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Elektroden und Implantate: «Wir sind längst Cyborgs»

Die Publizistin Miriam Meckel erzählt, wie IT-Firmen an der Optimierung des Gehirns arbeiten. Wohin führt dieses Brainhacking?

Mit Miriam Meckel sprach Judith Wittwer
«Beim Selbstversuch ist mir klar geworden: Wir wissen viel zu wenig»: Miriam Meckel. Foto: Stefanos Notopoulos
«Beim Selbstversuch ist mir klar geworden: Wir wissen viel zu wenig»: Miriam Meckel. Foto: Stefanos Notopoulos

Wie viele Stunden haben Sie heute Nacht geschlafen?

Ungewöhnlich viele: acht Stunden.

Wie lange schlafen Sie denn normalerweise?

Im Schnitt ungefähr sechseinhalb Stunden. Sind es deutlich weniger, bin ich müde und nicht voll leistungsfähig.

Manager und Politiker brüsten sich damit, dass ihnen vier Stunden Schlaf genügen.

Die Schlafforschung zeigt, dass das zu wenig ist. Und das merkt man auch, wenn man mit solchen Politikern und Wirtschaftsführern zusammenarbeitet. Ich erinnere mich an ein Treffen mit zwei deutschen und dem israelischen Ministerpräsidenten. Da schlief doch tatsächlich einer während einer wichtigen Verhandlung am Tisch ein! Andere verlieren wegen Übermüdung die Nerven oder entscheiden viel zu impulsiv. Wenn man mit einem permanenten Schlafdefizit durch die Welt läuft, ist es, als stünde man unter Alkoholeinfluss.

Woher kommt das Abschwören auf den Schlaf?

Der Schlaf passt nicht zum Macherimage unserer Leistungsgesellschaft. Schlafen bedeutet Kontrollverlust, Loslassen, sich durch Träume in einen anderen Zustand begeben. Das hat vordergründig wenig mit Leistung und Rationalität zu tun. Dabei regenerieren wir uns im Schlaf, sammeln neue Kräfte, lassen die Fantasie leben.

Schlafen bedeutet auch Verletzlichkeit. Die Jäger und Sammler von einst schliefen deshalb nie acht Stunden am Stück.

Diese haben vielleicht nicht acht Stunden durchgeschlafen, aber natürlich haben sie geschlafen – unter Umständen sogar mehr als wir heute. Man muss ja nicht unbedingt am Stück schlafen. Es gibt noch ganz andere Schlafmodelle. Viele Südeuropäer stehen sehr früh auf, arbeiten bis zum späten Mittag, legen sich dann zur ausgedehnten Siesta hin und arbeiten wieder bis in den späten Abend. Auch in Asien, wo ich wiederholt gearbeitet habe, konnte ich beobachten, wie in den Grossraumbüros um die Mittagszeit das Licht ausging, die Angestellten den Kopf auf ihre Arme legten und ein Nickerchen machten. Man kann auch zwei Stunden schlafen, zwei wach sein und dann wieder zwei Stunden schlafen. Fussballstar Ronaldo pflegt bekanntlich einen solchen Rhythmus mit vielen kürzeren Schlafeinheiten.

Im Schnitt schlafen wir aber weniger als früher. Vor 100 Jahren waren es acht bis neun Stunden pro Nacht, heute sind es sieben. Wo führt das hin?

In eine übermüdete Gesellschaft. Die sieht die Welt negativer, weil viele Menschen unter einem Mangel an Botenstoffen im Gehirn leiden, die wir für unsere geistige Aktivität und unser Wohlbefinden brauchen. Der Schlaf ist das Wartungsprogramm unseres Gehirns. Es funktioniert wie eine Müllabfuhr, schafft Ordnung und reichert das Erlebte zu Erinnerungen an. Der biochemische Müll, der sich über den Tag angesammelt hat, wird abtransportiert. Erinnerung und Erfahrung werden verarbeitet und gespeichert. Menschen mit einem starken Schlafmanko sind weniger konzentriert, erinnern sich schlechter und sind oft auch ablehnend der Welt gegenüber. Das kann bis zu Depression führen.

«Manipulieren wir das Gehirn, manipulieren wir unser Selbst.»

Eine Antwort auf Übermüdung sind Pillen.

Dahinter steckt ein Optimierungs- und Normierungswahn, ein Menschenbild, das dem einer Maschine gleicht: Ich schlucke Pillen, um mich hochzufahren, und dann wieder welche, um mich runterzufahren. Das mag kurzfristig helfen, langfristig schadet es, denn unser Gehirn ist dafür viel zu komplex aufgebaut.

Sie machten Selbstversuche mit Pillen für Ihr neues Buch. Wie fühlt man sich auf Ritalin?

Ich habe mich gefühlt wie ein Computer. Total funktions- und konzentrationsfähig, aber auch ein bisschen irre. Keller aufräumen funktionierte bei mir zum Beispiel bestens. Super klappte auch, ein Gedicht oder eine Powerpoint-Präsentation auswendig zu lernen. Was bei mir aber gar nicht ging, waren kreative Arbeiten. Schreiben zum Beispiel. Die wissenschaftlichen oder journalistischen Texte, die ich unter Einfluss von Ritalin geschrieben habe, waren unfassbar schlecht. Mein Fazit: Ritalin regt nicht das Denken an. Es setzt einfach das Gehirn unter Strom.

Unter Strom lernt man besser. Ritalin soll unter Studenten in Prüfungsphasen deshalb beliebt sein. Was beobachtet die Professorin?

Ich hatte in der Tat schon eine Reihe von Gesprächen mit Studierenden, die mir auffällig erschienen und die dann auch einräumten, dass sie Medikamente nehmen. Da muss man nicht übermoralisieren, aber doch ein paar Dinge zurechtrücken. Es hat keinen Sinn, sich so hohe Ziele zu stecken, dass man sie nur mit Medikamenten erreichen kann.

Sie testeten auch Modafinil, eine Substanz zur Bekämpfung der Schlafkrankheit.

Modafinil ist in den letzten Jahren hip geworden, weil der Stoff bei Menschen, die nicht unter der Schlafkrankheit leiden, stimulierend wirken kann. Meine Erfahrung mit Modafinil war, dass ich kreativer war als unter Ritalin, ich bin davon jedoch sehr müde geworden. So eine paradoxe Reaktion kann vorkommen. Aber dann hilft es natürlich auch nicht.

Der letzte Schrei im Silicon Valley soll aber das «Microdosing» von LSD sein, wie Sie im Buch schreiben. Haben Sie das auch getestet?

Natürlich nicht. (lacht)

Laut Ihrem Buch wäre man damit aber fokussierter und kreativer.

Deshalb prüft ja auch die Forschung, es als Therapiemittel einzusetzen. Von den IT-Nerds im Silicon Valley wird es aber zur Selbstverbesserung eingesetzt. Wir wissen da noch nicht genug. Gut möglich, dass wir in zwanzig Jahren ganz anders über das «Microdosing» von LSD nachdenken.

Ritalin, Modafinil oder LSD sind laut ihrem Buch aber erst der Anfang. Brainhacking ist das Ziel, auf das Firmen wie Facebook hinsteuern. Klingt nach Science-Fiction.

Es ist aber bereits Realität und funktioniert nach demselben Prinzip wie die Pillen: Turn on, turn off – je nachdem, ob man rauf- und runtergefahren werden will. Konkret habe ich in Boston ein Gerät ausprobiert, das als Lifestyleprodukt für 299 Dollar frei am Markt erhältlich war. Mit einer App steuert man über zwei Elektroden am Kopf niederschwelligen Strom ins Gehirn. Der Strom soll das vegetative Nervensystem beeinflussen, um für mehr Energie oder Entspannung zu sorgen.

Hat bei Ihnen ja bestens geklappt. Sie mussten sich übergeben.

Ich will nicht in Abrede stellen, dass ich durch meinen Jetlag oder Anwendungsfehler etwas provoziert habe. Ein Hirnforscher der Harvard University hat mir allerdings bestätigt, dass er niemanden kennt, der das freiwillig tun würde.

Wozu dann das alles?

Die Methode kann unter genauen medizinischen Anwendungen interessante Ansätze zur Behandlung von Depressionen liefern. Was mir aber durch diesen Selbstversuch mit Brainhacking klar geworden ist: Wir wissen viel zu wenig über unser Gehirn, gehen aber mit sehr rabiaten Werkzeugen an dieses feine System. Das ist gefährlich.

Firmen investieren dennoch Millionen ins Geschäft mit der Hirnstimulation.

Die Versuchung ist da, durch Innovation und Manipulation unser Gehirn und damit den Menschen nochmals einen Schritt nach vorn zu bringen. Ein Blick zurück zeigt, dass sich der technologische Fortschritt letztlich immer durchgesetzt hat, wenn er unser Leben verbessert hat. Das wird auch bei der technischen Vernetzung des Gehirns so sein. Und die Firmen, die unsere Gehirne ans Internet anschliessen, werden ein riesiges Geschäft machen. Unser Kopf ist die nächste Eroberungszone.

Wohin führt diese Optimierung des Gehirns?

Wenn es bei Hirnstimulationen um medizinische Verbesserungen geht, also etwa darum, ob eine querschnittsgelähmte Patientin dank eines Hirnimplantats und eines darüber gesteuerten Roboterarms selbstständig einen Apfel essen kann, dann ist das grossartig. Aber wir sind bei dieser Entwicklung auch schnell beim Massenmarkt und neuen sozialen Fragen: Hat der Einzelne noch die Wahl, mit seiner Gehirnleistung zufrieden zu sein, wenn er sie technisch problemlos verbessern könnte?

Sie haben auch Spracherkennungsprogramme ausprobiert. Die waren ziemlich langsam.

Aber es funktioniert. Mithilfe einer Elektronenhaube auf dem Kopf kann ich Worte in den Computer denken. Das funktioniert über eine Software, die meine Gehirnströme lesen gelernt hat, und dann weiss, wie das Muster meiner neuronalen Signale aussieht, wenn ich A oder Z denke.

Ist aber weit entfernt von der Massenanwendung.

Facebook hat angekündigt, eine solche Spracherkennung für den Massenmarkt umsetzen zu wollen, und zwar in einer Geschwindigkeit von hundert Worten pro Minute. Das geht dann viel schneller, als wir schreiben können.

Sind dann die Gedanken überhaupt noch frei?

Die ersten Schritte sind mit dem Smartphone ja längst gemacht. Noch liegt die Schnittstelle zum Computer als Telefon in unserer Hand. Sie wird bald in unsere Körper und Köpfe hineinreichen. Schon heute gibt es in den USA Firmen, die ihren Angestellten Chips unter die Haut schiessen, mit denen sich die Bürotüren öffnen lassen oder Kaffee ziehen lässt. Hirnimplantate für den Massenmarkt sind sicher noch Zukunftsmusik, aber auch daran arbeiten einige Firmen längst.

Gedankenlesen können sie aber bisher nicht.

Für die Datensammler der IT-Konzerne sind wir schon heute offene Bücher. Sie lesen aus unserer Datenspur heraus, wer wir sind. Noch ist die Grenze zwischen unserem Gehirn und der Aussenwelt allerdings weitgehend undurchbrochen.

Das wird sich doch so schnell nicht ändern.

Ich glaube schon. Deshalb auch der Titel meines Buches: «Mein Kopf gehört mir». Er ist ein Aufruf, das Gehirn dafür zu nutzen, wofür es gemacht ist: zum selbstständigen Denken. Im Gehirn kommt zusammen, was uns als individuelle Persönlichkeiten ausmacht. Manipulieren wir das Gehirn, manipulieren wir uns.

Wird Denken eine Frage des Geldes?

Wenn wir in der Lage sind, uns durch den Einsatz von Technologie anders kognitiv auszustatten, dann wird es eine Frage des Geldes.

Die Technik und das Portemonnaie werden also unsere Persönlichkeit verändern?

Unsere Persönlichkeit steckt bereits heute zur Hälfte in unseren Computern. Gerade die jüngere Generation macht alles übers Smartphone: schreiben, telefonieren, Videos schauen, einkaufen, Autos mieten, die Heizung regulieren – das ganze Leben wird gesteuert über das Smartphone als Fernbedienung unseres Alltags. Wir haben es zwar als externes Gerät in unserer Tasche, aber wir sind damit stets innerlich verbunden. Wir sind also eigentlich längst Cyborgs, Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine.

Wo sehen Sie die Grenzen dieses Neurokapitalismus?

Das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens könnte auch bei der Hirnstimulationen relevant sein. Das Gehirn kann nicht beliebig optimiert werden. Die Stärke des Menschen liegt auch in seiner Unberechenbarkeit, seiner Möglichkeit, aus den messbaren Standards und Erwartungen auszubrechen. Das eröffnet uns neue Denkweisen und die Fähigkeit, kreativ und innovativ zu sein. Das sollten wir uns erhalten. In Zeiten der umfassenden technischen Optimierung ist die Unberechenbarkeit unser menschliches Alleinstellungsmerkmal.

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