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Schwieriges ErbeWundersames Trio um Dzeko beseelt die Roma

Francesco Totti vergessen machen? Unmöglich. Edin Dzeko, Henrikh Mkhitaryan und Pedro Rodriguez schicken sich jedoch an, in die Fussstapfen des römischen Fussballkönigs zu treten.

Edin Dzeko ist eine der Römer Lebensversicherungen.
Edin Dzeko ist eine der Römer Lebensversicherungen.
Foto: Massimo Insabato (Keystone)

In den Strassen Roms hängen gerade Filmplakate mit einem süssen Nachhall, an jeder Ecke. Man sieht darauf den König der Stadt, den einzig wahren und unverhandelbaren Herrscher über die Herzen, wie er in den Spiegel schaut: nasses, langes Haar, Dreitagebart, ernste Miene, dramatisches Licht, rotes Shirt, gelbe Schrift. Francesco Totti erzählt im Dokumentarfilm «Mi chiamo Francesco Totti» seine Geschichte gleich selber. Mit Anekdoten aus dem Leben, natürlich auch mit nostalgischem Pathos – aber wer mag in diesen Zeiten fortdauernder Bedrücktheit schon auf etwas Wärme verzichten? Als er noch klein war, erzählt Totti zum Beispiel, habe er mit seinem immerzu skeptischen Vater und Onkel ausgemacht, dass sie ihm für jedes Tor 5000 Lire geben würden: «Ich habe sie in den Ruin getrieben.»

Die Roma und Francesco Totti – dreieinhalb Jahre ist sein Abschied vom Aktivfussball nun schon wieder her, diese Ruhesetzung im tränengefluteten Olympiastadion. Ein Volk, das seine Helden sonst zerreisst mit seinem Dauerlamento, sie immer hinterfragt, als wäre jeder verhauene Ball ein Hochverrat an den Farben, sie kaum mal atmen lässt, nahm da kollektiv und natürlich viel zu früh Abschied von einem nie diskutierten Lebensbegleiter, einem Freudenbereiter. Gut möglich, dass es eine solche Symbiose nie mehr geben wird.

Francesco Totti wird nach seinem letzten Spiel für die AS Roma im Mai 2017 von Teamkollegen gefeiert.
Francesco Totti wird nach seinem letzten Spiel für die AS Roma im Mai 2017 von Teamkollegen gefeiert.
Foto: Riccardo Antimiani (Keystone)

Der verschmähte Star

Edin Dzeko etwa, der Star der post-königlichen Ära, 7,5 Millionen Euro Jahressalär, muss sich bei den Romanisti in jedem Spiel neu beweisen, Cent für Cent. Jeden Sommer will er weg: 2018 verhandelte er mit Chelsea, 2019 mit Inter, 2020 mit Juventus. Jedesmal hiess es jeweils, diesmal sei er weg, ganz sicher, die Verträge seien schon ausgedruckt. Dann aber blieb er immer, der «Schwan aus Sarajevo», das Gesicht in Melancholie gemalt. Und kämpfte wieder eine Saison lang um stabile Anerkennung, die ihm trotz seiner offensichtlichen Klasse, trotz 108 Toren in fünf Jahren mittlerweile, nie zuteil werden wird. Nie.

Ein «Bomber», wie die Italiener den Torjägern sagen, muss doch dreissig Mal im Jahr treffen, mindestens. Dzeko gelingt das nur alle paar Jahre. Da kann er das Geschehen da vorne noch so diktieren mit seiner imposanten Gestalt, mit dieser Verdrängungswucht eines Ozeandampfers: Er ist kein Knipser, keiner, der sich bei Flanken furchtlos vor die Verteidiger wirft, den Ball reinstochert. Pro Tor braucht er vier, fünf Grosschancen. Manchmal wirkt Dzeko sogar richtig lustlos, das nervt die Römer am meisten.

Nun aber scheint es, als habe die Roma endlich eine neue Formel gefunden für den Sturm, die den Bosnier glücklich machen könnte. Und die Romanisti dazu.

Alle schon über 30 Jahre

Noch hat das Trio keinen Namen, aber wer weiss, vielleicht hat die Offensive mit Pedro Rodriguez rechts und Henrikh Mkhitaryan links hinter Dzeko das Zeug zum «Trio meraviglia»: im 3-4-2-1. Die ersten Saisonspiele reichten schon mal zu einem gewissen Gaudium. Die drei stehen nahe beieinander, kombinieren schnell, technisch unerhört sicher und versiert, alle beidfüssig dann noch. Und plötzlich ist Dzeko da vorne nicht mehr allein.

Es kann aber auch sein, dass es dann bald einmal als Ü-30-Trio in die Geschichte eingeht, als Flop, in Rom geht das immer ganz schnell. Die drei Herrschaften sind nämlich alle schon über dreissig. Dzeko ist 34, Pedro 33, Mkhitaryan 31. Und zumindest vom Spanier und vom Armenier dachte man, sie hätten ihre beste Zeit schon hinter sich. Sonst wären sie wahrscheinlich nicht zur Roma gekommen, die eine eher mittelprächtige Gegenwart erlebt. Die beiden waren Schnäppchen, leicht zu haben und bemüht um eine ehrenvolle Vollendung ihrer gloriosen Karrieren.

Henrikh Mkhitaryan (r.) harmoniert gut mit Dzeko.
Henrikh Mkhitaryan (r.) harmoniert gut mit Dzeko.
Foto: Riccardo Antimiani (Keystone)


Mkhitaryan kam im vergangenen Sommer aus London, vom FC Arsenal. Kaum in Rom, sprach er schon Italienisch: Der Armenier beherrscht jetzt acht Sprachen, er ist viel herumgekommen. Ein kluger Mann, ein politischer dazu. Als kürzlich der Krieg zwischen Armenien und Aserbeidschan um die umkämpfte Region Bergkarabach neu entbrannte, schrieb «Micki» offene Briefe an die Präsidenten Amerikas, Russlands und Frankreichs. Es waren dringliche Plädoyers für sein historisch geplagtes Volk. «Aus tiefstem Herzen bitte ich Sie, alles zu unternehmen, um die Tragödie beenden», schrieb er. Die Bomben fielen nicht mehr auf Spitäler, Schulen und Wohnhäuser.

Der Glaube an den Titel

Pedro ist erst seit zwei Monaten in der Stadt. Seine Ankunft ging etwas unter, zumal gemessen an seinem eindrücklichen Palmarès. Mit dem FC Barcelona und dem spanischen Nationalteam hat er alles gewonnen: WM, EM, Champions League, nationale Meisterschaften und Cups – alles eben. Nicht selten waren seine Tore entscheidend, und doch stand er immer im Schatten noch grösserer Stars. Die Roma bekam ihn ablösefrei von Chelsea, was in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten der wichtigste Faktor ist. Pedro liess sich schnell vom Umfeld überzeugen, kein Wunder, die Roma zählt nun fünf spanische Spieler. Sein Einstand wiederum überzeugte die Römer, selbst die notorischen Skeptiker sind fürs Erste verstummt: Er ist so schnell wie früher, beseelt von einem unbedingten Drang zum Tor. «Wir müssen um die Meisterschaft spielen, wir können sie gewinnen.»

Pedro Rodriguez hat sich bei der AS Roma gut eingelebt.
Pedro Rodriguez hat sich bei der AS Roma gut eingelebt.
Foto: Massimo Insabato (Keystone)


Das sind ungewöhnliche Töne für römische Verhältnisse, Siegermentalität ist etwas für andere. Man stapelt lieber tief, aus Aberglauben und Selbstschutz, man ist dann weniger enttäuscht, wenn es wieder nicht klappt. Der letzte Meisterschaftstitel liegt jetzt 19 Jahre zurück. Totti war damals 24 und schon König. Für immer.

1 Kommentar
    Peter Steiner1973

    Guter Artikel, ein Kenner Roms und der Roma! Daje giallorossi e forza lupi!