Zelluloid hat nicht ausgespielt

Nicht alles ist digital besser. Der Zelluloidstreifen spielt in den Filmstudios wieder eine grössere Rolle. Doch das Know-how im Umgang mit den Filmrollen ist immer weniger verbreitet.

Galt einst als veraltet, ist heute aber wieder gefragt: Eine Filmrolle kommt im Jahr 1968 im Berliner Kino Royal Palast zum Einsatz. Foto: Ullstein Bild, Getty Images

Galt einst als veraltet, ist heute aber wieder gefragt: Eine Filmrolle kommt im Jahr 1968 im Berliner Kino Royal Palast zum Einsatz. Foto: Ullstein Bild, Getty Images

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«La La Land» ist ein Musicalfilm, «Shoplifters» handelt von einer armen Familie, «Vice» schildert das Leben eines Politikers, in «Jurassic World» drohen bösar­tige Saurier. Die vier Filme haben eines gemeinsam: Sie wurden auf Zelluloid aufgenommen. Die aktuelle Referenzliste des Filmherstellers Kodak umfasst Produktionen aus allen Genres in Farbe und in Schwarzweiss. Das Material Film behauptet sich mit seiner Analogtechnik erstaunlich gut gegenüber der digitalen Konkurrenz. Von grossen Studios wie von Filmemachern mit begrenztem Budget wird noch ­tatsächlich «gedreht». Selbst Musikvideos von Beyoncé, Jay-Z oder ­Rihanna wurden auf 35-Millimeter-Film aufgenommen.

Warum sie mit Film arbeiten, erklären Regisseure und Kameraleute auf einer Website von ­Kodak. Sie rühmen vor allem die Farben. Damien Chazelle wählte für «La La Land» wegen des «Nostalgiefaktors» Film. Die ­Arme-Leute-Geschichte «Shop­lifters» wurde auf 35-Millimeter-Film aufgenommen, weil nur Film die Welt in den Farben ­zeige, die man im Kopf habe, schreibt Kameramann Ryuto Kondo. Bei «Jurassic World» hatten die Verantwortlichen für die Spezialeffekte dafür plädiert, die realen Aufnahmen im Filmformat 35 und 65 Millimeter zu machen. Auf Film schwören Sofia Coppola, Steve McQueen oder Quentin Tarantino, dessen neuestes Werk deswegen das ­Festival von Cannes im Mai verpasst – die Arbeit mit 35-Millimeter-Technik braucht Zeit.

Das Paillard-Erbstück Bolex lebt auf

Für «Vice», die Filmbiografie von US-Vizepräsident Dick Cheney, benützte Kameramann Greig Fraser 35-Millimeter-Film, 16-Millimeter-Film, 8-Millimeter-Amateurformat und alte Videos. Eine museumsreife Bell-&-Howell-­Kamera aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde für Szenen aus jener Epoche verwendet. Für 16-Millimeter-Film wurden Kameras des Herstellers Arri und der Schweizer Marke Bolex eingesetzt. Arri (Arnold und Richter in München) setzt wie der amerikanische Konkurrent Pana­vision längst auf Digitaltechnik.

Bolex, das letzte Erbstück von Paillard in Yverdon, dem einst ­berühmten Hersteller von ­Präzisionsmechanik (Hermes-Schreibmaschinen), hatte den Anschluss ans Digitalzeitalter verpasst, produziert aber heute in Kleinserien 16-Millimeter-­Kameras. Arri und Bolex waren während Jahrzehnten unerlässlich für Reportage- und Expeditionsfilme, für das Fernsehen und für preisgünstige Kinofilme.

Als das Fernsehen im Hinblick auf die grösseren Bildschirme die Bildqualität mit dem HDTV-Verfahren verbesserte, wurde diese Technik für die Filmstudios interessant. Sie versprachen sich einfacheres, schnelleres und billigeres Arbeiten. 1987 produzierten das italienische und das japanische Fernsehen zusammen mit Sony den ersten elektronisch hergestellten Spielfilm. «Giulia e Giulia» erfüllte die Erwartungen nicht, die Bildqualität war zu schlecht für das Kino. Schuld waren auch die Projektoren. Das in der Schweiz entwickelte Eidophor-System konnte sich in den Kinos nicht etablieren. Andere Verfahren hatten dann mehr Erfolg, bis hin zu den LED-Grossbildschirmen und der Imax-Laser-Projektion, die jetzt eingeführt werden.

Selbst die Videos von Beyoncé und Jay-Z wurden im Filmformat 35 Millimeter aufgenommen.

Als immer mehr Kinos digitalisiert wurden, einigten sich die Studios 2002 auf eine neue Norm, die analoge Filmtechnik galt als überholt – was auch die Branche in der Schweiz traf. «Seit etwa einem Jahr spüren wir jetzt wieder eine Nachfrage nach Filmdienstleistungen», sagt Richard Grell. Seine Firma Cine­grell betreibt das letzte ­Filmlabor der Schweiz und verleiht auch Kameras. «Da Arri keine neuen Filmkameras mehr herstellt, sind die noch vorhandenen Geräte sehr gesucht», sagt Richard Grell. Er selber habe als Kameramann immer an den analogen Film geglaubt. Die Durststrecke scheint jetzt zu enden. Grells Labor hat wieder mehr zu tun, wenn auch die Auslastung noch weit von den Boomzeiten früherer Jahre entfernt ist.

Knapp wird das Know-how. «Kameraassistenten mit der nötigen Routine gibt es immer weniger, sie sind pensioniert oder in andere Berufe abgewandert», sagt Richard Grell. Die Bedienung einer Filmkamera ist kompliziert. Immer wieder muss eine neue Filmrolle eingesetzt werden. Dabei entstehen kleine Aufnahmepausen, die den Arbeitsrhythmus vorgeben.

Der Schweizer Regisseur ­Fredi Murer sagt, man habe mit Film langsamer und sorgfältiger gearbeitet, auch weil jeder Meter Geld kostete. Die Digitaltechnik verführe dazu, drauflos aufzunehmen – Misslungenes könne ja einfach gelöscht werden. ­Fredi Murer schwärmt von den Schönheiten des analogen Filmbilds. Seine letzte Arbeit, «Liebe und Zufall», musste er digital aufnehmen. Dass dieses Werk nun «auf einer Harddisk schlummert» statt auf berührbarem Filmmaterial wie «Höhenfeuer» oder «Vitus» im Archiv, erinnert den Regisseur philosophisch daran, dass auch er selber «bald im Museum landen» werde.

Analoge Filmprojektoren sind rar geworden

Um die Digitaltechnik kommt Altmeister Fredi Murer nicht herum: «Es gibt in den Kinos kaum noch Filmprojektoren.» Mit einigen Millionen Franken Fördergeld des Bundesamts für Kultur haben die Schweizer Kinos schnell und gründlich umgestellt. 2006 gab es 6 Säle mit digitalen Projektoren, heute sind es 600. Laut René Gerber vom Kinoverband Pro Cinema dürften noch in 120 Sälen alte 35-Millimeter-Projektoren stehen. Funktionstüchtig und von ausgebildeten Operateuren bedient ­seien sie wohl nur noch in zwei Dutzend Filmclub-Kinos.

Im Digitalstudio von Cinegrell ist Fredi Murer mit Nicole Allemann gerade daran, seinen Film «Grauzone» von 1979 technisch à jour zu bringen. Gefilmt auf 16-Millimeter-Film, später auf das Kinoformat 35 Millimeter vergrössert, kommt «Grau­zone» jetzt ins digitale Format DCP (Digital Cinema Package), wie es von den Kinos benötigt wird. Der Digitalisierungsprozess ermöglicht auch Korrekturen am ursprünglichen Material, das oft durch Alterung beschädigt ist. Fredi Murer und die Colouristin und Filmtechnikerin Nicole Allemann gehen Szene um Szene, Bild um Bild durch.

Am Ende sehen die digitalisierten Bilder besser aus als ursprünglich auf dem Film. Das ist nicht nur ein Vorteil. Viele Regisseure finden digitale Bilder zu perfekt, fast schon steril. Kino dürfe nicht wie zu gross geratenes Fernsehen wirken, heisst es. In Experimenten haben Filmwissenschaftler der Zürcher Hochschule der Künste gefunden, dass ein Teil des Publikums von analog projizierten Filmen gefühlsmässig mehr angesprochen wird. Durch eine digitale Bearbeitung kann man einem modernen Film künstlich einen quasi histori­sierenden Cinema-Look geben. «Aber man merkt es einem Film an», sagt Nicole Allemann.

Sendungen und Filme digitalisiert und restauriert

Während in den Studios, bei Kameraleuten und Regisseuren Film wieder ein Thema ist, sind die Kinos heute ganz auf Digitalprojektion eingestellt. «Ins Kino wird Zelluloid nicht zurückkommen», sagt Richard Grell. Auch im Fernsehstudio sind die Filmspulen längst verschwunden. «Wir verwenden nur noch digitale Quellen», sagt Heinz Schweizer, der für das Fernsehen SRF Filme einkauft. So wie die Kinos erhält das Fernsehen die Filme über Datenleitungen oder auf einem Datenträger, wie ihn auch Rechenzentren verwenden.

Die umfangreichen Bestände von SRF an Eigenproduktionen, meist im 16-Millimeter-Format, werden sicher verwahrt. Gearbeitet wird im Fernsehstudio mit ­digitalen Kopien. Bei Doku­mentationen und Informationssendungen bleibt es bei der ­Digitalisierung. Derzeit wird zum Beispiel das auf 16-Millimeter-Film aufgenommene Volksmusikarchiv von Wysel Gyr in digitale Form gebracht.

Film ist haltbarer als Datenfiles, die neuer Software und Hardware angepasst werden müssen.

Spielfilme und Serien werden nicht nur digitalisiert, sondern auch noch restauriert, etwa die auf Film gedrehten TV-Serien «Ein Fall für Männdli» (1972) und«Die sechs Kummerbuben» (1968). Eine Stunde Film hat 90'000 Bilder, die Restaurierung von Zelluloid ist teuer und zeitraubend. Meist wird ein alter Film zuerst digitalisiert, dann wird die Digitalfassung bearbeitet.

Viele Archive konzentrieren sich heute aus praktischen und finanziellen Gründen auf die Digitaltechnik. Film ist allerdings haltbarer und pflegeleichter als Datenfiles, die ständig neuer Software und Hardware angepasst werden müssen. Richard Grells Cinegrell restauriert auch alte Videobänder. Vom Tempo der Digitalisierung war die Cinémathèque Suisse in Lausanne dermassen überrascht, dass sie ihre Pläne für einen Neubau nachträglich anpassen musste.

Wenn die neuen Anlagen im September nach längerer Ver­zögerung offiziell in Betrieb genommen werden, wird der Digitalbereich einen viel grösseren Stellenwert haben. Filme werden aber weiterhin gelagert, vermutlich überleben sie besser als ihre digitalen Pendants.

Erstellt: 23.04.2019, 18:16 Uhr

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