier Bildschirme dominieren den Raum. Es wäre vergebliche Liebesmüh, ihn mit nicht digitalen Dekoobjekten gemütlich gestalten zu wollen. Doch Wohnlichkeit ist sowieso relativ bei einem Mann, der es unverständlich findet, dass die meisten Leute wegen des Lärms keine Server im Wohnzimmer haben wollen.

«Held per Zufall»

Dieser Nerd wird von den britischen Medien gefeiert– und will trotzdem anonym bleiben. Er hat letzten Freitag eigenhändig und von seiner Bildschirmburg aus die WannaCrypt-Schadsoftware gestoppt. Das ist jener erpresserische Computerwurm, der in Grossbritannien Teile des öffentlichen Gesundheitsdienstes zum Stillstand brachte. Hutchins hat während seiner Studien des Schädlings eine Eigenart von WannaCrypt (der oft auch WannaCry genannt wird) entdeckt. Der Wurm sucht nach einer Website im Netz, deren Adresse aus einer zufälligen Buchstabenfolge besteht. Da es sie noch nicht gab, hat Hutchins sie kurzerhand für acht britische Pfund registriert – und stoppte so die Ausbreitung der Schadsoftware. Hutchins hatte den Kill-Switch aktiviert.

«Ein Held per Zufall», schreiben «Telegraph», die BBC, «Daily Mail» und «The Guardian». In seinem Blog-Beitrag über die Ereignisse von letzter Woche stapelt er tief: «Mein Job ist es, herauszufinden, wie wir Botnetze aufspüren und womöglich stoppen können. Deswegen bin ich ständig dabei, unregistrierte Malware-Control­server einzusammeln.» Kein Geniestreich und keine Marotte, sondern nur seine ganz normale Arbeit. Doch auch diese Bescheidenheit ist typisch: Nerds werden einmal die Welt retten – davon sind die Nerds schon längst überzeugt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2017, 20:39 Uhr

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