Die Rentabilität von Atomstrom nimmt ab

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Atomkraftwerke vertragen sich schlecht mit einer Energieversorgung aus Wind- und Solarstrom. Das bekommen AKW-Betreiber zu spüren – auch in der Schweiz.

Wind- und Sonnenenergie prägen die Stromproduktion in Europa immer mehr. Die Dänen deckten im vergangenen Jahr laut dem neuen «Renewables Global Status Report» ein Drittel der Stromnachfrage mit Windkraft, in Spanien beträgt deren Anteil am Strommix ein Fünftel. Die Italiener produzieren knapp 8 Prozent des Stroms durch Fotovoltaikanlagen. Auch die Produktionskapazität ist in der EU weiter angewachsen: Der grösste Teil stammt von Windanlagen und Fotovoltaik. Erreicht die EU das Anfang Jahr beschlossene Ziel bis zum Jahr 2030, dann produzieren die EU-Länder in zwanzig Jahren 45 Prozent des elektrischen Stroms durch erneuerbare Energien.

Dieses Ziel werde «die Wirtschaftlichkeit der nuklearen Energie signifikant beeinflussen», heisst es im eben erschienenen «World Nuclear Industry Status Report». Was das heisst, zeigt eine Fallstudie während einer Woche im vergangenen Jahr in Deutschland. In der Bundesrepublik wie auch in anderen europäischen Staaten haben erneuerbare Energien stets Vorrang, wenn es darum geht, die Schwankungen im Stromnetz zu regulieren. Bei Stromüberschuss zum Beispiel müssen vielfach Kohle- und Gaskraftwerke mit der Produktion zurückfahren. Für die Betreiber von Atomkraftwerken kommen die Schwankungen im Stromnetz ungelegen, die durch das Wachstum erneuerbarer Energien verursacht werden. AKW sind grundsätzlich wenig flexibel. Die Produktion einer Anlage hinunter- und wieder hinaufzufahren, erfordert zu viel Zeit und ist kostspielig. So laufen die Atomkraftwerke, wie das deutsche Fallbeispiel im Dezember zeigt, bei einer Auslastung zwischen 65 und 90 Prozent – selbst wenn viel Windstrom fliesst und die Strompreise bei null liegen. Die AKW liefen sogar während Hunderter Stunden Volllast, obwohl der Marktpreis für eine Kilowattstunde Strom unter den Produktionskosten lag. Dies ist unter anderem der Fall, wenn Wind- und Solarkraftwerke überproduzieren und die Strompreise purzeln. Die Statistik für das vergangene Jahr zeigt, dass die Rentabilität der AKW nicht nur in jener Dezemberwoche gesunken war, sondern dies immer wieder über das ganze Jahr der Fall war.

Subventionen für AKW gefordert

Das Beispiel Deutschland lässt sich auch auf die Schweiz übertragen. «Die Rentabilität der Kernkraftwerke hat abgenommen», sagt Tobias Kistner von der Axpo. Das Marktumfeld sei allerdings für den gesamten Kraftwerkspark schwierig geworden. «Die Marktpreise sind an einem Punkt angelangt, an dem vielfach die Produktionskosten nicht mehr gedeckt werden können», sagt Kistner. Die Produktion von Atomstrom wird wohl auch in Zukunft nicht wirtschaftlicher, im Gegenteil. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts zeigt, dass sich mit dem Wachstum der Wind- und Sonnenenergie die Produktionsstunden bei äusserst tiefen Strompreisen in den vergangenen zwei Jahren in Europa vervierfacht haben.

Wie akut das Problem ist, zeigt die Reaktion von zehn EU-Staaten, von denen in neun Ländern Atomkraftwerke in Betrieb sind. Diese forderten Anfang Juli in einem Brief an die Europäische Kommission Subventionen für Atomstrom. Für die Schweizer AKW-Betreiber ist dies auf Anfrage keine Option. «Die Energieversorgung sollte in Zukunft so aufgestellt sein, dass bei allen Energieträgern allein der Markt spielt», sagt ­Tobias Kistner von der Axpo.
Martin Läubli

Erstellt: 29.07.2014, 22:28 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...