Pestizid im Kohl aus Asien – Zürcher Händler vor dem Richter

Das kommt äusserst selten vor: Ein Fall von gesundheitsgefährdendem Gemüse landete vor dem Bezirksgericht.

Beim Kauf von Gemüse aus Asien ist Vorsicht geboten: Pak Choi, auch bekannt als Chinesischer Senfkohl. Foto: Ben Pipe (Getty)

Beim Kauf von Gemüse aus Asien ist Vorsicht geboten: Pak Choi, auch bekannt als Chinesischer Senfkohl. Foto: Ben Pipe (Getty)

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Gemüse aus Asien ist oft zu stark mit Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) belastet. Als das Kantonale Labor Zürich kürzlich im Auftrag der Zeitschrift «Saldo» und der TV-Sendung «Kassensturz» 20 Stichproben untersuchte, waren lediglich acht der Proben unproblematisch. Bei den Grenzkontrollen in den Flughäfen Zürich und Genf stellt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit regelmässig überhöhte Pestizidkonzentrationen in Gemüsen und Früchten fest. Die Kontrolleure beanstandeten im Jahr 2015 von 40 Proben deren 12, was einem Drittel entspricht. «Die Lebensmittel­sicherheit bei Gemüse und Früchten aus Asien muss daher nach wie vor als ungenügend beurteilt werden», schreibt das Bundesamt im Jahresbericht 2016. «Damit die Situation verbessert werden kann, müssen die Kontrollen an der Grenze zwingend intensiviert werden.»

Dass ein Fall vor Gericht kommt, ist äusserst selten. Gestern hat sich der Einzelrichter des Bezirksgerichts Zürich mit einem Fall von gesundheitsgefährdendem Gemüse befasst. Angeklagt war der Besitzer eines mittelgrossen Zürcher Unternehmens, das Lebensmittel importiert und vertreibt. Der Mann hatte fermentierten Senfkohl aus Thailand in die Schweiz eingeführt. Der Kantons­chemiker stellte bei sechs Proben im Jahr 2016 Mängel fest. Einerseits lagen zu hohe Konzentrationen von Pestiziden vor, andererseits waren Insektizide verwendet worden, die in der Schweiz und der EU nicht mehr zugelassen sind.

Fehlende Rückverfolgbarkeit

In der Folge kam es zu einer Anklage. Der Staatsanwalt warf dem Unternehmer vor, dass er die Lieferanten in Thailand und deren Lieferungen nur ungenügend geprüft habe. Die letzte Laboruntersuchung von fermentiertem Kohl habe 2013 stattgefunden, also drei Jahre zuvor. Der importierte Kohl sei nicht bis zum Hersteller zurückverfolgbar gewesen, da der Lieferant das Gemüse auf einem Markt in Thailand gekauft habe. Diese fehlende Rückverfolgbarkeit, so die Anklageschrift, hätte der Lebensmittelhändler bemerken müssen.

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Der Beschuldigte habe sich stattdessen auf den langjährigen Lieferanten verlassen und die Waren nicht mehr kontrolliert. Deshalb sei er wegen fahrlässigen Vergehens gegen das Lebensmittelgesetz mit einer bedingten Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu je 3000 Franken und einer Busse von 2000 Franken zu verurteilen.

Eines von 3500 Produkten

Der Unternehmer, der nach eigenen Angaben in seiner Firma rund 40 Angestellte beschäftigt und einen Umsatz von 115 Millionen Franken erwirtschaftet, sagte, dass seine Firma ein risikobasiertes Kontrollkonzept habe und drei Personen sich mit der Qualitätssicherung beschäftigen würden. Der Senfkohl, eines von 3500 Produkten, sei nie als Gefahrenartikel deklariert worden, auch nicht von externen Fachleuten. Wenn sich ein Produkt nicht auf der Gefahrenliste befinde, kontrolliere man es etwa alle fünf Jahre. Der Unternehmer wunderte sich auch, warum gerade er vor den Richter zitiert wurde. «Als man Listerien in Gorgonzola der Migros fand und die Bundesbehörden eine öffentliche Warnung erliessen, musste Migros-Chef Herbert Bolliger auch nicht vor Gericht», argumentierte er.

Anklageschrift mit Mängeln

Sein Anwalt forderte einen vollumfänglichen Freispruch. Das Selbstkontrollkonzept der Firma entspreche dem aktuellen Sicherheitsstandard. Sein Mandant habe sich auf die Glaubwürdigkeit der Unterlagen und der Qualitätszertifikate der Lieferanten und Hersteller verlassen dürfen. Zudem seien in der Untersuchung zwei Sachen falsch gelaufen, sagte der Verteidiger: Die Erklärungen seines Mandanten beim Kantonalen ­Labor seien zu kurz gewesen, und es sei ihm nicht gelungen, dem Staatsanwalt den hohen Qualitätsstandard verständlich zu machen. Denn das kantonale Labor habe nicht alle Dokumente erhalten. «Mein Mandant hat alles getan, um der Rückverfolgung nachzukommen. Er durfte und musste davon ausgehen, dass die Produkthersteller gesetzeskonform deklarieren.»

Der Richter folgte dem Verteidiger und sprach den Unternehmer frei – nicht zuletzt, weil die Anklageschrift Mängel hatte. Denn der Staatsanwalt war offenbar von der Anklage selbst nicht überzeugt. Nachdem das Gericht eine erste Anklage zurückgewiesen hatte, wollte er sie einstellen, musste sie aber auf Geheiss von «oben» neu verfassen und ans Gericht einreichen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2017, 06:14 Uhr

4 Prozent des Gemüses enthalten gefährlich viel Gift

Wie gross ist das Gesundheitsrisiko, wenn ich Gemüse aus Asien esse?
Der Bund hat von 2012 bis 2015 fast 900 Pestizidproben von Gemüse und Gewürzen aus Asien ausgewertet. In fast einem Drittel aller Fälle wurden die zugelassenen Höchstwerte überschritten. Das gibt die Situation auf dem Schweizer Markt aber nicht 1:1 wieder, denn die Kontrolleure nehmen sich gezielt Produkte vor, bei denen erfahrungsgemäss ein erhöhtes Risiko besteht. Relativiert werden die Zahlen auch dadurch, dass die Maximalwerte für bestimmte Pestizide sehr tief liegen – vor allem bei Stoffen, die in der Schweiz nicht zugelassen sind. In 4 Prozent aller Proben stellten die Kontrolleure aber eine kritisch hohe Pestizidkonzentration fest. So hoch, dass die Gesundheit schon bei einmaliger Aufnahme Schaden nehmen kann.

Wie wird der Konsument geschützt?
Per Gesetz müssten die Importeure ihre Ware selbst kontrollieren. Die gleichbleibend hohen Beanstandungsquoten bei Stichproben zeigen aber, dass das nicht alle tun. Deshalb verschärft der Bund ab Mai 2018 das Kontrollregime: Wenn einem Genüseimporteur wiederholt zu hohe Pestizidwerte nachgewiesen wurden, muss er fortan jede Warenlieferung dem Kantonschemiker melden. Diese beschlagnahmt das Gemüse und gibt es erst wieder frei, wenn die Proben nichts Negatives ergeben haben. Fallen die Proben durch die Tests, muss der Importeur die Kosten übernehmen. Das läuft so lange so, bis der Importeur dank verbesserter Selbstkontrollen gewährleisten kann, langfristig keine schlechten Waren mehr anzubieten.

Können die Importeure überhaupt wissen, woher ihre Ware kommt?
Wer in der Schweiz mit Lebensmitteln handelt, muss ausweisen können, von wem er sie hat. Allerdings sagen Importeure, dass der Produzent im Herkunftsland eigene Ware manchmal mit der von Dritten vermische, um liefern zu können – ohne das anzugeben.

Welche Länder stehen im Fokus?
Im Vordergrund stehen Vietnam und Thailand. Wobei es Unterschiede gibt: In absoluten Zahlen wurden thailändische Waren am häufigsten beanstandet. Wenn man sich jedoch auf die Beanstandungsquote konzentriert, schneiden die auf Rang zwei folgenden Importe aus Viet­nam deutlich schlechter ab: Mehr als jede zweite Probe fiel durch, eine von zwanzig sogar mit gesundheitsschädigend hohen Werten. Bei thailändischen Importen war es jede vierte Probe respektive eine von 37. Mit anderen Worten: Bei Produkten aus Vietnam ist das Risiko grösser, schlechte Ware zu erwischen. Zudem steigt die Quote, während sie bei thailändischen Waren sinkt, weil das Land strenger kontrolliert, wer problematische Produkte exportieren darf.

Welche Produkte sind oft belastet?
Am schlechtesten schnitten bei den Kontrollen Frühlingszwiebeln ab: Mehr als die Hälfte aller Proben fielen durch. Andere Produkte überschritten in einem Drittel aller Fälle die Höchstwerte: frische Kräuter, Peperoni und Chilis, Chinakohl und Spinat. Weitere Hinweise gibt eine Liste mit Produkten, die der Bund ab kommendem Jahr verstärkt kontrollieren lassen will: Koriander, Basilikum, Minze, Petersilie, Okra und Paprika aus Vietnam. Auberginen, Spargelbohnen und chinesischer Sellerie aus Kambodscha. Chinesischer Brokkoli aus China. Bei den gesundheitsgefährdenden Proben stach kein Produkt heraus.

Wie wirkt Pestizid auf den Körper?
Ein Stoff wie das in der Schweiz nicht mehr zugelassene Carbofuran, unlängst in gefährlichen Mengen an Gemüse entdeckt, ist für den Menschen stark toxisch. Die Symptome reichen von Erbrechen bis Atemlähmung. (hub)

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