Eine Debatte ist dringend nötig

Besteht die Pharmaindustrie weiterhin auf ihre hohen Preise, wird es auch bei den Krebstherapien Rationierungen geben.

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Es grenzt an Zynismus: In der Schweiz müssen Hepatitis-C-Patienten warten, bis sie schwer erkrankt sind, bevor sie die neuen, hoch wirksamen Medikamente erhalten. Zu verantworten hat diese Rationierung das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Behörde hat ­beschlossen, dass das Medikament nicht allen Betroffenen erstattet werden soll, sondern nur jenen, bei denen die Leber bereits stark angegriffen ist.

Der Grund liegt in den enorm hohen Preisen der neuen Präparate. Hersteller wie der US-Pharmakonzern Gilead verdienen damit Milliarden. Würden in der Schweiz alle Patienten behandelt, so entstünden laut BAG Kosten von 4,6 Milliarden Franken. Die ­Behörde betont allerdings, dass die Rationierung vor allem wegen medizinischer Kriterien erfolgt sei. Es ­ergebe wenig Sinn, diejenigen zu behandeln, die einmal krank werden könnten, es aber noch nicht seien und allenfalls nie würden.

Ob dies wirklich stimmt, ist unter Medizinern umstritten. Das BAG scheut sich, die echte Auseinandersetzung mit der Industrie zu suchen und tiefere Preise auszuhandeln. Das zeigte sich bereits in früheren Fällen. Das Bundesamt sagt, dass es wegen der hiesigen Gesetze keine tieferen Preise wie in anderen Ländern verfügen kann. Das mag zwar stimmen. Der Bundesrat hat soeben die Festsetzung der Medikamentenpreise neu geregelt. Hier hätte er gegen superteure Medikamente vorgehen können. Passiert ist aber nichts.

Das Thema Rationierung dürfte die Schweiz in der Zukunft erst recht beschäftigen. Die neusten Krebstherapien sind nicht nur enorm teuer, sie werden oftmals kombiniert und erst noch länger eingesetzt als bestehende Präparate. Im Extremfall sind Kosten von mehreren Hunderttausend Franken die Folge. Beharrt die Pharmaindustrie auf ihren hohen Preisen, wird das BAG nicht darum herumkommen, auch in der Onkologie die Behandlungen zu rationieren. Dem Thema wurde in der Öffentlichkeit bislang noch viel zu wenig Beachtung geschenkt. Die Politik, Krankenkassen, Ärzte und die Pharmaindustrie müssen dringend eine Lösung für den Umgang mit diesen enorm teuren Medikamenten finden.

Erstellt: 07.06.2015, 22:26 Uhr

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