Der «Jadehase» rollt los, während die Sonde Mond-Kartoffeln züchtet

Auf der Rückseite des Mondes macht China einen ersten kleinen Schritt hin zu einem geschlossenen Ökosystem.

China gelingt Landung auf Mond-Rückseite: Animationen der chinesischen Weltraumbehörde CNSA. (4. Januar 2018) Video: Reuters

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Nach der ersten Landung auf der Rückseite des Mondes hat China auch das Roboterfahrzeug der Mission in Betrieb genommen. «Yutu 2», übersetzt der «Jadehase 2», rollte am Donnerstagabend von der Landesonde «Chang'e 4» und berührte erstmals die Mondoberfläche. Dies teilte die chinesische Weltraumbehörde CNSA auf ihrer Webseite mit. Auf einer zur Erde gesendeten Aufnahme ist das Fahrzeug mit ausgeklappten Solar-Zellen zu sehen. Zuvor war es von einer Rampe gefahren und hinterliess mit seinen Reifen die ersten Spuren im lockeren Mondboden.

China hatte Stunden zuvor mit der Landung von «Chang'e 4» Raumfahrt-Geschichte geschrieben. Es war das erste Mal, dass eine Sonde auf der von der Erde abgewandten Seite des Mondes aufsetzte. Die unbemannte Sonde landete am Aitken-Krater in der Nähe vom Südpol des Mondes. Der Chefingenieur der Mission, Sun Zezhou, lobte die «ausgesprochen präzise» Mondlandung. Die Sonde sei ganz «sanft» aufgesetzt, sagte er dem Staatssender CCTV. Sie sei an einem «idealen Ort» gelandet, «genau im Herzen der Zone, die wir dafür vorgesehen hatten». «Wir bauen nun China zu einer Luft- und Raumfahrtmacht aus», sagte der Chefentwickler des chinesischen Mondprogramms, Wu Weiren, dazu.

Halten sich Kartoffeln und Seidenraupen die Waage?

Die sechsrädrige Sonde wiegt rund 140 Kilogramm und ist rund eineinhalb Meter gross. Sie soll während dreier Monate auf der erdabgewandten Mondseite das unberührte Terrain erforschen und wissenschaftliche Experimente vornehmen. An Bord des Rovers befindet sich eine Kamera, ein Bodenradar, ein bildgebendes Spektrometer und ein spezielles Instrument aus Schweden, das messen soll, wie der Sonnenwind mit der Mondoberfläche interagiert, wie der Professor für planetäre Geowissenschaften, David Rothery, auf «The Conversation» erklärt.

An Bord der Landesonde befindet sich zudem eine abgedichtete, rund drei Kilogramm schwere Biosphäre mit Kartoffelsamen und Seidenraupeneiern, die zum Keimen angeregt werden. Damit soll getestet werden, ob sich die Produktion von Kohlendioxid durch die Larven und die Absorption von Kohlendioxid durch die Photosynthese der Kartoffelsetzlinge ausgleichen, erklärt Rothery weiter. «Letztendlich ist das ein kleiner Schritt hin zu einem nachhaltigen, geschlossenen Ökosystem auf dem Mond», so der Professor.

Bildstrecke: Die ersten Bilder der Sonde Chang'e 4

Dieses Experiment ist also auch ein Teil der Vorbereitungen auf weitaus ehrgeizigere Ziele in der Raumfahrt: China plant einen Stützpunkt auf dem Mond, eine bemannte Raumstation sowie ein Mars-Fahrzeug. Der Stützpunkt soll zur Erforschung des Erdtrabanten sowie als Basis für Missionen zum Mars dienen. Die Basis soll über «mehrere Röhrenkabinen verfügen, die die Menschen im Inneren miteinander verbinden und mit Sauerstoff versorgen», hiess es in einem Video der CNSA im Frühjahr 2018, über das chinesische Medien und der britische «Telegraph» berichteten. Zudem will Peking bis 2021 eine wiederverwertbare Trägerrakete entwickeln, die mehr Fracht transportieren kann als die Nasa und das private Raumfahrtunternehmen SpaceX.

Eine Rakete vom Typ Langer Marsch war am 8. Dezember vom Weltraumbahnhof Xichang im Südwesten Chinas mit dem Mond-Rover «Chang'e 4» in Richtung des Erdtrabanten gestartet. Die Landung auf der Mondrückseite gilt generell als schwierig: Während die der Erde zugewandte Seite des Mondes viele flache Stellen zum Landen hat, ist die grösstenteils unerforschte Rückseite des Erdtrabanten deutlich schroffer und bergiger.

Interview: «Die Chinesen haben Grosses geleistet» Jan Wörner, der Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation, ordnet die chinesische Mondlandung ein.

1959 war es der Sowjetunion gelungen, die ersten Bilder der Rückseite aufzunehmen und damit das Geheimnis um die «dunkle Seite des Mondes» zumindest teilweise zu lüften. Das von der chinesischen Sonde angesteuerte Aitken-Becken liegt in der Nähe des Südpols des Mondes–einem besonders zerklüfteten Bereich. Dort muss die Sonde nun unter harten Bedingungen funktionieren.

Harte Bedingungen

Während der Mondnacht, die 14 Tagen auf der Erde entspricht, sinken die Temperaturen auf bis zu minus 173 Grad Celsius. Während des Mondtages, der ebenfalls 14 Tage dauert, wird es bis zu 127 Grad warm. Die Instrumente müssen diesen Schwankungen standhalten und während der hellen Zeit genug Energie tanken, um die dunkle Zeit zu überstehen.

Auch die Kommunikation mit der Sonde ist schwierig, weil zur Rückseite des Mondes keine direkte Funkverbindung aufgebaut werden kann. Deshalb wurde im Mai der Satellit Queqiao in eine spezielle Umlaufbahn um die Erde geschickt, über den die Kommunikation zwischen der Erde und der Sonde «Chang'e 4» laufen soll. Der Satellit befindet sich auf dem zweiten der fünf sogenannten Lagrange-Punkte im Erde-Mond-System. Das sind Punkte, an denen die Gravitationskräfte und die Bewegungen der Erde und des Mondes so zusammenwirken, dass ein leichter Satellit antriebslos mitkreisen kann. Queqiao umkreist diesen als «L2» designierten Punkt wiederum auf einem kleinen Halo-Orbit, damit der Satellit Signale am Mond vorbei zur Erde senden kann.

Eine animierte Illustration der fünf Lagrange-Punkte in einem System mit zwei Himmelskörper–wie zum Beispiel Erde und Mond. Bild: Wikimedia

Die Raumfahrzeuge des chinesischen Mondprogramms sind nach der Mondgöttin Chang'e aus der chinesischen Mythologie benannt. «Chang'e 4» ist die zweite chinesische Mondsonde nach der Mission «Yutu» (Jade-Hase) von 2013.

«Yutu» hatte den schwierigen Bedingungen auf dem Mond standgehalten. Nach anfänglichen Problemen untersuchte die Sonde den Mond 31 Monate lang. Der Erfolg der Mission gab dem chinesischen Raumfahrtprogramm einen kräftigen Schub. Noch in diesem Jahr ist der Start einer weiteren Sonde, «Chang'e 5», geplant. Sie soll Proben sammeln und zur Erde zurückbringen.

Militärische Dimension

Mit seinem Raumfahrtprogramm verfolgt die Volksrepublik laut dem Sicherheitsexperten Michael Raska von der S. Rajaratnam School für Internationale Studien in Singapur auch militärische Ziele. Für die Volksbefreiungsarmee sei der Weltraum auch eine Frage des «strategischen Standortvorteils», sagte Raska.

Eine starke Präsenz im All werde zunehmend wichtiger für «alles – von der Frühwarnung über Überwachung und Aufklärung bis zur Zielauswahl», sagte er weiter. Inzwischen stützten sich «fast alle Militärmissionen auf irgendeine Form von Weltraum-Fähigkeiten».

Korrektur: Eine erste Version dieses Artikels besagte, dass sich der Satellit Queqiao in der Mondumlaufbahn befinde. Tatsächlich befindet er sich auf einem Halo-Orbit um den zweiten Lagrange-Punkt.

(mac/sda)

Erstellt: 04.01.2019, 09:34 Uhr

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