«Zürich soll ein Tech-Biotop sein»

ETH-Präsident Lino Guzzella sagt, die Schweiz könne in der digitalen Wirtschaft eine Spitzenposition einnehmen. Was noch fehle, seien der Optimismus und der Tatendrang des Silicon Valley.

«In der Schweiz gibt es immer hundert Gründe, etwas nicht zu tun»: Lino Guzzella. Foto: Peter Thoeny

«In der Schweiz gibt es immer hundert Gründe, etwas nicht zu tun»: Lino Guzzella. Foto: Peter Thoeny

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die ETH hat vor drei Jahren eine Initiative mit dem Ziel gestartet, das kritische Denken vor dem Hintergrund des digitalen Wandels der Wirtschaft zu fördern. Warum?
Ich habe mit Kollegen an der Stanford-Universität gesprochen. Was mich beeindruckt an den Hochschulen in den USA, ist die Fähigkeit, über alle Disziplinen hinweg kritisch zu denken. Das ist etwas, das ich an der ETH fördern möchte.

Die Digitalisierung ist mehr als 50 Jahre alt. Warum entdeckt die ETH dieses kritische Denken erst jetzt und will es fördern?
Diese Art des Denkens war schon immer stark verankert. Als ich noch Professor war, habe ich aber bemerkt, dass immer mehr Stoff und Wissen in die Vorlesungen gepackt wurde. Ich habe mich gefragt, ob weniger nicht mehr wäre. Mehr Reflektieren als Auswendiglernen. Wenn wir den digitalen Wandel betrachten, so gehört natürlich ein Grundstock an Wissen dazu. Heute aber ist der Grundstock an Wissen permanent im Internet abrufbar. Damit werden die Fähigkeit zum Reflektieren und das kritische Hinterfragen immer wichtiger.

Trotzdem kommt die Initiative ein wenig spät.
Wenn ich früher im Amt gewesen wäre, wäre es auch früher passiert.

Erfolgreiche Unternehmer wie Steve Jobs, Bill Gates oder Mark Zuckerberg haben ihr Studium abgebrochen. Im Silicon Valley gehts wohl gut ohne Diplom. Warum nicht hier?
Ein Diplom braucht es nicht, aber kein Diplom zu haben, ist auch keine Garantie für den Erfolg. Steve Jobs oder Mark Zuckerberg waren und sind gute Geschäftsleute. Aber ihren Erfolg haben sie auf Technologien aufgebaut, den Internetprotokollen im Fall von Facebook und den Mikrochips im Fall von Apple. Diese Technologien haben nicht Herr Zuckerberg und Herr Jobs erfunden. Es waren die hervorragenden technischen Talente hier im Silicon Valley, die ihren Erfolg ermöglicht haben.

Die Zahl der gut ausgebildeten Programmierer und Datenwissenschaftler in der Schweiz bleibt seit Jahren hinter der Nachfrage zurück. Sehen Sie darin ein Versäumnis der ETH?
Man kann das so drehen, aber ich kann Ihnen ­versichern, dass wir alles getan haben, um junge Menschen für die Datenwissenschaften und die ­Informatik zu gewinnen. Im Maschinenbau jedoch haben wir in den letzten zehn Jahren ein gewaltiges Wachstum erlebt. Als ich studierte, waren 180 im Jahrgang Maschinenbau, heute haben wir 400 bis 450 Neueinsteiger. Das Informatikstudium hat noch immer das falsche Image der Nerds, die für sich allein im Kämmerlein programmieren. Wir geben uns grosse Mühe, dieses Image zu korrigieren. Auch Informatiker arbeiten zusammen und produzieren spannende Dinge. Wir wollen mehr Infor­matiker, aber nicht zum Preis, die Anforderungen zu senken. Das ist unverhandelbar an der ETH.

Was kann die ETH vom Silicon Valley lernen?
Wir können es nicht eins zu eins kopieren. Was wir lernen können, ist Folgendes: Die Leute hier sind überzeugt, dass sie die Welt verändern können. Diesen Optimismus und die Bereitschaft, Fehler zu machen und zu scheitern, müssen wir unbedingt in die Schweiz bringen. In der Schweiz gibt es immer hundert Gründe, etwas nicht zu tun. Hier gilt das Gegenteil: Versuchen wir es. Diese Offenheit des Geistes haben wir ja auch mit der Flower-Power-Bewegung erlebt. Im Summer of Love von 1968 war alles möglich. Diesen Geist wollen wir hinbekommen in der Schweiz. Wenn wir es nicht versuchen, werden wir garantiert scheitern.

Das US-Militär hat im Kalten Krieg die Grundlagenforschung finanziert, auf der heute viele Tech-Firmen aufbauen. Im Juni unterzeichnete Verteidigungsminister Guy Parmelin einen Aktionsplan Cyber-Defense. Wo ist da der Platz der ETH?
Der Platz der ETH ist klar. Wir wissen, wo die aktuelle Forschung steht, und wir wissen, wo sie betrieben wird und wie ihre Grenzen sind. Die ETH verfügt im Bereich Cyber-Security über eines der fünf besten Teams der Welt. Besonders in der Cyber-­Security gilt aber immer noch die Vorstellung, die Experten müssten ihr Leben lang in der gleichen Stelle tätig sein. Das ist illusorisch. Sicherheits­experten müssen sich zusammen mit der Wirtschaft, der ETH und der Armee permanent wei­terbilden. Nur so bleiben sie wertvoll. Diesen ­Austausch wollen wir erleichtern.

Die ETH bietet bisher keine umfassenden Cyber-Defense-Lehrgänge an. Der Rüstungsbeschaffer Armasuisse bietet zwar Praktikumsplätze an, hat aber Mühe, die Leute zu behalten. Was halten Sie vom Konzept einer Cyber-Rekrutenschule, die wie in den USA Fachkräfte im Verbund von Militär und Hochschule ausbildet?
Ich bin sehr froh, dass der Bundesrat und viele Schweizer Parlamentarier erkannt haben, wie wichtig die Cyber-Security ist. Die ETH ist nicht allein, wir sind auf Partner angewiesen. Deshalb sind wir mit allen relevanten Stellen intensiv am Verhandeln. Es ist noch zu früh, konkrete Ankündigungen zu machen.

«Wir wollen das nerdige Image der Informatik korrigieren.» 

Unternehmen in den USA machen mit der Datensicherheit enorme Geschäfte. Wo steht die Schweiz?
Die Chancen für Wirtschaftsleistungen sind sehr gross. Die Schweiz hat Stärken wie das Vertrauen, die Verlässlichkeit und die Pünktlichkeit der Gesellschaft und der Wirtschaft. Diese Stärken müssen wir in der Cyber-Security ausspielen. Was wir früher im Finanzsektor pflegten, die vertrauliche Partnerschaft mit Kunden, können wir in Zukunft in der Datensicherheit einsetzen.

Der US-Ökonom Robert Gordon sagt einen Wandel voraus. Die Digitalisierung führe zu einem anhaltend geringeren ­Wirtschaftswachstum. Die grosse Ernte der Digitalisierung sei bereits eingebracht. Stimmen Sie zu?
Nein. Ich erinnere an ETH-Professor Albert Einstein. Ihm hat man in der Mittelschule geraten, nicht Physik zu studieren, da diese im Wesentlichen bekannt sei. Einstein studierte trotzdem Physik und hat sie revolutioniert. Und heute ist in der Physik weniger bekannt, als man dachte. Auch ist Digitalisierung eigentlich ein falscher Ausdruck. Worum es in Zukunft geht, ist die Vernetzung von allem mit allem. Maschinen mit Maschinen, Daten mit Daten und vor allem die Verbindung der realen Welt mit diesen Systemen. Wir sprechen vom Internet der Dinge. Das Internet war bisher eine Informationsdrehscheibe. Es wird immer mehr zu einem Transportsystem von Werten.

Wo steht die Schweizer Wirtschaft?
Die Schweiz ist hervorragend aufgestellt. Im Cyber Valley in Zug etwa sind zahlreiche Firmen in diesem Bereich unterwegs. Das Internet wird immer mehr mit der Umwelt verbunden sein. Das macht es auch gefährlicher, und deshalb brauchen wir gut ausgebildete Leute, die sicher damit umgehen ­können. Wir sehen erst Ansätze, so etwa das elek­tronische Banking. Die Zukunft führt aber viel ­ausgeprägter in diese Richtung. Versicherungen, Notariate, Grundbuch, Versicherungen, Nachweis der biologischen Herkunft von Lebensmitteln – die Möglichkeiten der Blockchain-Technik sind bei ­weitem nicht ausgeschöpft.

Prognosen sagen rund 25 Milliarden vernetzte Geräte bis ins Jahr 2025 voraus. ETH-Professor Adrian Perrig will deshalb eine neue, sicherere Internetarchitektur bauen. Was sagen Ihre Kontakte im Silicon Valley dazu?
Das Interesse ist sehr gross, und zwar weltweit. Das Internet ist eigentlich wie zufällig entstanden. Am Anfang stand das Arpanet der US-Armee mit zunächst nur vier Computern. Anschliessend wuchs das Netz von unten nach oben und ist somit inhärent nicht sicher. Die Idee von Professor Perrig ist, auf dem wackligen Boden des Internets ein stabiles Gebäude zu bauen. Das ist auch für die Wirtschaft von grösstem Interesse. Es ist klar, dass das Internet der Dinge mehr Garantien und Sicherheiten auch für die Unternehmen bieten muss.

Apple und Google bieten Programmierlehrgänge für Schüler der unteren Stufen an. Haben die Hochschulen Angst vor dieser Konkurrenz? Betrachten Sie solche Lehrgänge als sinnvoll?
Solche Coding-Academies haben sicher ihre guten Seiten. Sie sind fast eine Berufslehre. Sie bringen die Schüler rasch auf ein nützliches Niveau des Programmierens. Was den Schülern fehlt, ist die Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszusehen. Programmieren allein genügt nicht. Sie müssen auch die Fragestellung kennen und analysieren. Das ist, was wir anbieten. Eine solide Grundausbildung, auch in Mathematik oder Physik, eröffnet diese grund­legenden fachlichen Qualitäten.

Facebook, Apple und Google haben ihre Präsenz in der Schweiz stark ausgebaut. Sie zahlen gut und haben ein Gewinnerimage. Sehen Sie ein Risiko, dass diese Firmen die Rekrutierung von Hochschulabgängern durch Schweizer Start-ups erschweren?
Der Arbeitsmarkt ist ein Markt, es gelten die Gesetze von Angebot und Nachfrage. Wenn Google viele Talente abwirbt, müssen sich andere Firmen eben anpassen und ihre Leute entsprechend entlöhnen. Ich bin sehr froh, dass Google in Zürich ist. Viele Studenten wollen aber gar nicht zu Google, sie haben andere Interessen. Leute kommen und gehen, gründen ihre eigenen Firmen. Auch unsere Professoren starten immer mehr Firmen. So muss es sein. Zürich soll ein Biotop sein, das brummt.

ETH-Ingenieur Philippe Kahn erfand vor 20 Jahren die Smartphone-Kamera. Sein erstes Bild war das der neugeborenen Tochter. Das «Time Magazine» nannte das Foto eines der einflussreichsten der Geschichte. Was können Studenten von seiner Erfolgsgeschichte lernen?
Oprah Winfrey hat einmal gesagt, Glück sei, wenn sich Gelegenheit und Vorbereitung träfen. Wer nicht ausgebildet ist, wer nicht viel, viel intellektuelle Arbeit leistet, wird das Glück nicht packen, wenn sich dazu die Gelegenheit ergibt. Kahn hat die Chancen, die sich boten, gepackt. Geboren in Frankreich, Studium an der ETH, Karriere in Amerika. Diese Beweglichkeit und den Mut, eine Chance zu packen, das brauchen wir in der Schweiz.

Die Frage ist nur, ob es der Schweiz zu gut geht, um den gleichen Hunger zu entwickeln, den man im Silicon Valley spürt.
Es stimmt, die Schweiz ist ein Land der Glückseligen. Wir haben uns an hohe Standards gewöhnt, die anderswo nicht Realität sind. Ich mache mir Sorgen, dass wir von der Konkurrenz überholt und abgehängt werden, wenn sich diese Mentalität nicht ändert. Dann passiert etwas, was man in der Physik als Phasenübergang kennt. Es kommt zu einem Bruch. Die Schweiz kann nicht mit Massenprodukten Erfolg haben. Wir können nur überleben, wenn unsere Produkte weltweit Spitze sind. Wir müssen immer bei den drei Besten dabei sein. Auf Rang 17 können wir nicht überleben. Deswegen geben wir uns an der ETH so viel Mühe, den Hunger nach der Spitzenposition zu fördern.

Wir leben in der Zeit der Fake-News. Die sozialen Medien fördern die Polarisierung der Gesellschaft. Tragen die Hochschulen eine Mitverantwortung, weil sie sich zu wenig an der öffentlichen Debatte über solche Risiken der Digitalisierung beteiligt haben?
Das ist der wichtigste Auftrag aller Hochschulen: Studenten ausbilden, die selber denken. Ich habe in meinem Leben zu oft gesehen, wie Leute nachplappern oder nur noch die News-Feeds beziehen, die sie in ihrer Meinung bestätigen. Das ist eine ganz gefährliche Sache. Ich möchte gestört werden durch die Zeitung. Ich möchte konfrontiert werden mit Meinungen, die nicht meine sind. Das Wichtigste ist, kritisch gegenüber sich selbst zu sein. Die ETH ist verantwortlich dafür, dass ihre Schüler den Widerspruch suchen.

Erstellt: 18.08.2017, 18:05 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir brauchen die Besten»

Martin Vetterli präsidiert seit Sonntag die ETH Lausanne. Die Rekrutierung von internationalen Top-Forschern sei in der Schweiz einfach, sagt er – aber auch nötig. Mehr...

Lino Guzzella

ETH-Präsident

Nach einem Studium als Maschineningenieur an der ETH wechselte der schweizerisch-italienische Doppelbürger zu Sulzer, später leitete er die Entwicklungsabteilung von Hilti. 2015 wurde er Präsident der Hochschule. Guzzella ist 59 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...