«Der Begriff Helikoptereltern soll sie auf ihren Platz verweisen»

Eltern wollen in der Schule oft mehr mitreden, als es Lehrern lieb ist. Sie deswegen herabzusetzen, hilft nicht, sagt Soziologin Désirée Waterstradt.

Das Engagement der Eltern wirkt sich auf den Schulerfolg der Kinder aus – für die Lehrpersonen ist das nicht nur positiv. Foto: Johner Images

Das Engagement der Eltern wirkt sich auf den Schulerfolg der Kinder aus – für die Lehrpersonen ist das nicht nur positiv. Foto: Johner Images

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Frau Waterstradt, was stört Sie am Begriff Helikoptereltern?
Es geht bei diesen Schmähworten immer auch um die Klärung von Machtfragen: Der Begriff ist ja das Gegenstück zu dem der Rabeneltern, der schon im Mittelalter aufkam. Aber wer hat denn die Autorität, zu entscheiden, wie viel Fürsorge für das Kind angemessen ist? Das sind in diesem Moment offenbar nicht die Eltern – sondern die Sprecher, die diesen Begriff benutzen: Nachbarn, Lehrer, Erzieher und so weiter.

Wer «Helikoptereltern» sagt, masst sich Autorität an, die ihm nicht zusteht?
Ich glaube nicht, dass böswillige Motive dahinterstecken. Das erste Mal wurde das Sprachbild 1967 vom Autor eines amerikanischen Ratgeberbuchs benutzt, der einen Jugendlichen zitierte. Danach ist es immer mal wieder aufgetaucht, um das Jahr 2000 herum wurde ein prägnanter Begriff daraus, der rasend schnell um die Welt ging. Dieser Mechanismus der Abwertung greift offenbar in vielen Gesellschaften.

Warum ist das so?
Wir haben eine immer komplexere Organisation rund ums Kind. Mit dem Aufkommen der Nationalstaaten wuchs auch das Interesse am Kind: Der Staat brauchte es für die Zukunft der Nation, und es entstanden entsprechende Institutionen – Kindergärten, Schulen, Jugendämter, Kinderärzte und so weiter. Seit den 1970er-Jahren gilt das Kind als Zentrum der Familie. In diesem Prozess entstand eine Konkurrenz: Wer bestimmt, was gut ist für das Kind? Welche Sprachen soll es zum Beispiel in der Schule lernen? Da prallen Interessen und Ansprüche aufeinander.

Welche Rolle spielen die Lehrer dabei?
Interessant ist, dass nicht etwa für Lehrer ein neuer Schmäh­begriff entstanden ist, sondern für Eltern. Das erste deutschsprachige Buch über Helikoptereltern wurde vom damaligen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands geschrieben. Vieles spricht dafür, dass die Dynamik von Expertenseite beziehungsweise Lehrerseite ausgeht. Gesellschaftlich werden Eltern und Experten gegeneinander in Stellung gebracht – und das führt zu Konflikten. Eltern sind persönlich auf das Wohl des Kindes verpflichtet. Lehrer dagegen sind dazu verpflichtet, dass die gesamte Klasse in einem Schuljahr den Lernstoff bewältigt. In Unternehmen würde man hier von einem Zielkonflikt sprechen.

Offenbar greifen Eltern ­verstärkt ins schulische Leben ihrer Kinder ein. Warum?
Studien spiegeln wider, dass das Engagement der Eltern für den Schulerfolg der Kinder eine grosse Rolle spielt. Für Lehrer ist das natürlich nicht sehr befriedigend: Obwohl sie sich in ihrem Beruf engagieren, machen Eltern letztlich den Unterschied. Das ist für die Gesellschaft fatal, hat sich aber leider nur wenig geändert. Doch sollen gebildete Eltern sich deshalb nicht für die eigenen Kinder einsetzen? Es ist kein Zufall, dass sich der Begriff Helikoptereltern nach dem Pisa-Schock verbreitet hat: Eltern, die die Ressourcen haben, werden zunehmend aktiv, zahlen Nachhilfe, werden in der Schule vorstellig und auch mal unangenehm.

Manche kündigen sogar ­rechtliche Schritte an, wenn eine schlechte Note droht.
Autoritätspersonen sind eben nicht mehr so unantastbar wie früher. Das gilt nicht nur für Eltern und Lehrer, sondern auch für Ärzte oder Pfarrer. Deswegen trauen sich Eltern auch, zu den Mitteln des Rechtsstaats zu greifen, wenn sie die Interessen des Kindes wahren wollen.

«Wir wissen zu wenig über Elternschaft. In der wissenschaftlichen Literatur wird der Begriff gar nicht definiert und diskutiert.»Désirée Waterstradt, Soziologin

Und das macht das Miteinander von Schule und Eltern nicht einfacher?
Nein, die Lehrer nehmen das richtigerweise so wahr – wie übrigens auch die Eltern: Die Konflikte nehmen zu. Wir sind aber auf dem Holzweg, wenn wir bestimmte Eltern mit abwertenden Begriffen versehen. Man erspart sich damit die Mühe, genauer hinzuschauen.

Warum wäre das nötig?
Weil wir zu wenig über Elternschaft wissen. Es gibt in der deutschen Sprache zwar eine ganze Reihe von wertenden Begriffen: Glucke, Haustyrann, Latte-macchiato-Mutter, Supermutter, neuer Vater. Viele kommen aber aus Alltagssprache und Ratgeberliteratur. Bei einem Blick in die wissenschaftliche Literatur stellt man dagegen fest: Elternschaft wird dort gar nicht definiert und diskutiert. Wenn wir jedoch nur mit Alltagswissen über Eltern reden, bleiben wir bei diesen Wertungen stecken. Es gibt bisher keine Geschichte, Entwicklungspsychologie oder Soziologie der Elternschaft – es fehlt an Basiswissen.

Und solange das so ist, sollte man sich das Wort ­Helikoptereltern verkneifen?
Das ist ein bisschen wie mit dem Rotzbengel: Auch dieser Begriff ist ein emotionales Ventil, ein Machtinstrument. Und er baut nicht gerade das Selbstbewusstsein des angesprochenen Kindes auf. Genau wie bei den Helikoptereltern: Die Bezeichnung dient dazu, Eltern auf den Platz zu verweisen. Und das funktioniert ja leider auch.

Inwiefern?
Diese Wertungen machen den Kern von Elternschaft – die Fürsorge fürs eigene Kind – zum unentrinnbaren Drahtseilakt zwischen «zu wenig» und «zu viel». Das lähmt und steht wie ein Schandmal im Eltern- und vor allem Mütterbild unserer Gesellschaft. Diese Machtdynamik stärkt zwar die Kindzentrierung, die Expertenautorität und die Ratgeberindustrie. Doch sie schwächt Eltern, beschädigt vor allem das Ansehen und die Identität von Müttern, bei denen bis heute die Hauptverantwortung für Kinder liegt.

Werden angehende Pädagogen während ihrer Ausbildung auf die Elternarbeit gut genug vorbereitet?
Ich denke nicht. Wer einen Beruf rund um Familie und Kinder erlernt, ist meist im Jugend- oder im jungen Erwachsenenalter. Eltern sind jedoch in der Phase des mittleren Erwachsenenalters: Sie müssen nicht nur für sich selbst in Beruf und Privatleben sorgen, sondern – quasi nebenbei – auch für das Aufwachsen der nächsten Generation. Da es aber kein fundiertes Wissen über Elternschaft gibt, wird dieser grundlegende Aspekt bislang übersehen – als wäre Elternsein eine Kleinigkeit. Schon Einsteiger in Erziehungs- oder Lehrberufen spüren, dass das nicht stimmt. Doch sie lernen, ihre Unsicherheit abzuwehren, indem sie sich von Eltern distanzieren und sie abwerten – etwa als Helikoptereltern. Das verschärft die Konkurrenz rund ums Kindeswohl immer weiter. Nach der Kindheit müssen wir endlich auch Elternschaft wissenschaftlich entdecken und dieses fundierte Wissen in der Berufsausbildung vermitteln.

Sie bringen ihre Kinder morgens bis in den Klassenraum und gehen gegen schlechte Noten vor. Helikoptereltern werden überfürsorgliche Mütter und Väter genannt, die sich ständig in die Angelegenheiten ihrer Kinder einmischen. Folgerichtig kämpfen sie auch an Schulen für die Interessen ihrer Schützlinge. Dadurch häufen sich Konflikte zwischen Schulleitern und Eltern.

Erstellt: 18.06.2019, 10:51 Uhr

Désirée Waterstradt erforscht Familienstrukturen an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Foto: PD

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