«Das ist auch eine persönliche Niederlage»

Ottmar Hitzfeld sieht die WM als Traum, der in Erfüllung ging und schnell platzte. Und er betonte, als Schweizer Nationaltrainer weiterzuarbeiten.

Auf zu neuen Wegen: Ottmar Hitzfeld nach seiner letzten Medienkonferenz in Vanderbijlpark.

Auf zu neuen Wegen: Ottmar Hitzfeld nach seiner letzten Medienkonferenz in Vanderbijlpark. Bild: Keystone

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Ottmar Hitzfeld, was hatte Sie seit dem Ausscheiden für Gedanken? Was ging Ihnen alles durch den Kopf?
Sehr viel. Die Enttäuschung ist natürlich sehr gross. Es ist für mich aber auch eine persönliche Niederlage. Ich werde zuhause die Spiele in aller Ruhe anschauen und analysieren. Es war aber sehr schwer nach dem Spiel gegen Chile. Wir hatten da eine grosse Chance auf einen Punkt. Doch Eren Derdiyok vergab diese 100-prozentige Chance. Das Unentschieden hätte zu 90% die Qualifikation bedeutet. Das bedeutete dann aber einen grossen Aufwand gegen Honduras. Man muss auch diesen Gegner erst einmal schlagen. Aber wir haben in dieser Partie nicht die Leistung gebracht, die nötig gewesen wäre. Die Schweiz braucht die besten Spieler in der besten Verfassung.

Sie bereuen also nicht, Schweizer Nationaltrainer geworden zu sein?
Ich bin sehr froh über diese Chance. Es ging für mich ein Traum in Erfüllung, an einer WM dabei zu sein. Es hat sehr viel Spass gemacht. Es war definitiv mehr Spass als Stress. Es war in meiner Trainerkarriere oft auch umgekehrt. Es war ein Geschenk für mich und als wir Spanien schlugen, ging ein Traum in Erfüllung. Er ist dann aber auch schnell wieder geplatzt. Aber ich bin mir das gewohnt und bin auch überzeugt, dass wir wieder erfolgreich sein werden.

Gegen Honduras wirkte die Mannschaft nervös und verkrampft.
Die Mannschaft hat es 90 Minuten lang versucht. Aber es war eine schwere Hypothek mit zwei Toren in die Partie zu gehen. In der Halbzeit kam dann etwas Hoffnung auf, weil es im anderen Spiel 2:0 stand und wir nur noch einen Treffer erzielen mussten. Wir hatten dann auch einen besseren Beginn die zweite Halbzeit. Aber wir konnten uns nicht von der Nervosität befreien. Dafür hätte es ein frühes 1:0 gebraucht. Zum Beispiel bei der Chance von Derdiyok nach 16 Minuten; das hätte den Knoten lösen können.

Kann die gleiche Mannschaft, die gegen Spanien defensiv so gut spielte, gegen Honduras plötzlich offensiv spielen?
Das kommt auf die Taktik an, die man den Spielern mitgibt. Gegen Spanien war es das Ziel, mit zwei Viererketten eng zu stehen. Gegen Honduras wollten wir nicht nur mit Kontern spielen. Wir wollten nach vorne spielen. Aber wir machten zu viele Fehlpässe und hatten zu viele Ballverluste. Die Präzision um den Strafraum hat uns gefehlt. Und bei den Chancen waren wir zu wenig kaltblütig.

Das Problem der Schweiz ist offensichtlich das Tore schiessen...
Es ist etwas vom Schwierigsten im Fussball. Italien und Frankreich haben eine deutlich grössere Auswahl an Spielern und hatten auch grosse Probleme damit. Und auch sie sind ausgeschieden. Vor vier Monaten hatten wir noch alle Trümpfe in der Hand. Frei und Streller waren noch nicht verletzt. Derdiyok ist noch jung, er muss sich noch entwickeln. Ihm fehlt noch die Kaltschnäuzigkeit, die Frei auszeichnet.

Es fehlten auch die Impulse aus dem Mittelfeld.
Wir haben tatsächlich nicht unsere spielerische Topform gezeigt. Die Mittelfeldspieler haben ihr Leistungsvermögen nicht abgerufen. Ich muss mir über die Besetzung im Zentrum Gedanken machen.

Vor allem von Gökhan Inler verlangen Sie sehr viel. Kann er Ihren Ansprüchen gerecht werden?
Inler ist noch jung (wird am Sonntag 26 Jahre alt; die Redaktion). Er hat sich stetig weiterentwickelt. Er war jetzt auch schon dreimal Captain, das hat seine Verantwortung noch verstärkt. Gegen Spanien und Chile hat er zusammen mit Huggel sehr, sehr stark gespielt. Im letzten Spiel konnte aber auch Inler keine Akzente setzen. Ich bin aber zuversichtlich, dass er sich entwickeln wird. Wir werden noch sehr viel Freude haben an Gökhan Inler.

Es geht sehr schnell weiter. Im September steht schon der Beginn der EM-Qualifikation auf dem Programm. Wird es personelle Änderungen oder gar einen Umbruch geben?
Das ist jetzt noch zu früh und wird man erst in den nächsten Wochen sehen. Aber einen kompletten Neuanfang in nur sechs Wochen zu machen, geht auch nicht. Im August haben wir das Testspiel gegen Österreich und dann beginnt schon die EM-Qualifikation gegen England. Von Rücktritten habe ich noch nichts gehört.

Ist es möglich, dass gegen Österreich zum Beispiel Nassim Ben Khalifa im Aufgebot stehen wird?
Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht. Aber er ist sicher ein interessanter Spieler, der auch deshalb auf der Liste war, falls jemand ausgefallen wäre. Ich werde sicher seinen Weg beobachten und analysieren. Ich werde ihn in Wolfsburg besuchen und seine Chancen abschätzen, ob er spielen wird. Er wird ein sehr wichtiger Spieler für die Zukunft.

Apropos Zukunft: In einigen Zeitungen wurde das Gerücht verbreitet, Sie könnten trotz Vertrag bis 2012 dem deutschen Werben erliegen. Erfüllen Sie Ihren Vertrag in der Schweiz?
Wenn die Schweiz mich noch will...

Erstellt: 26.06.2010, 23:37 Uhr

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