Kann zu viel Abkühlung schaden?

Die Temperaturen steigen und damit auch die Gefahren für unsere Gesundheit. Was Sie wissen müssen, damit Sie fit bleiben.

Können wir uns an die Hitze gewöhnen? Der Körper stellt sich nach Tagen bis Wochen anhaltender Hitze um. Foto: Getty Images

Können wir uns an die Hitze gewöhnen? Der Körper stellt sich nach Tagen bis Wochen anhaltender Hitze um. Foto: Getty Images

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Unser Körper hat noch etwas Zeit, sich einzustimmen: Heute werden die dreissig Grad vorerst «nur» knapp überschritten. Wenn dann ab Dienstag die Temperaturen unerträglich hoch sind, werden unsere Kühlmechanismen und unsere Gesundheit aber richtig gefordert sein. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu:

Warum belasten uns überhaupt hohe Temperaturen, obwohl sie unter unserer Körpertemperatur liegen?
Der Körper hält seine Temperatur im Inneren konstant auf 37 Grad Celsius, damit das Gehirn und andere Organe optimal arbeiten können. Dazu muss er überschüssige Wärme abführen, die durch den Stoffwechsel entsteht. Bei hohen Umgebungstemperaturen ist dies für den Körper zusätzlich anstrengend. Wenn die Abkühlung nicht gelingt, ist ab einer inneren Temperatur von 42 Grad langsam Schluss. Dann beginnen die ersten lebenswichtigen Eiweisse im Körper zu gerinnen.

Wie senkt der Körper die Temperatur?
Der wichtigste Trick ist natürlich das Schwitzen. Der Schweiss kühlt beim Verdunsten die Hautoberfläche. Erwachsene können im Extremfall bis zu vier Liter Schweiss pro Stunde produ­zieren. Bei erhöhter Luftfeuchtigkeit funktioniert das Verdunsten schlechter, weshalb wir die Hitze dann als unangenehmer empfinden. Der häufig verwendete sogenannte Heat-Index beschreibt die gefühlte Temperatur. Sein Wert steigt bei gleicher Temperatur mit zunehmender Luftfeuchtigkeit.

Hat der Körper ausser Schwitzen noch andere Kühlungsmöglichkeiten?
Bei zunehmender Hitze weiten sich die Blutgefässe in der Haut. Dadurch gelangt mehr Blut aus dem Körperinnern an die Oberfläche und kann sich abkühlen. Senkt das Schwitzen die Temperatur nicht ausreichend, versucht der Körper, das Blut schneller zirkulieren zu lassen, um auf diese Weise Wärme loszuwerden. Der Puls steigt.

Können wir uns an die Hitze gewöhnen?
Der Körper stellt sich nach Tagen bis Wochen anhaltender Hitze um. Er produziert mehr Schweiss, reduziert dessen Salz­gehalt um bis das Zehnfache und erhöht die Zahl aktiver Schweissdrüsen.

Warum macht uns das heisse Wetter so träge?
Die Kühlmassnahmen belasten insbesondere das Herz-Kreislauf-System. Weil die Gefässe sich weiten und der Körper durch das Schwitzen Flüssigkeit verliert, sinkt der Blutdruck. Mögliche Folgen sind zum Beispiel Konzentrationsprobleme, Schwäche, Müdigkeit und Schwindel.

Wie können wir uns vor den negativen Folgen der Hitze schützen?
Besonders wichtig ist regelmässiges Trinken, auch ohne Durstgefühl, mindestens 1,5 Liter pro Tag. Auch erfrischende, leichte Speisen helfen. Zudem soll auf ausreichende Versorgung mit Salz geachtet werden. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt weiter: Körperliche Anstrengung vermeiden, Fenster und Läden schliessen, Nachts lüften, leichte Kleidung tragen, Duschen, Abkühlen mit kalten Tücher auf der Stirn oder im Nacken oder kalte Fuss- und Handbäder. In manchen afrikanischen Ländern bedecken sich die Menschen in der besonders heissen Mittagszeit für ein Nickerchen mit feuchten Tüchern.

Kann zu viel Abkühlung auch schaden?
Nicht unbedingt. Aber sie kann kontraproduktiv sein. Bei zu kalten Getränken reagiert der Körper mit einer Verengung der Blutgefässe. Dadurch bleibt das Blut mehr im Innern, was den Körper letztlich aufheizt. Einen ähnlichen Effekt hat auch eine eiskalte Dusche. Am Ende schwitzt man mehr als vorher.

Wer ist bei den hohen Temperaturen besonders gefährdet?
­Besonders Säuglinge und alte Menschen sind anfällig. Bei ihnen funktioniert die Temperaturregulation noch nicht beziehungsweise nicht mehr richtig. Auch Patienten, die blutdrucksenkende Medikamente nehmen, können Probleme bekommen.

Wann wird es gefährlich?
Hohe Körpertemperatur, erhöhter Puls, Schwäche, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskelkrämpfe, trockener Mund, Verwirrtheit, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall – bei diesen Hitzestress-Symptomen rät das BAG zum Handeln: hinlegen, Körper abkühlen, frisches Wasser trinken. Wenn es nicht besser wird, medizinische Hilfe anfordern.

Was ausser der Temperatur belastet uns sonst noch während Hitzephasen?
Die hohen Temperaturen und die Sonneneinstrahlung lassen die Ozonwerte steigen. Das Reizgas entsteht dabei aus Stickoxiden aus Abgasen und Luftsauerstoff. Flüchtige organische Verbindungen wie zum Beispiel Lösungsmitteldämpfe intensivieren und beschleunigen diesen Prozess. Ozon reizt die Atemwege. Die Folge sind: Husten und Schmerzen beim tiefen Luftholen, Atemprobleme bei körperlicher Anstrengung. Bei vorbelasteten Personen sind die Folgen gravierender. Es kommt zu Asthmaanfällen, verstärkter Reaktion der Luftwege auf andere Reize wie Feinstaub, Stickstoffdioxid, Pollen und Milben. Spitäler registrieren eine Zunahme der Einweisungen wegen Lungenerkrankungen. Es kommt zu mehr Todesfällen infolge von Lungen- und Herzkrankheiten.

Können Hitzewellen auch tödlich sein?
Im Jahr 2003 starben in der Schweiz wegen der hohen Temperaturen fast 1000 Menschen. Es war der bis heute heisseste Sommer seit Messbeginn vor über 150 Jahren. In ganz Europa starben damals rund 70'000 Menschen aufgrund der langen Hitzewelle. Eine derart erhöhte Sterblichkeit kennt man bei uns in dieser Grössenordnung sonst nur von aggressiven Grippewellen. Betroffen sind fast immer über 65-Jährige. Auch im Jahr 2015 kam es zu 800 Hitzetoten. Der vergangene Sommer war noch heisser als 2015. Doch zumindest gemäss der Daten des Bundesamts für Statistik gab es in dieser Zeit keine erhöhte Sterblichkeit. Möglicherweise weil die Menschen ihr Verhalten wegen der zunehmend heissen Sommern angepasst haben. Wahrscheinlich spielte aber vor allem eine Rolle, dass es trotz der hohen Tagestemperaturen nur wenige Tropennächte mit Temperaturen über 20 Grad gab. Das ermöglichte nachts eine Abkühlung.

Erstellt: 24.06.2019, 12:47 Uhr

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