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«Wir können nicht warnen»

Bald stürzt die chinesische Raumstation Tiangong 1 auf die Erde. Weltraumforscher Holger Krag erklärt, warum er Ort und Zeitpunkt nicht genau berechnen kann.

Bereits 2016 brach der Kontakt zu Tiangong 1 ab. Nun stürzt die Raumstation auf die Erde. Foto: Lintao Zhang (Getty Images)
Bereits 2016 brach der Kontakt zu Tiangong 1 ab. Nun stürzt die Raumstation auf die Erde. Foto: Lintao Zhang (Getty Images)

Irgendwann zwischen dem 30. März und dem 2. April wird die chinesische Raumstation Tiangong 1 auf die Erde stürzen. Warum weiss man nicht, wann und wo die Station abstürzt?

Zum einen spielt eine grosse Rolle, in welcher Lage sich die Raumstation gerade befindet. Je nachdem, ob sie mit der grössten oder kleinsten Fläche voran fliegt oder sogar taumelt, wird sie von der Atmosphäre unterschiedlich stark abgebremst. Das können wir heute kaum vom Boden aus messen. Insbesondere aber hängt die Vorhersage stark von den oberen Schichten der Atmosphäre ab. Je nach deren Dichte wird die Station mehr oder weniger gebremst. Diese Dichte wird durch die Sonnenaktivität beeinflusst, die wir bisher noch unzureichend verstehen.

Deswegen kann man auch nicht berechnen, wo sie abstürzt?

Nein. Tiangong 1 umfliegt die Erde ­16-mal am Tag mit sehr hoher Geschwindigkeit. Kennt man den Zeitpunkt des Wiedereintritts in die Atmosphäre nur ungenau, dann ist das mögliche Absturzgebiet riesig. Erst wenn die Station auf eine Höhe von 100 Kilometern abgesunken ist, wird die Sache klar, denn dort beginnt der eigentliche Wiedereintritt in die Atmosphäre. Dann wird sie innerhalb weniger Minuten von ihren 27'000 bis auf 300 Kilometer pro Stunde heruntergebremst, mit denen sie senkrecht auf die Erde fällt. Sicher ist zurzeit nur, dass die Station irgendwo zwischen 43 Grad nördlicher und 43 Grad südlicher Breite herunterkommt. Denn sie fliegt auf einer Bahn, die gegenüber der Äquatorebene um 43 Grad geneigt ist. Andere Orte auf der Erde überfliegt sie gar nicht.

In der Schweiz kann also nichts passieren?

Hier kann nichts passieren. Aber innerhalb dieses Bandes, in dem immer noch der grösste Teil der Erdoberfläche liegt, kann sie überall abstürzen. Bedauerlicherweise ist in dem Bereich auch die Bevölkerungsdichte relativ hoch. Indien und China liegen in dem Band, insgesamt leben dort etwa fünfeinhalb Milliarden Menschen.

Könnte die Raumstation auch in ein voll besetztes italienisches oder spanisches Fussballstadion fallen?

Man darf sich das nicht so vorstellen, dass die Station als Ganzes einschlägt. Der grösste Teil wird beim Eintritt in die Hochatmosphäre verglühen. Der Rest, ein paar Elemente aus hitzefestem Material wie die Tanks aus Titan oder Edelstahl, die können überleben und fallen einzeln auf die Erde. Sie werden aber nicht auf einem Punkt herunterkommen. Die Absturzzone zieht sich auf eine Distanz von 1000 bis 1200 Kilometer hin. Wie gross die Teile sind, ist schwierig zu sagen. Sie können fussballgross sein, es kann aber auch mal ein Teil sein, das so gross ist wie der Öltank im Heizungskeller.

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Insgesamt ist die Raumstation etwa so gross wie ein Bus. Wie viel Material kommt davon unten an?

Weil es eine chinesische Raumstation ist, kennen wir den Aufbau nicht so detailliert, als dass wir das vorhersagen könnten. Dazu müssten wir das Material und die Grösse der Komponenten und ihre genaue Lage an Bord kennen. Aus Erfahrung würde ich sagen, dass etwa 20 bis 40Prozent der ursprünglichen Masse übrig bleiben, also 1,5 bis 3,5Tonnen. Aber eben nicht als dichter Trümmerregen, sondern mit mehreren Kilometern Abstand zwischen den Fragmenten.

Können Sie da noch rechtzeitig vorwarnen?

Leider nicht. Oft bekommen wir noch eine letzte Positionsmessung rund sechs Stunden vor dem berechneten Eintritt in die Atmosphäre. Dann bleibt immer noch ein Unsicherheitsfenster von zwei bis drei Stunden, was ein bis zwei Erdumläufe ausmacht. Mit etwas Glück kann man zu diesem Zeitpunkt den einen oder anderen Kontinent ausschliessen. Genauer geht es nicht. Deswegen können wir auch keine Warnung rausgeben.

Klingt nicht sehr beruhigend.

Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, ist winzig. Für eine Person ist es wahrscheinlicher, zweimal im Jahr vom Blitz getroffen zu werden, als ein Teil der Raumstation abzubekommen. In der gesamten Geschichte der Raumfahrt ist noch nie etwas passiert.

Passiert so etwas denn öfter?

In diesem Jahr sind es so 50 Objekte, die wiedereintreten. Die Tiangong 1 ist mit ihren 8,5 Tonnen schon das grösste Stück. Insgesamt kommen aber 100 Tonnen runter. Daran sieht man, dass Tiangong 1 alleine nicht das Problem ist. Insgesamt sind noch 8000 Tonnen Schrott im All. Aber in der gesamten Raumfahrtgeschichte sind schon so 30'000 Tonnen wieder eingetreten, und wie gesagt: Es wurde noch nie jemand verletzt.

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