Ab Mittag wird gekaut

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Die Kaudroge Kat ist alt. Verbreitung findet sie vor allem ums Horn von Afrika.

Im Jemen steht das öffentliche Leben ab Mittag still. Die Männer gehen zuerst zum Mittagsgebet, danach wird gekaut: Nach Schätzung der Weltbank konsumieren in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, 90 Prozent aller Männer die Droge Kat; im Rest des Landes sind es drei Viertel. Nach der Berechnung eines lokalen Wissenschaftlers gehen so täglich 20 Millionen Arbeitsstunden verloren. Dem Brauch wird auch in anderen Ländern der Region gefrönt, namentlich in Äthiopien, Somalia, im Norden Kenias und in Djibouti.

Kat-Konsumenten verwenden die jungen Blätter des Kat-Strauchs. Diese enthalten den Wirkstoff Cathin, ein Amphetamin mit anregendem, das Wohlbefinden steigerndem Effekt. Es wirkt ähnlich wie Koffein. Die zerkauten Blätter werden im Mund zu Bällchen geformt und in der Backe gesammelt. Im Lauf des Tages werden die Bällchen immer wieder neu befeuchtet und neu ausgesaugt. Mit der Zeit entsteht die für Kat-Kauer typische Ausbuchtung der Backe.

Mehrere Dollars für Tagesration

Das Kauritual ist alt. Ursprünglich nutzten Sufi-Mystiker die Droge, um bei ihren Tänzen besser in Trance zu kommen. Heute gehört das Kauen in den Kat-Regionen zum Alltag. Wie kompatibel dieses mit dem islamischen Recht ist, hängt von der Geografie ab: In Saudi­arabien ist Kat «haram», also verboten, in den Ländern mit verbreitetem Konsum gilt es als zulässig. Im Jemen ist die Droge sozusagen offizialisiert: Die jemenitische Armee verteilt Kat an die Soldaten, um sie zu motivieren.

Islamrechtliche Bedenken gegen Kat gab es schon im Mittelalter. Gleichzeitig ist die Droge seit vielen Generationen ein wichtiger Wirtschaftszweig – im Jemen gilt die Kat-Wirtschaft als einziger Zweig, der reibungslos funktioniert. Eine Tagesration Kat kostet mehrere Dollar – dabei haben im Jemen über die Hälfte der Bevölkerung weniger als zwei Dollar täglich zur Verfügung. Entsprechend lukrativ sind Anbau und Handel von Kat – mit der Folge, dass etwa im Jemen die Droge andere Kulturen wie Kaffee und Gemüse weitgehend verdrängt hat. Hinzu kommt, dass der wasserintensive Anbau von Kat dramatische Folgen für die ohnehin knappen Wasservorräte hat.

Finanzierung von Terroristen

Im Süden Somalias kontrollieren die ­islamistischen Al-Shabaab-Milizen den Kat-Handel – dieser gehört zu den wichtigsten Einnahmequellen der Milizionäre. Es wird vermutet, dass die Erlöse aus der Kat-Wirtschaft generell eine wesentliche Rolle bei der Finanzierung des islamistischen Terrorismus am Horn von Afrika spielen.

Von Hannes Nussbaumer

Erstellt: 03.02.2015, 22:15 Uhr

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