Diese vier Probleme muss Hitzfeld lösen

Noch acht Tage geht es bis zum WM-Start, noch 13 bis zum ersten Spiel der Schweizer. Doch die SFV-Auswahl macht noch keinen WM-tauglichen Eindruck. Tagesanzeiger.ch/Newsnet nennt die grössten Baustellen.

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Nehmen wir das Positive vorneweg. Der Goalieposten gehört nicht zu den Schweizer Problemzonen. Diego Benaglio hat sich von seinen Problemen mit der Patellasehne erholt. Er machte gegen Costa Rica einen sicheren Eindruck, war beim Gegentor machtlos und hätte sogar fast noch den Ausgleich geschossen.

Problemzone 1: Innenverteidigung

Weniger gut sahen beim Tor von Winston Parks die Vorderleute von Benaglio aus. Die Innenverteidigung – noch vor wenigen Jahren das Prunkstück der Schweiz – bereitet Ottmar Hitzfeld derzeit die grössten Sorgen. Er musste seinem Credo untreu werden, nur Spieler aufzubieten, die in ihrem Verein auch Spielpraxis haben. Auf Philippe Senderos setzt der Trainer, obwohl der Genfer in diesem Frühjahr bei Everton auf etwas mehr als 90 Minuten Premier-League-Fussball verteilt auf zwei Einsätze kam.

Hitzfeld erklärte, nicht auf die Routine von Senderos verzichten zu wollen. Er hätte aber auch sagen können, dass ihm die Alternativen fehlen. Denn hinter Stéphane Grichting, der unter Hitzfeld zur unumstrittenen Figur im Abwehrzentrum aufgestiegen ist, gibt es keine klare Hierarchie. Sechs verschiedene Innenverteidiger setzte der Trainer in den 17 Länderspielen seit seinem Amtsantritt im Sommer 2008 ein.

Der einstige Hoffnungsträger Johan Djourou, der eine gewisse Agilität und auch Kreativität mitbringt, war die ganze Saison verletzt, bis er im letzten Saisonspiel mit Arsenal noch einige Einsatzminuten hatte. Steve von Bergen spielt in Hitzfelds Überlegungen nur eine zweite Rolle. Von Mario Eggimann, Heinz Barmettler und Jonathan Rossini ist er noch weniger überzeugt. Eggimann rutschte quasi aus dem Nichts ins WM-Kader und war darüber selber am meisten erstaunt.

Senderos hat zwar das Vertrauen, das ihm Hitzfeld schenkt, schon mehrfach gerechtfertigt – zum Beispiel auch mit seinen beiden Kopftoren beim 3:0-Sieg in Luxemburg. Aber er zeigte auch schon, dass es ihm zuweilen etwas schnell geht. Im Testspiel vor einem Jahr in Basel gegen Italien wurde die fehlende Spielpraxis offensichtlich. Auf ähnliche Erkenntnisse würden Trainer und Fans in den kommenden Partien gerne verzichten.

Problemzone 2: Zentrales Mittelfeld

Über Jahre schieden sich die Geister an Johann Vogel. Der Genfer war im Rhombus für die defensive Absicherung zuständig, verrichtete diesen Job ohne Aufsehen, aber dafür sehr zuverlässig. Er hielt damit den Rücken für die kreativen Spieler wie Hakan Yakin frei. Schon in der Ära Kuhn änderte das System auf ein klassisches 4-4-2. Gökhan Inler wuchs in die Rolle der zentralen Schaltfigur und wurde quasi zum Dreh-und Angelpunkt.

Doch Inler ist in erster Linie ein Balleroberer und nicht ein Spielmacher. Er kann fraglos mehr offensive Akzente setzen als es einst Vogel machte, aber er ist nicht der Mann des genialen Passes. Sein Sekundant Benjamin Huggel ist dies ebenso wenig. Der robuste Basler ist für die Ballkontrolle und die defensiven Arbeiten im Zentrum genauso wichtig wie Inler. Impulse nach vorne dürfen aber von beiden nicht erwartet werden.

Dies übertragt mehr offensive Verantwortung an die beiden Seitenspieler. Doch befindet sich Tranquillo Barnetta seit rund zwei Jahren im Nationalteam in einem Leistungstief und ist Valon Behrami zu verletzungsanfällig, um zum verlässlichen Stammspieler zu werden. Marco Padalino war zwar ein zuverlässiger Remplacent und auch gegen Costa Rica einer der wenigen Schweizer, die positiv auffielen. Offensive Impulse vom Dauerersatz von Sampdoria sind indes auch nicht zu erwarten.

Problemzone 3: Sturm

Eng verbunden mit der Problemzone im zentralen Mittelfeld und der fehlenden Kreativität ist die offensive Impotenz. Das letzte Tor aus dem Spiel erzielten die Schweizer am 9. September 2009 in Riga, als Alex Frei gegen Lettland zum 1:0 traf. Seither trafen sie nur noch nach Standard-Situationen – oder gar nicht. In den letzten fünf Länderspielen blieb die SFV-Equipe dreimal ohne Torerfolg.

Hitzfeld hat sich schon lange auf sein Sturmduo Blaise Nkufo und Frei festgelegt. In der Qualifikation dankte der unter Kuhn verschmähte Nkufo das Vertrauen mit fünf Treffern. Nun wartet aber der Captain des holländischen Meisters Twente Enschede seit sechs Länderspielen auf ein persönliches Erfolgserlebnis. Er ist wieder jener Blaise Nkufo, der einst bei den Grasshoppers zum grossen Missverständnis geworden war.

Und Alex Frei? Der Rekordtorschütze der Schweizer Nationalmannschaft mit der beeindruckenden Quote von 40 Toren in 74 Länderspielen? Das Tor in Lettland zum 1:0 war sein letztes im SFV-Dress. Gegen Costa Rica war er bemüht, aber er überinterpretierte seine Rolle als etwas zurückhängende Spitze. Er holte die Bälle praktisch bei den Innenverteidigern und versuchte das schleppende Spiel anzukurbeln.

Problemzone 4: Hakan Yakin

Für das kreative Element war im Schweizer Spiel über Jahre Hakan Yakin zuständig. Doch noch mehr als über sein Talent wurde über den Fitnesszustand des Spielmachers diskutiert. Auch Hitzfeld beteiligte sich daran. Der 61-jährige Deutsche ist nicht der Meinung, dass der Linksfuss ein ganzes Spiel bestreiten kann. Er sieht ihn als Joker für die Schlussphase, um die Physiognomie des Spiels zu ändern. Und natürlich ist Hakan Yakin auch der Mann, der die genialen Freistösse und Eckbälle schlagen kann, die zu einem Tor führen sollen.

Sorgen dürfte sich Hitzfeld indes vor allem um die erste Problemzone machen. Denn darauf basiert sein Spiel mit der Schweiz. Eine grundsolide Defensive, aus der mit Kontern das offensive Glück gesucht wird. Deshalb vertraut Hitzfeld im eigentlichen kreativen Zentrum auch lieber zwei erprobten Abräumern. Und deshalb will er die stehenden Bälle zur gefährlichsten Schweizer Angriffswaffe machen. Und in diesen Überlegungen spielt der kopfballstarke Philippe Senderos eine wichtige Rolle.

Erstellt: 03.06.2010, 12:53 Uhr

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