Wie plausibel ist die Abschuss-Theorie der US-Regierung?

Was hat zum Absturz einer Boeing bei Teheran geführt? Das Pentagon glaubt an einen Abschuss. Zwei Flugexperten schätzen die Lage ein.

US-Regierung geht von Abschuss durch Iran aus. Video: Tamedia
Video: Keystone

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Am Dienstagmorgen ist eine Boeing 737-800 der Ukrainian International Airlines wenige Minuten nach dem Start bei Teheran abgestürzt. Alle 167 Passagiere und 9 Crewmitglieder starben. Noch kennt man die genaue Ursache des Unglücks nicht, doch US-Regierungsvertreter sprechen von einem versehentlichen Abschuss durch die Iraner. Diese weisen die Anschuldigungen zurück. Die beiden Flugexperten Michel Guillaume und Leonardo Manfriani vom Aviatikinstitut der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) geben eine Einschätzung der Situation.

Das iranische Militär hatte nur kurz zuvor Stützpunkte des US-Militärs mit Raketen beschossen. War der Absturz womöglich ein unbeabsichtigter Unfall?

Zu diesem Zeitpunkt lässt sich diese Frage nicht abschliessend beantworten. Westliche Geheimdienste sprechen allerdings davon, Beweise für einen Abschuss zu haben. Bei einem Raketenbeschuss wäre die Maschine, vor allem bei einem Volltreffer, aber vermutlich schon in der Luft auseinandergebrochen. Das Trümmerfeld könnte ausserdem grösser sein. In Teheran scheint es eher begrenzt. Ausschliessen lässt sich ein unbeabsichtigter Treffer, vielleicht auch ein Streifschuss, jedoch nicht. Gerade weil die bisher bekannten Daten auf ein sehr plötzliches Ereignis hindeuten. Das könnte allerdings auch eine Explosion an Bord durch eine Bombe gewesen sein.

Der Iran hat bekannt gegeben, die gefundenen Blackboxen, die Aufschluss über die Unfallursache geben könnten, nicht an die USA und an Boeing weiterzuleiten. Ist das ungewöhnlich?

Ja. Diese Daten sind gerade bei einem heftigen Aufprall oftmals nur mit grossem Fachwissen sicher auszulesen. Längst nicht jedes Land hat die nötige Infrastruktur dazu. Allerdings spielt die angespannte politische Lage im Moment gewiss auch eine Rolle. Internationale Experten haben jedoch bereits die Befürchtung geäussert, dass sich die Aufklärung des Absturzes ähnlich in die Länge ziehen könnte wie der Abschuss einer Boeing 777 der Malaysia Airline über der Ostukraine im Juli 2014.

Die Piloten in Teheran haben anders als die Piloten der beiden 737-Max keinen Notruf abgesetzt. Ist das ungewöhnlich?

Kommt ein Flugzeug in eine akute Notsituation, ist die erste Priorität immer, die Situation zu kontrollieren und den Flug möglichst wieder zu stabilisieren. Dass nicht wenigstens ein kurzes Notsignal erfolgte, vor allem wenn die Maschine zum Flughafen zurückkehren wollte, wie verschiedentlich berichtet, scheint trotzdem erstaunlich und deutet auf ein plötzliches Ereignis hin.

Was zeigen die Flugdaten der rund zwei Minuten Flugzeit nach dem Start?

Laut den öffentlich einsehbaren Daten von Flightradar24 stieg die Boeing 737-800 nach dem Start kontinuierlich und problemlos bis auf knapp 8000 Fuss (rund 2400 Meter) Höhe. Dann verschwindet sie auf einen Schlag von allen Systemen, was laut Experten auch auf ein sehr plötzliches Ereignis hindeutet. Der totale Ausfall aller Systeme wegen eines technischen Problems ist bei diesem Modell sehr unwahrscheinlich. Die Flugdaten zeigen ausserdem nicht, dass die Maschine zum Flughafen zurückkehren wollte, so wie die Iraner das behaupten.

Das Flugzeug soll laut unbestätigten Augenzeugenberichten bereits in der Luft gebrannt haben. Worauf würde das hindeuten?

Auf eine Explosion, was auch immer deren Ursache war. Dass die Maschine beim Aufprall einen Feuerball auslöst, ist nicht erstaunlich, weil sie so kurz nach dem Start voll betankt war.

Was kann ein Flugzeug sonst so kurz nach dem Start abstürzen lassen?

Treten während des Starts und des Steigflugs Probleme auf, ist einer der Hauptfeinde der Piloten der Faktor Zeit. So nahe am Boden bleiben nur wenige Sekunden, um auf eine Notfallsituation zu reagieren. Ein Strömungsabriss ist beispielsweise kaum aufzufangen. Während des Starts fliegt einer der Piloten das Flugzeug selbst. Er bekommt dabei aber Unterstützung von den automatisierten Systemen und dem zweiten Piloten. Liefern die Systeme falsche Daten, kann das die Maschine in Schwierigkeiten bringen, wie es bei den beiden Abstürzen von Boeing 737-Max im Oktober 2018 und im März 2019 passiert ist. Die 737-Max ist jedoch weiterhin gegroundet und war hier nicht im Einsatz.

Als wie sicher gilt das Flugzeugmodell Boeing 737-800?

Weltweit fliegen mehr als 5000 Flugzeuge dieses Typs, das seit den späten 1990er-Jahren auf dem Markt ist. Viele Low-Cost-Airlines und die meisten amerikanischen Airlines setzen auf diese Boeing. Die Swiss hat das Konkurrenzmodell, den Airbus A 320, in der Flotte. Die 737-800 gilt als zuverlässiges Kurz- und Mittelstreckenflugzeug. Gerade ein völliger Ausfall aller elektrischen Systeme ist bei diesem Flugzeugtyp fast ausgeschlossen. Das System ist vierfach ausgelegt, hat also drei Sicherheitsnetze. Die Maschine der Ukrainian International Airline war nicht einmal vier Jahre alt.

Was passiert, wenn während des Starts ein Triebwerk ausfällt?

Der Pilot kann den Start auf der Piste nur bis zu einer gewissen Geschwindigkeit, genannt V1, noch abbrechen. Ist diese Geschwindigkeit überschritten, muss er abheben. Den Ausfall eines Triebwerks während des Starts und Steigflugs üben die Piloten jedoch sehr ausführlich im Simulator. Es sollte problemlos möglich sein, ein Flugzeug mit nur einem Motor sicher wieder zu landen.

Warum kann ein Triebwerk ausfallen?

Die heutigen Triebwerke haben viele Sicherheitsmechanismen eingebaut. Löst sich beispielsweise eine der zahlreichen Triebwerksschaufeln in der Turbine, sollte das nicht zu einer unkontrollierbaren Notsituation führen. Die Triebwerke sind so abgeschirmt, dass es auch beim Zerbrechen einer Turbine, wie zum Beispiel im Fall eines Vorfalles der Quantas Airline im Jahr 2012, nicht zu gravierenden strukturellen Problemen kommen sollte. Fatal kann allerdings sein, wenn Teile des zerstörten Triebwerks die Steuerungssysteme schädigen. Heikel könnte ein Riss in einer zuführenden Leitung sein, durch den Treibstoff austritt. Das könnte beispielsweise zu einer lokalen Explosion führen. Rund um die Triebwerke sind jedoch automatische Feuerlöschsysteme installiert.

Erstellt: 09.01.2020, 19:31 Uhr

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