Würmer im Kopf

Armut, soziales Umfeld – es gibt viele Gründe dafür, warum Latinos und Schwarze in den USA häufiger scheitern. Vermutet wird eine weitere Ursache.

Je dunkler die Hautfarbe, desto schlechter die Noten: Schüler im New Yorker Viertel Washington Heights, wo 70 Prozent der Bewohner Latinos sind. Foto: Hiroko Masuike/Redux, Laif

Je dunkler die Hautfarbe, desto schlechter die Noten: Schüler im New Yorker Viertel Washington Heights, wo 70 Prozent der Bewohner Latinos sind. Foto: Hiroko Masuike/Redux, Laif

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Nur wenige Kilometer östlich des Stadtzentrums von Houston liegt der Fifth Ward, in dem sich schwarze Sklaven nach ihrer Befreiung niederliessen. Bis heute ist der Fifth Ward mehrheitlich schwarz und gilt als eines der ärmsten Viertel der Stadt. Kleine Holzbaracken stehen an den Strassen, kaputte Fensterscheiben sind vielerorts mit Alufolie notdürftig abgedeckt. Das Dach eines der Häuser ist halb eingestürzt, die Farbe bröselt ab, einzelne Holzlatten sind aus der Wand herausgebrochen und entblössen orangefarbenes Dämmmaterial.

Auf den Stufen zur Eingangstür des Hauses sitzen zwei schwarze Jugendliche, rauchen und hören laute Hip-Hop-Musik. Sie tragen Baseballmützen und viel zu weite Basketballtrikots. «Der Unterricht ist heute ausgefallen», behaupten sie. Statt in die Schule zu gehen, hängen sie daher herum. Und wirken fast so, als hätte sie jemand für eine Fernsehserie über benachteiligte Afroamerikaner gecastet.

Je dunkler nämlich die Hautfarbe, desto schlechter die Schulnoten, das haben etliche Erhebungen in den USA längst ergeben. Kinder dunkelhäutiger Eltern oder von solchen, die aus Lateinamerika stammen, können schlechter lesen und rechnen als weisse. Soziologen argumentieren, dass ihre Familien ihnen weniger Ehrgeiz einimpfen. Oder dass ihre Eltern im Schnitt schlechter ausgebildet sind und ihnen deshalb nicht so gut bei den Hausaufgaben helfen können. Weil ihre Eltern weniger verdienen, müssen schwarze Kinder und Latinos auch oft früh selbst arbeiten gehen. Dadurch bleibt weniger Zeit, sich auf die Schule zu konzentrieren.

Infizierte Kinder leiden doppelt so häufig an einer Epilepsie.

Womöglich gibt es aber noch einen ganz anderen Grund, weshalb diese Kinder in der Schule so schlecht abschneiden. Chronische Infektionen könnten auch eine Ursache dafür sein, vermuten Forscher wie Peter Hotez, Dekan der ­National School of Tropical Medicine in Houston. Bestimmte Parasiten, Einzeller und Viren scheinen Schwarze und Latinos öfter zu befallen als Weisse. Und sie könnten in Gehirn und Psyche tiefe Spuren hinterlassen, von Entwicklungsstörungen bis hin zur Epilepsie. Das könnte die geistige Entwicklung der infizierten Kinder bremsen und sie in ihren Leistungen zurückfallen lassen. Hotez hat die neue Theorie jüngst im Ärzteblatt «Jama Psychiatry» publiziert. Er sagt: «Die Infektionen könnten gravierende kognitive und psychische Folgen haben.»

Auf Spielplätzen eingefangen

Den ersten Hinweis auf diesen Zusammenhang lieferten Infektionen mit dem Spulwurm Toxocara. Nach Schätzungen ist bis zu jeder fünfte Schwarze in armen Gegenden der USA damit infiziert, insgesamt sind es wohl drei Millionen Amerikaner. Vor allem streunen­de Hunde und Katzen tragen die Würmer im Darm und scheiden ihre Eier aus. Im Erdreich – auf Spielplätzen, in Sandkästen und Vorgärten – reifen die Larven heran, Kinder kommen mit ihnen in Kontakt und verschlucken sie. Einmal im Körper, wandern die Larven vom Dünndarm über das Blut in verschiedene Teile des Körpers, in die Lungen zum Beispiel. Dort können sie asthmaartige Anfälle aus­lösen. Und auch ins Gehirn können sie offensichtlich gelangen.

Was Toxocara-Infektionen für Folgen haben können, zeigt eine Studie von Epidemiologen der State University in New York. Sie nutzten den Datensatz der NHANES-Studie des National Center for Health Statistics, die Daten darüber erhebt, wie gesund die Amerikaner sind, unter welchen Erkrankungen sie leiden, wie gut sie essen und ob sie regelmässig Sport treiben. Im Rahmen der Erhebung wird auch Blut abgenommen. Das untersuchten die Epidemiologen im Nachhinein auf Antikörper gegen Toxocara, um Infektionen aufzuspüren.

Die Ergebnisse veröffentlichten sie im «International Journal of Parasitology»: Infizierte Kinder, egal aus welchen sozialen Verhältnissen sie kommen und welche Hautfarbe sie haben, schnitten in Intelligenztests schlechter ab als gesunde. Toxocara-Infektionen könnten sogar Epilepsien begünstigen, was wiederum die geistige Leistungsfähigkeit der Kinder schmälern kann. Eine Meta-Analyse, in die Daten von 1900 Patienten einflossen, konnte zeigen, dass infizierte Kinder doppelt so häufig an der Anfallskrankheit leiden.

Larven im Hirn als Hauptursache für Epilepsie

Diese Befunde brachten den Tropenmediziner und Kinderarzt Hotez dazu, nach weiteren Infektionserregern zu suchen, die sich auf die kognitiven Leistun­gen von Schülern auswirken. Zehntausende US-Amerikaner, vor allem ­Latinos, sind mit dem Schweinebandwurm Taenia Solium infiziert, fand Hotez heraus. Die Larven des Wurms vermehren sich im Schweinefleisch und sterben beim Erhitzen eigentlich ab. Wird das Fleisch aber nicht ordentlich durchgebraten oder gekocht, können lebende Larven mit der Fleischmahlzeit in den Darm aufgenommen werden. Von dort gelangen die Larven, auch Finnen genannt, in verschiedene Organe des Körpers, wo sie sich in Zysten ansiedeln. Wenn sie es ins Gehirn schaffen, führt das zu Kopfschmerzen und kognitivem Abbau. Weltweit ist das sogar die Hauptursache einer erworbenen Epilepsie.

Doch Hotez beschränkte sich nicht auf Wurminfektionen. Er analysierte auch bereits vorhandene Daten zur Übertragung des Einzellers Toxoplasma und des Zytomegalie-Virus (CMV) während der Geburt. Und fand heraus, dass schwarze Mütter diese Infektionserreger öfter an ihre Babys weitergeben als weisse. Diese auch in der Schweiz weitverbreiteten Infektionen können verheerende Auswirkungen haben: Die Babys können etwa durch das CMV erblinden und ihr Gehör verlieren, auch kann es zu leichten bis schweren geistigen Behinderungen kommen. Die Toxoplasmose dagegen steht im Verdacht, Depressionen und manisch-depressive Störungen auszulösen.

Allerdings warnt Hotez vor voreiligen Schlüssen: «Der direkte Zusammenhang zwischen diesen Erkrankungen und der Schulleistung ist noch nicht vollends nachgewiesen.» Bisher wisse man nur, dass die Infektionen arme Menschen häufiger treffen als reiche. Man wisse auch, dass sie öfter vorkommen als gedacht: «Ungefähr zwölf Millionen Amerikaner sind von mindestens einer der vernachlässigten Armuts­erkrankungen betroffen», sagt Hotez. Vernachlässigt werden sie genannt, weil noch immer zu wenig Geld in deren Erforschung und Bekämpfung investiert wird. Vernachlässigt nennt man sie aber auch, weil die Infektionen Menschen treffen, die unter schlechten hygienischen Bedingungen leiden und kaum Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

Schlechtere Schulnoten

Armut ist in den USA weitverbreitet, jeder achte Amerikaner ist davon betroffen, vor allem Schwarze und Latinos. Im Jahr 2014 etwa verdienten afroamerikanische Haushalte im Schnitt fast 30'000 Dollar weniger als weisse. Im Jahr 2016 lebten mehr als 30 Prozent der Kinder von Latinos und Schwarzen unter der Armutsgrenze, unter den weissen Kindern waren es nur gut 10 Prozent.

Armut und ethnische Herkunft schlagen sich in den Schulnoten nieder, wie Ergebnisse des nationalen Zentrums für Bildungsstatistiken (NCES) verdeutlichen. Das NCES testet alle zwei Jahre fast 200'000 Schüler in Mathematik und Lesen und teilt deren Leistungen in vier Kategorien ein: «fortgeschritten», «kompetent», «grundlegend» und «nicht einmal grundlegend». Bei dem Test werden die Ethnie erfasst und der Bildungsstand der Eltern. Zusätzlich fliesst in die Analyse ein, ob die Kinder berechtigt sind, gratis in der Schulkantine zu essen. Dadurch soll zwischen sozial besser und schlechter gestellten Kindern unterschieden werden. Umsonst darf nur essen, wer arme Eltern hat.

In der neuesten Erhebung von 2015 zeigte sich, dass von den Viertklässlern jeder dritte Schwarze «nicht einmal grundlegende» Kenntnisse im Rechnen hat. Im Gegensatz dazu erreichten neunmal mehr weisse als schwarze Kinder ein «fortgeschrittenes» Mathe-Niveau. Schwarze Kinder aus reicheren Familien schnitten besser ab als ihre armen schwarzen Mitschüler: Sie erreichten dreimal so oft ein «fortgeschrittenes» Niveau. Die Einkommensunterschiede seien für die Schulleistung wichtiger als die Hautfarbe, sagt Sean F. Reardon, Professor für Armut und Ungleichheit in der Bildung an der Stanford University. Im Buch «Whiter Opportunity» errechnete er aus anderen Daten die Unterschiede in der Schulleistung der reichsten und ärmsten 10 Prozent der Bevölkerung. Die fielen doppelt so gross aus, so Reardon, wie die Unterschiede, die sich bei Auftrennung in schwarze und weisse Hautfarbe ergaben.

Gesundheit vernachlässigt

Ab sofort kommen zur Armut und ethnischen Herkunft noch die chronischen Infektionen als mögliche Ursache für die Unterschiede in den schulischen Leistungen hinzu. Die Erkrankungen könnten sogar einer der Faktoren sein, die Armut und Hautfarbe kausal mit der Schulleistung verknüpfen. Leicht zu beweisen ist das nicht. «Alles scheint mit allem zusammenzuhängen», sagt Char­les Basch, Professor für Erziehungswissenschaft und Gesundheit an der Columbia University in New York. «Bislang jedoch haben wir die Gesundheit in dieser Gleichung vernachlässigt.»

Peter Hotez wünscht sich daher, dass an Schulen intensiver nach Armuts­erkrankungen gesucht wird, um infizierte Kinder zu behandeln. Damit zumindest kein Parasit oder Virus die Schüler in ihren Leistungen ausbremsen kann. Weder in den USA noch irgendwo anders. Denn auch im Rest der Welt lassen sich Armut, Gesundheit, Schulnoten und damit der spätere Erfolg im Beruf nicht voneinander trennen. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist ein Fünftel der Weltbevölkerung mit Haken-, Spul- oder Peitschenwürmern infiziert. Hakenwürmer saugen Blut an der Darmschleimhaut, Spulwürmer essen Kindern im Dünndarm die Nahrung weg oder verursachen Durchfall. Die Infizierten leiden daher an Blutarmut, und es mangelt ihnen an Nährstoffen. In Regionen, in denen Nahrung knapp ist, verschlimmern Würmer die Mangelernährung. Und gerade das junge Gehirn braucht viele Nährstoffe, um sich gesund zu entwickeln. Damit die Kinder eine Zukunft haben.

Die Recherche in den USA wurde durch ein Stipendium der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung unterstützt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 17:42 Uhr

Zahlen zu Wurminfektionen

1,5 Milliarden

Menschen weltweit, also ein Fünftel der Weltbevölkerung, sind gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit Haken-, Spul- oder Peitschenwürmern infiziert.

3 Millionen

US-Amerikaner, vor allem Schwarze und Arme, sind mit dem Spulwurm Toxocara infiziert. Überträger sind in den meisten Fällen Hunde und Katzen, die Wirte der Toxocara-Parasiten.

7 Meter

lang – und mehrere Jahre alt – kann ein unbehandelter, ausgewachsener Schweinebandwurm werden. Er lebt im Darm von erkrankten Menschen und ist bis zu 1,5 Zentimeter breit. Zehntausende US-Amerikaner sind damit infiziert. (Red)

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