Zehn Legastheniker, die es geschafft haben

Vom Nobelpreisträger Jacques Dubochet bis zum Apple-Gründer Steve Jobs – wie ihre Lernschwäche sie erfolgreich gemacht hat.

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Sie waren schlecht in der Schule und haben es trotzdem an die Spitze geschafft: Popstar Robbie Williams, Ikea-Gründer Ingvar Kamprad und der Schweizer Nobelpreisträger Jacques Dubochet. Sie alle sind Legastheniker. Und sie sind nicht trotz, sondern wegen ihrer Lernschwäche so erfolgreich, glaubt die britische Wirtschaftswissenschaftlerin Julie Logan.

Sie hat in einer Stichprobe herausgefunden, dass sich unter Unternehmern in Grossbritannien und den USA bis zu dreieinhalbmal so viele Legastheniker befinden wie in der Gesamtbevölkerung. Unter den von ihr befragten 139 US-Unternehmern hatten 35 Prozent die Diagnose Dyslexie erhalten. Experten gehen davon aus, dass 10 Prozent der Amerikaner an der Lernschwäche leiden.

Die Professorin der Cass Business School in London verglich die Eigenschaften und frühen Erfahrungen von Unternehmern mit und ohne Dyslexie. Ihre Erklärung für den Erfolg von Legasthenikern: Wenn diese die Schule hinter sich haben, haben sie gelernt, mit ihrer Schwäche umzugehen und sie zu kompensieren. Sie können mündlich besser präsentieren, besser Aufgaben delegieren und suchen kreative Lösungswege – wichtige Eigenschaften, um als Unternehmer Erfolg zu haben.

Legasthenie als Vorteil: Professorin Julie Logan an einem Vortrag in Norwalk, Kalifornien. (Video: DyxlexicAdvantage, Youtube)

Kompensierende Eigenschaften

«Wir haben herausgefunden, dass erfolgreiche Legastheniker viel in ihrem Leben bewältigt haben, indem sie kompensierende Eigenschaften entwickelt haben», so Logan in der «New York Times». «Wenn jemand sagt, er wolle ein Unternehmen gründen, wird er von seinen Freunden meist hören ‹Das wird nicht klappen, das funktioniert nicht›. Aber Legastheniker sind ausserordentlich kreativ darin, Probleme zu lösen.» Was erklärt, warum Legastheniker nicht nur erfolgreiche Unternehmer sind, sondern auch gute Wissenschaftler.

Nobelpreisträger Jacques Dubochet war 14 Jahre alt, als bei ihm Dyslexie diagnostiziert wurde. «Das erlaubte mir, schlecht in allem zu sein und Leute mit Schwierigkeiten zu verstehen», sagt er heute dazu. Der studierte Biologe und Professor der Universität Lausanne erhielt den Nobelpreis für seine Forschung zur Kryoelektronenmikroskopie.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2017, 18:52 Uhr

Legasthenie

Legasthenie ist eine Störung im Erwerb und im Gebrauch der Schriftsprache. Rund fünf bis zehn Prozent aller Schulkinder in der Schweiz sind betroffen. Ihnen fällt es schwer, lesen zu lernen. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun, darüber sind sich die Experten einig. Doch da ein Grossteil des Wissens in der Schule schriftlich vermittelt wird, haben Legastheniker erhebliche Nachteile. Häufig sind sie frustriert und verunsichert, was sie vor allem auch psychisch belastet. Denn sie merken selbst, dass sie zu langsam sind.

Im Jahr 2012 hatte eine Zürcher Forschergruppe mithilfe der Elektroenzephalografie (EEG) den zeitlichen Verlauf der Informationsverarbeitung im Gehirn bei mehr als hundert Schülern gemessen. Demnach brauchen Kinder im Durchschnitt 200 Millisekunden, um beispielsweise einen Buchstaben von einem Dreieck zu unterscheiden. Obwohl dies auch Legastheniker ähnlich schnell verarbeiten, reagieren sie im Vergleich zu Nichtlegasthenikern weniger stark auf Schrift und Wörter.

Viele Lehrkräfte in der Schweiz benutzen spezielle Softwarepakete wie etwa Dybuster, damit die Schüler zusätzlich noch individuell und selbstständig auch am Computer weiterüben können. (bry)

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