«Die Schweiz wird eines Tages einen Viertelfinal erreichen»

Alex Frei musste gestern 70 Minuten zuschauen, wie seinen Kollegen kein Treffer gegen Honduras gelang – und vergab dann selber zwei Chancen. Er äussert sich im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet zum WM-Out.

«Diese letzten Minuten waren nichts für Taktiker»: Alex Frei zur Schlussphase des Spiels.

«Diese letzten Minuten waren nichts für Taktiker»: Alex Frei zur Schlussphase des Spiels. Bild: Keystone

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Alex Frei, in neun Tagen haben Sie jetzt praktisch alles erlebt, vom Sieg gegen den Europameister Spanien bis nun zur Nullnummer gegen Honduras. Können Sie diesen Weg erklären?
Man hat in dieser WM gesehen, dass wir an einem guten Tag jeden Gegner schlagen können. Vielleicht hat das gegen Spanien nicht schön ausgesehen, aber wir waren bereit. Nun haben wir gegen Honduras nur 0:0 gespielt. Man soll jetzt Honduras nicht schlecht reden, die sind nicht einfach so an einer WM. Aber wir haben den Schlüssel nicht gefunden, um diese Mannschaft zu schlagen. Es ist aber noch zu früh, um schon ein Fazit zu ziehen. Das wird in den nächsten Tagen und Wochen analysiert. Wir als Mannschaft werden das machen, zusammen mit dem Trainer. Ich bin aber davon überzeugt, dass diese jungen Spieler, die im Ausland reifen, nochmals einen Schritt vorwärts machen werden.

Hat euch das 0:1 gegen Chile stärker aus der Bahn geworfen, als man vielleicht zugab?
Nein, das wäre zu einfach. Man hätte genauso gut gegen Chile 0:0 spielen können. Das war überhaupt nicht das Problem und auch nicht das Thema. Es war ja immer so, dass wir bis zu diesem letzten Spiel die Qualifikation in den eigenen Füssen und Händen hatten.

Hat euch die Situation gelähmt? Phasenweise hätte ja ein 1:0 gereicht, und als das 2:1 im anderen Spiel fiel, musste ein 2:0 her...
Gewusst haben wir es nicht. Der Trainer wollte nicht, dass die Mannschaft über das Resultat informiert ist. Aber wir wussten, dass wir ein Tor schiessen mussten. Und wenn man gegen eine Mannschaft wie Honduras ein Tor schiesst, dann lösen sie sich zwar nicht gerade auf, aber die Räume werden doch noch grösser, um eventuell ein zweites Tor zu erzielen.

Hatten Sie als Stürmer im Hinterkopf, dass Ihnen und auch Ihrem Sturmpartner schon länger kein Treffer mehr gelungen ist?
Nein, überhaupt nicht. In der Zeit, in der man auf dem Feld ist, will man sein Bestes geben und einen Treffer erzielen. Da ist es so, dass man sich an gewisse Punkte bewegen muss, dass der Ball vor die Füsse fällt oder ans Knie springt und ein anderer kann erben. Wenn es in den letzten 20 Minuten 0:0 steht und man unbedingt noch ein Tor benötigt, dann gibt es keine grossen Taktiken. Dann versucht man einfach als Stürmer, sich dorthin zu stellen, wo es nötig ist, um zu einem Torerfolg zu kommen.

Was ziehen Sie persönlich für ein Fazit? Es ist Ihnen ja mit der Verletzung auch nicht nach Wunsch gelaufen.
Es ist ja nicht fair, wenn man jetzt ein Fazit über die ganze Mannschaft zieht. Das ist jetzt viel zu früh. Da braucht es schon noch mindestens eine Woche.

Aber Sie können sicher etwas zu Ihrer emotionalen Achterbahn sagen im Spiel gegen Honduras...
Man ist draussen und fiebert mit. Man hofft, dass das erlösende 1:0 kommt, damit der Gegner noch etwas mehr öffnen muss. Oder dass er vielleicht auch gewisse Sachen vergisst, weil es 1:0 für uns steht. Und wenn man auf das Feld kommt, dann probiert man mitzuhelfen.

Wie haben Sie diese letzten 20 Minuten erlebt?
Diese letzten Minuten waren nichts für Taktiker. Aber für den Zuschauer und auch wenn man auf dem Feld ist, dann ist das etwas Gutes. Man muss nach vorne rennen, wieder zurückrennen, nach vorne rennen und wieder zurück. Diese Spielentwicklung war so wegen des Resultats. Wir mussten ja ein Tor schiessen.

Was ging Alex Frei in dieser Schlussphase durch den Kopf – auch bei den Kontern?
Dass wir ein Tor kassieren könnten, daran denkt man nicht. Ich schaute, wo meine Räume frei sein könnten. Am Schluss waren relativ viele offensive Spieler auf dem Platz. Man versucht, seinen Raum zu finden, wo man sich in Szene setzen kann und nicht einem anderen den Platz zu nehmen.

Was waren Ihre erste Gedanken beim Schlusspfiff?
Im ersten Moment ist es eine riesige Enttäuschung für mich selber und für die ganze Mannschaft. Aber ich denke auch für die Fans. Man hoffte ja doch, dass wir dieses erlösende Tor schiessen. Und vielleicht auch noch ein zweites, damit wir sicher weiterkommen. Nach dem Schlusspfiff sammelt erst einmal die eigenen Gedanken und dann schaut man, dass man anderen am Boden etwas aufhelfen kann. Denn im Leben geht es immer weiter. Aber die Enttäuschung ist natürlich gross. Man reift als Generation, man reift in jeder Kampagne. Ich bin weiterhin überzeugt, dass die Schweiz das Potenzial hat, um eines Tages einen Viertelfinal zu erreichen.

Erstellt: 26.06.2010, 09:26 Uhr

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