Literatur im Erdgeschoss

Die Klassiker von Charles Dickens und Émile Zola erschienen zuerst als Fortsetzungsromane in Tageszeitungen. Trickreich nutzten sie Cliffhanger – ganz ähnlich wie heute Fernsehserien.

Aufführung von Charles Dickens’ «The Old Curiosity Shop» («Der Raritätenladen») am 2. August 1930 in einer Strasse Londons. Foto: New York Daily Archive, Getty Images

Aufführung von Charles Dickens’ «The Old Curiosity Shop» («Der Raritätenladen») am 2. August 1930 in einer Strasse Londons. Foto: New York Daily Archive, Getty Images

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Nicht alles, aber vieles ist eine Frage des Preises. Auch der Siegeszug des Fortsetzungsromans auf Zeitungspapier, mit anderen Worten «Feuilletonroman». Das «Feuilleton», das «Blättchen» mit Theaterkritiken, wurde im späten 18. Jahrhundert dem politischen Teil beigelegt und wanderte später ins Hauptblatt, unter den Strich, wie es wörtlich und auch sprichwörtlich hiess. In Frankreich nannte man den Platz auch «rez-de-chaussée», Erdgeschoss, und es war in der Zeitung genauso wenig angesehen wie in Häusern. In Frankreich waren Zeitungen damals teuer. Zum breiten Medium, später zum Massenmedium wurden sie nicht nur, weil mehr Leute lesen konnten, sondern vor allem durch Preissenkungen. Diese wiederum waren möglich durch neue Druck- und Vervielfältigungstechniken – und weil man Inserate gegen Geld veröffentlichte.

Am 1. Juli 1836 erschienen in Paris zwei neue Zeitungen, «Le Siècle» und «La Presse», die nur die Hälfte des bisherigen Preises kosteten, 40 Franc im Jahr. Ausserdem hatten sie eine Attraktion im Angebot: einen Roman in Fortsetzungen. Bücher waren für viele unerschwinglich, für den Verleger war die Publikation immer ein Risiko; die Nach-und-nach-Veröffentlichung zeigte Letzteren, wie gross das Interesse war, und gab den Lesern erschwinglichen Unterhaltungsstoff.

Und zwar durchaus nicht Schmutz und Schund! Die ersten in täglichen Stücken veröffentlichten Romane stammten von Alexandre Dumas («La comtesse de Salisbury») und Honoré de Balzac («La vieille fille»). Bald traten zu den fertigen Romanen, die in Zeitungen erschienen, solche, die eigens für das neue Medium geschrieben wurden – und denen man das auch anmerkte. Schon 1842 erschien im «Journal des débats» der vielleicht erfolgreichste Fortsetzungsroman der Literaturgeschichte, Eugène Sues «Mystères de Paris», eine personenreiche, unendlich verwickelte und verworrene Räuberpistole zwischen Adel und Unterwelt, die in den kommenden Jahren in ganz Europa übersetzt und imitiert wurde.

Anders als bei fertigen Büchern konnten die Leser auf Zeitungsromanfolgen mit Leserbriefen reagieren und gegebenenfalls den weiteren Verlauf sogar beeinflussen. So improvisierte Eugène Sue immer stärker beim Handlungsfortgang und nahm Leserwünsche auf: ein frühes Beispiel für Interaktivität.

Die Tricks mit dem Abo

Sue hatte viele Nachahmer. Émile Zola verdiente sich seine Schriftstellersporen mit dem ähnlich kolportagehaft verfassten Fortsetzungsroman «Les Mystères de Marseille», ehe er sich an sein zwanzigbändiges Familien- und Generationenwerk «Les Rougon-Macquart» machte. Auch dieses wurde, bevor es in Buchform erschien, in Zeitungen stückweise vorabgedruckt, ebenso wie «Madame Bovary». Gustave Flauberts makellose Prosa, heute als Klassiker par excellence bewundert, erschien 1856 zuerst in der Wochenzeitung «Revue de Paris», und es waren diese Abdrucke, die den berühmten Prozess wegen «Anschlag auf die Moral und die guten Sitten» auslösten. Dabei hatte die Redaktion, zum Ärger des Autors, schon einige heikle Stellen gestrichen.

Ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts war der Vorabdruck in Zeitungen oder Zeitschriften die geläufigste Form der Erstpublikation von Romanen in Europa. Von Balzac bis Fontane, von Dickens bis Dostojewski erschienen die grossen Romane, die heute im Bücherschrank des Literaturfreundes einen Ehrenplatz einnehmen, erst einmal auf Zeitungspapier. «Die Brüder Karamasow», «Krieg und Frieden», «Anna Karenina»: Die russischen Klassiker kamen allerdings nicht in Tageszeitungen, sondern in einer auf Erzählwerke spezialisierten Zeitschrift, dem «Russki Westnik» heraus, die von Gebildeten gelesen wurde, also einem sehr kleinen Kreis: Ende des 19 Jahrhunderts konnten im Zarenreich nur 20 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben.

In England hatte der Hype exakt im selben Jahr wie in Frankreich begonnen: 1836. Und zwar mit einer Steuersenkung. 1836 nämlich wurde die «stamp duty» von vier auf ein Pence gesenkt, für Produkte, die mindestens eineinhalb Bogen bedrucktes Papier, also sechs Seiten, umfassten. Um diesen Umfang zu erreichen, füllte man mit Romanfolgen auf. Der Pionier war hier Charles Dickens: 1836 erschienen die «Pickwick Papers», 1837–1839 «Oliver Twist», der ihn unsterblich machte.

Dickens schrieb «just in time», der Veröffentlichung stets nur wenige Tage voraus. Bei ihm lässt sich gut beobachten, wie sich die Publikationsform auf die Schreibweise auswirkte. Es galt ja, die Leser so zu fesseln, dass sie die nächste Nummer der Zeitung kauften oder das Abonnement verlängerten, um zu erfahren, wie es weiterging. Die Zeitungsverleger nutzten die Attraktivität ihrer Romane trickreich aus: Sie starteten einen neuen gern kurz vor dem Zeitpunkt, wo das Abo auslief und verlängert werden musste, oder sie unterbrachen einen besonders gut laufenden kurzerhand während dieser Periode.

Der Beitrag des Autors zu dieser Fesselungstechnik war der Cliffhanger. Möglicherweise geht der Name auf einen Roman von Thomas Hardy von 1873 zurück, in dem der Held tatsächlich in scheinbar aussichtsloser Lage an einer Klippe hängt. Aber perfektioniert (und überstrapaziert) wurde er bereits vorher in unzähligen Fortsetzungsromanen. Der Literaturwissenschaftler Vincent Fröhlich hat in seinem Standardwerk «Der Cliffhanger» drei Varianten des Tricks analysiert, den Spannungspegel über eine Veröffentlichungspause hinweg hoch zu halten: Der Held wird in einer gefährlichen Situation zurück­gelassen; der Leser bekommt eine Information, die alles verändert, oder er wird mit einer geheimnisvollen Ankündigung neugierig gemacht.

Der schlaue Dickens

Charles Dickens wusste mit dem Instrument bereits virtuos umzugehen: Nach Folge 10 von «Oliver Twist» glauben die Leser, der Held sei tot, und bleiben zwei weitere Folgen im Ungewissen. Für «Bleak House», 1852–1853 erschienen, gibt es detaillierte Notizen des Autors darüber, wo und wie die Story am geschicktesten zu unterbrechen sei. Dickens’ Kollege Wilkie Collins («The Woman in White») arbeitete bereits mit einer Fülle an Cliffhangern, und Kolportageromane à la «Die Geheimnisse von ...» verwendeten sie inflationär.

Dickens war unter allen Autoren wohl der geschäftstüchtigste. Er versuchte die gesamte Verwertungskette in der Hand zu behalten und gründete deshalb eigene Familienzeitschriften, in denen dann seine Romane Stück für Stück erschienen. In England war der bevorzugte Publikationsrhythmus monatlich. Die Leser bekamen dann viel Futter auf einmal, mussten sich zwischen den Lieferungen aber lange gedulden. Manchmal hielten sie es kaum aus.

Berühmt ist die Szene im Hafen von New York, als 1841 die Menge ein einlaufendes Schiff stürmte, das die nächste Lieferung des Romans «The Old Curiosity Shop» mitbrachte, und die bange Frage nach dem Schicksal der Heldin stellte: «Is little Nell alive?» In Frankreich fand der Fortsetzungsroman, abgesehen von edleren, literarisch ausgerichteten Zeitschriften wie «La Revue de Paris» oder «La Revue des deux mondes», in der Tagespresse statt. Die hatte im zweiten Drittel des Jahrhunderts mit der «presse à un sous» endgültig ein Massenpublikum erreicht. «Le Petit Journal» etwa erreichte eine Auflage von 200'000. Dort erschienen, neben den dominierenden Berichten über Verbrechen und Skandale, Romane ohne literarischen Anspruch, in denen es aber ähnlich aufregend zuging. Der berühmteste Feuilletondauerbrenner des Zweiten Kaiserreichs war der Rocambole-Zyklus von Pierre Alexis Ponson de Terrail zwischen 1857 und 1870. Eine wüste Kolportage in 1500 Folgen, die sich keinen Deut mehr um Stil, Logik, Wahrscheinlichkeit oder Psychologie scherte. Dem Publikum wars recht.

20'000 Romane pro Jahr

Der Fortsetzungsroman war 100 Jahre lang ein Erfolgsmodell, sei es als Vorabdruck fertiger Bücher, sei es als eigens für die Zeitung geschriebenes Stückwerk. Zeitungen – auch der «Tages-­Anzeiger» – warben mit ihm, Zeitschriften platzierten ihn auf die Frontseite. Die Autoren profitierten ebenfalls; bei erwiesener Zugkraft konnten sie hohe Honorare aushandeln. Eugène Sue erhielt für den «Juif errant» 100'000 Franc, der deutsche Vielschreiber Friedrich Spielhagen für den Vorabdruck von «Sturmflut» von mehreren Zeitungen je 10'000 Mark. Auch Theodor Fontane, C. F. Meyer und Gottfried Keller verdienten gut, wenn ihre Romane und Erzählungen in der angesehenen «Deutschen Rundschau» zuerst gedruckt wurden.

Da keine Zeitung ohne Fortsetzungsroman auskommen wollte, stieg der Bedarf an einschlägigem Nachschub. Um 1900 wird er in Deutschland auf 20'000 Romane pro Jahr geschätzt. Diesen Bedarf deckten spezielle Agenturen, die auch dafür sorgten, dass nicht dasselbe Stück in Zeitungen desselben Verbreitungsgebietes erschienen. Nicht jeder Roman freilich eignete sich für jedes Blatt. Als die angesehene Berliner «Haude- und Spenersche Zeitung» 1872 «Kinder der Welt» von Paul Heyse druckte, in dem dieser für Selbstverwirklichung und gegen die Zwänge der Ehe schrieb, liefen die konservativen Abonnenten in Scharen davon, die Zeitung musste aufgeben.

Die Nachfolge im Netz

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es mit dem Feuilletonroman bergab. Billige Taschenbücher und das Fernsehen mit seinen Vorabserien stillten nun den Bedarf. Als letzte grosse Zeitung stellte die FAZ 2009 den Feuilletonroman, jeweils ein Vorabdruck eines grossen Autors, ein. Die NZZ hatte das schon 1992 getan – mit den elegischen Worten «Gedenken wir ‹unseres› Romans mit heiterer Rührung; vergessen wir nicht, unseren Enkeln von ihm zu erzählen.»

Nun, die Enkel werden eigene Plattformen für das serielle Erzählen gefunden haben. Die Söhne und Töchter machen es heute vor: Sie konsumieren anspruchsvolle TV-Serien, die die Erzähl- und Spannungsstrategien der Fortsetzungsromane anwenden und weiter­entwickeln. Aber auch in der Literatur experimentieren Autoren mit der «zerstückelten», zeitversetzten Veröffentlichung: im Internet. Der Schriftsteller Tilman Rammstedt hat 2016 in Zusammenarbeit mit dem Hanser-Verlag den Roman «Morgen mehr» in täglichen Folgen über E-Mail und Whatsapp an Abonnenten geliefert; 2000 beteiligten sich, auch mit Kommentaren und Anregungen. Schon 1997 hatte Matthias Politycki etwas Ähnliches mit der Redaktion von ZDF-Aspekte versucht.

Und in Japan und China florieren im 21. Jahrhundert die Handyromane, die zumeist von jungen Mädchen gelesen werden. Darin geht es, auf der begrenzten Fläche des Smartphone-Bildschirms und in schnellerer Taktung, ähnlich dramatisch zu wie einst in der Kolportage von Eugène Sue und Ponson du Terrail. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2017, 19:55 Uhr

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