Wie ein Physiker das Rezept für die Wasserstoffbombe verlor

Die H-Bombe war eines der bestgehüteten Geheimnisse. Doch 1953 liess John Archibald ein Dokument zu deren Bau im Zug liegen. Eine Rekonstruktion.

Explosion der H-Bombe «Ivy Mike» im Eniwetok-Atoll im Pazifik, 1952.

Explosion der H-Bombe «Ivy Mike» im Eniwetok-Atoll im Pazifik, 1952.

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Schreckmomente dieser Art kennt wohl jeder: In Gedanken versunken, lässt man das Portemonnaie, das Handy oder ein wichtiges Dokument liegen. Bis man es merkt, ist der Zug schon abgefahren oder das Restaurant geschlossen. Man langt sich an den Kopf: Wie kann man nur so dumm sein? Und verdammt noch mal, was nun?

Den wohl denkbar schlimmsten Aussetzer dieser Art hatte der US-Physiker John Archibald Wheeler. Während des Zweiten Weltkriegs war er führend an der Produktion von bombenfähigem Plutonium beteiligt. Von 1951 bis 1953 leitete er das Projekt «Matterhorn B», dem an der Princeton University angesiedelten Vorhaben zum Bau der Wasserstoff­bombe. Später prägte Wheeler mittlerweile geläufige Ausdrücke wie schwarzes Loch für jene Schwerkraftmonster, deren Existenz Einsteins allgemeine Relativitätstheorie vorhergesagt hatte.

1953 passierte Wheeler das Undenkbare. Er liess streng geheime Dokumente mit sensiblen Informationen über den Zündmechanismus der Wasserstoffbombe in einem Zug liegen. Und das in einer Zeit, als der Kalte Krieg sich dem Siedepunkt näherte, Atomspionage ein viel diskutiertes Thema war und die USA im Morast des Koreakriegs steckten. Kein militärisches Geheimnis wurde in jener Zeit besser gehütet als der Bau der neuen Superbombe, deren unvorstellbare Zerstörungskraft erst kurz zuvor, im November 1952, bei einem Test demonstriert worden war.

Physiker John Archibald Wheeler. Foto: Getty Images

Zu diesem Zeitpunkt besass die Sowjetunion bereits herkömmliche Atombomben. Die USA waren jedoch die einzige Nation, die ein Rezept für die Wasserstoff­bombe gefunden hatte. Noch galt es, aus dem funktionierenden Rezept eine militärisch taugliche Waffe zu entwickeln. Es wäre ein Super-GAU gewesen, wäre das geheime Rezept den Sowjets in die Hände fallen.

Die wegen des chemischen Symbols H für Wasserstoff auch H-Bombe genannte Waffe war in den USA höchst umstritten, die Physik-Community tief gespalten. Gegner argumentierten, die H-Bombe sei weder militärisch notwendig, noch sei sie wegen ihrer Zerstörungskraft moralisch zu rechtfertigen. Befürworter, darunter Wheeler, erachteten diese Sichtweise als gefährlich naiv.

FBI-Dokument wirft neues Licht auf Wheelers Fauxpas

Im Januar 1950 befahl US-Präsident Truman, die H-Bombe zu entwickeln. Aber damit waren nicht alle Hürden ausgeräumt. Im Hintergrund spielte sich ein geheimer Krieg der Befürworter ab, um die Gegner der Bombe von wichtigen Schaltstellen zu entfernen. Ein bislang unter Verschluss gehaltenes Papier des FBI, der zentralen Sicherheitsbehörde der USA, hat neues Licht auf Wheelers Verlust der heiklen Dokumente geworfen. Das Papier wurde kürzlich unter dem US-Gesetz zur Informationsfreiheit öffentlich zugänglich gemacht. Der Wissenschaftshistoriker Alex Wellerstein vom Stevens Institute of Technology in Hoboken, New Jersey, hat das FBI-Dokument ausgewertet und in «Physics Today» darüber berichtet.

Erste Seite der geheimen Zusammenfassung über die H-Bombe.

Im Rahmen seiner Tätigkeit für «Matterhorn B» fuhr Wheeler am 6. Januar 1953 mit verschiedenen Zügen, um von seiner Heimat in Princeton, New Jersey, nach Phi­ladelphia zu gelangen. Dort bestieg er einen Nachtzug nach Washington D. C. Im Gepäck hatte er einen kurzen, aber potenten Bericht, der erklärte, wie die USA die vielen Hürden für den Bau der H-Bombe überwunden hatten. Vor einem Komitee sollte er darüber referieren. Dazu hatte er mit Kollegen eine sechsseitige historische Zusammenfassung verfasst. Darin enthalten: die Quintessenz des Wasserstoffbombenrezepts. Wheeler hatte das sechsseitige Dokument in einen weissen Umschlag gesteckt und diesen mit weiteren Geheimdokumenten in ein weiteres, braunes Couvert. Dieses verstaute er in seinem Aktenkoffer. Im Nachtzug begab er sich sofort in seine Schlafkoje. Er nahm die H-Bomben-Dokumente aus seinem Koffer, um sie nochmals zu lesen, und machte sich Notizen.

Später gab Wheeler zu Protokoll, er habe die Dokumente kurz nach 23 Uhr wieder eingepackt und zum Schlafen den Akten­koffer zwischen sich und der Abteilwand verstaut. «Für ein geheimes Dokument war das ein unzureichendes Sicherheitsverfahren», schreibt Wellerstein.

Beim Verlassen der Toilette vergass er den Umschlag

Doch es kam noch schlimmer. Um 6.45 Uhr wurde Wheeler wie vereinbart vom Kondukteur geweckt und begab sich samt Aktenkoffer ins Bad am anderen Ende des Zugs. Er liess den Aktenkoffer am Waschbecken stehen, nahm aber beim Gang auf die Toilette das braune Couvert mit den verschiedenen Geheimdokumenten heraus. Da er keinen geeigneten Platz für den Umschlag fand, steckte er ihn hinter einige Rohre an der Wand im WC. Beim Verlassen der Toilette vergass er den Umschlag.

Als Wheeler den Fauxpas bemerkte, nutzten zwei Männer die Waschbecken, ein dritter hatte sich im WC eingeschlossen. Wheeler kletterte auf den Waschtisch und spähte in die Toilette. Den Umschlag konnte er nicht erkennen. Aber er sah den Mann und sah auch, dass dieser nichts las.

Die Paranoia der US-Behörden steigert sich noch mehr

Wheeler beobachtete den Mann, bis er sein Geschäft verrichtet hatte und die Tür öffnete. Sofort schnappte sich Wheeler das braune Couvert hinter den Rohren. Es machte einen unveränderten Eindruck. Erleichtert wusch er sich fertig, nahm Aktenkoffer samt Couvert mit, ging zurück in sein Abteil und zog sich fertig an.

Doch Wheeler hatte sich zu früh gefreut. Nachdem er sich an seinen Platz im Tagesabteil des Zugs begeben hatte, öffnete er um 7.20 Uhr den Aktenkoffer, um die Dokumente zu prüfen. Der braune Umschlag war natürlich da, er hatte ihn ja eben erst dort verstaut. Aber der weisse Umschlag mit den Dokumenten zur H-Bombe war verschwunden. Weder eine nochmalige Durchsuchung des Aktenkoffers noch ein Check der Waschräume und des gesamten Zuges samt aller Mülleimer förderte die Dokumente zutage.

«Wheeler konnte den FBI-Aufzeichnungen zufolge nur noch unzusammenhängend stammeln», schreibt Wellerstein. In den folgenden Stunden und Tagen versuchte das FBI mit allen Mitteln, die Dokumente wiederzufinden. Wheeler, der Kondukteur und mehrere Mitreisende wurden verhört. Je länger das FBI Wheeler befragte, desto weniger traute er seinem Gedächtnis. Hatte er das H-Bomben-Dokument vielleicht nach dem Lesen in der Kabine aus Versehen nicht wieder in den braunen Umschlag gesteckt? Wurde das Dokument vielleicht zusammen mit den Bettlaken entsorgt? Oder hatte tatsächlich jemand das H-Bomben-Rezept gestohlen?

Wheeler kam mit einer Verwarnung davon

Jedenfalls trug das Ereignis dazu bei, die ohnehin schon vorhandene Paranoia der US-Be­hörden weiter zu schüren. Was ist mit dem sechsseitigen Dokument geschehen? «Falls es jemand wissen sollte, hat er es nicht preisge­geben», schreibt Wellerstein. In den Archiven eines anderen Landes ist das Dokument bislang nicht aufgetaucht. Auch habe sich Russland in diesem Fall nicht wie sonst gern mit einer erfolgreichen Spionageaktion gebrüstet.

Der Unglücksrabe Wheeler kam mit einer Verwarnung davon. «Er war einfach zu wichtig, um bestraft zu werden», schreibt Wellerstein. Die USA brauchten den hochkarätigen Physiker unbedingt für ihr Wasserstoffbomben-Projekt.



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Erstellt: 01.02.2020, 19:35 Uhr

So kommt es zur Explosion

Bei einer herkömmlichen Atombombe wird die Energie für die Detonation aus der Spaltung schwerer Atomkerne wie Uran oder Plutonium gewonnen. Bei einer Wasserstoffbombe kommt die Energie stattdessen aus der Fusion der leichten Wasserstoff-Isotope Deuterium und Tritium. Bei dem von Edward Teller und Stanislaw Ulam in den USA entwickelten Teller-Ulam-Design wird zunächst eine herkömmliche Atombombe zur Detonation gebracht. Die dabei frei werdende Energie komprimiert und erhitzt den Fusionssprengstoff aus den Wasserstoffisotopen – es erfolgt die eigentliche Detonation der Bombe. Mit «Ivy Mike» wurde eine entsprechende Bombe erstmals am 1. November 1952 auf der Insel Elugelab im Eniwetok-Atoll (Marshallinseln) gezündet.

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