Hueregopferdammisiech

Wir schimpfen immer heftiger. Das sei gut so, sagt die Wissenschaft. Denn wer flucht, ist ehrlicher, wird glücklicher und verträgt mehr. Eine Tirade.

Trainer Giovanni Trapattoni bei der Arbeit (damals beim VFB Stuttgart) Foto: Sandra Behne (Bongarts)

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Während sie einen Tatort untersuchen, wiederholen die zwei Polizisten der Mordkommission von Baltimore 28-mal dasselbe Wort: «fuck», gelegentlich als «aw fuck», «fuck me» oder «motherfucker» variiert. 28-mal nacheinander. Die beiden verwenden das Wort als Verb, Substantiv, Adjektiv, Adverb und Partikel. Es signalisiert eine Frage, punktiert einen Ausruf, markiert Überraschung, Enttäuschung, Schrecken, Zorn, Bedauern und die Abscheu darüber, dass eine schwarze Studentin durch das Fenster ihrer Wohnung erschossen wurde, bevor sie gegen einen Dealer aussagen konnte.

Die Szene dauert knapp fünf Minuten und kommt zu Beginn von «The Wire» vor, der brillanten Fernsehserie des ehemaligen Polizeireporters David Simon über Drogen, Korruption und Gewalt im Kapitalismus. Und sie ist als «The Fuck Scene» in die amerikanische Unterhaltungskultur eingedrungen. «Ich frage mich, wie das Skript zu dieser Szene wohl ausgesehen hat», schreibt ein Zuschauer auf Youtube.

Einsilbig vermutlich.

Der fluchende Präsident

Das Internet mit seinem Hang zur Eskalation in der Anonymität, die Ausfälligkeiten in Film, Musik und sozialen Medien, die Umgehung der Altersfreigaben dank Streaming, die wachsende religiöse Indifferenz, die sinkende Wirkung sexueller Tabus, die Wirkungslosigkeit der politischen Korrektheit und die Permissivität der westlichen Gesellschaft bestätigen die Erfahrung vieler, dass die Leute mehr und heftiger fluchen als früher. Dass ein Präsidentschaftskandidat politisch überlebt und sogar gewählt wird, von dem eine Videoaufnahme öffentlich wird wie jene, auf der man Donald Trumps Kommentare zu Frauen hört, wäre zu Zeiten von Richard Nixon nicht denkbar gewesen.

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Dabei sagten Nixon und die Männer seines Stabs im Weissen Haus weit Schlimmeres. Das hat die Amerikanerinnen und Amerikaner beim Hören der Watergate-Aufnahmen fast ebenso sehr schockiert wie der Umstand, dass ihr Präsident das Parteibüro seiner politischen Gegner hatte verwanzen lassen.

Als die BBC ihre politische Satire «The Thick of It» ausstrahlte, beklagten sich Zuschauer über das vulgäre Vokabular der Politiker. Britische Parlamentarier räumten ein, die Serie habe es mit ihrer Sprache geradezu dokumentarisch genau getroffen. Im Zentrum von «The Thick of It» steht der intrigante, von Tony Blairs Kommunikationschef Alastair Campbell inspirierte Spindoktor Malcolm Tucker, der das Fluchen zu einer Kunstform erhebt und die Serie zu einer Freude. Seine Attacken sind verbale Geschosse, und nie scheint ihm die Munition auszugehen. «Du bist so nützlich wie ein Vibrator aus Marzipan», zischt er einen Minister an und füsiliert rhetorisch jeden, der ihm im Wege steht. Sein liebster Fluch ist eine Abkürzung: «Nomfup»: None of my fucking problem. Geht mich einen Scheissdreck an.

Halb Wut, halb Heiterkeit

Malcolm Tucker treibt ins Extreme, womit viele ihren Alltag schärfen. Fünf Prozent der Gespräche am Arbeitsplatz und doppelt so viele in der Freizeit bestehen aus Flüchen, schätzt die Psychologie. Wie verletzend sich Hassmails und anonyme Beschimpfungen auswirken können, was für Verheerungen das Mobbing durch eine Internetmeute beim Gehetzten anrichten können, war im TA zu lesen.

Wer flucht, neigt weniger zum Lügen und Täuschen.

Doch Fluchen kann auch ein Segen sein. Man flucht gern, weil es guttut, «Hueregopferdammi­siech» zu sagen, wenn man in eine Pfütze getrampt ist, oder «Hau ab, du Arschloch», wenn das Arschloch immer noch da ist. Fluchen befreit und besänftigt, denn es hat eine kathartische Wirkung, die amerikanische Autorin Joan Acocella schreibt in der «New York Review of Books» von einer Kreuzung aus Wut und Heiterkeit. Es handle sich beim Fluchen um ein menschliches Urbedürfnis, sagt der emeritierte ETH-Professor Roland Ris der Zeitschrift «Der Beobachter»; Ris kennt sich aus, er ist Malediktologe, Fluchforscher. Und er bedauert, wenn die Kreativität der Fluchenden sinkt.

1740 Synonyme für Sex

Fast alle Menschen fluchen, sie taten es schon immer, zum Beispiel finden sich Beschimpfungen in einem 3000-jährigen Sanskrittext, wo jemand als Hund beschimpft wird. Fluchen ist eine Funktion der Kultur. Die Amerikaner haben es als Puritaner gerne obszön, allein für die Variationen sexueller Handlungen kennen sie 1740 Synonyme. Die direkten Deutschen fluchen am liebsten mit dem Arsch, die Italiener mit Gott. In arabischen und asiatischen Ländern wird gerne die Familie beschimpft. Katholiken fluchen häufiger als Protestanten. Touristen fluchen in der Fremdsprache häufiger, weil sie die Wirkung nicht einschätzen können. Buben sind für Flüche empfänglicher als Mädchen, dafür holen die Mädchen in der Pubertät deutlich auf. Fussballer auf dem Feld fluchen dermassen drastisch, dass Gehörlose, die Lippen lesen können, sich regelmässig beim Fernsehen beklagen. Wie Joan Acocella vermeldet, ist das Lexikon «The ­F Word» bereits in dritter und stark erweiterter Auflage erschienen, obwohl es von nichts anderem handelt als den immer neuen Variationen von «fuck»: artfuck, bearfuck, fuckbag, unfuck.

Das Wort belegt, was so viele Schimpfwörter ausmacht: Sie sind kurz und enden harsch, um der Wut des Fluchenden Ausdruck zu verleihen und ihn gleichzeitig davon zu erlösen. Manchmal glichen sich die Fluchwörter jenseits von Sprache und Epoche, schreibt Jesse Sheidlower in seinem «The F-Word»-Buch: Die Engländer sagen «fuck», die Deutschen «ficken», die Niederländer «fokken», die Norweger «fukka», und alle inspirieren sich an einem germanischen Wortstamm, der für «sich hin und her bewegen» steht. Das F-Wort galt früher als vergleichsweise mild, als es noch keine Vorstellungen der Privatsphäre gab, auch nicht in der Sexualität. Auch Exkrementworte regten keinen auf, weil Scheisse und Pisse allgegenwärtig waren. Dafür blieben blasphemische Ausdrücke des Teufels; wer Gott verfluchte, riskierte den Scheiterhaufen.

Neger mit Haltung

Heute kommt es vor allem darauf an, wie man es meint: Der Kontext entscheidet. Wie die «Fuck Scene» von «The Wire» vormacht, kann ein Fluch alles Mögliche heissen, je nachdem, wie man ihn ausspricht, betont, dehnt und sonst wie moduliert. «Fuck you» kann eine wüste Beschimpfung sein oder, lächelnd vorgebracht, eine zärtliche Entgegnung. Dass manche Afroamerikaner einander «Nigga» nennen, eine Verballhornung des Sklavenwortes «Nigger», das sie von einem Weissen niemals akzeptieren würden, funktioniert als positives Stigma: Eine Erniedrigung wird durch Überverwendung erobert, zweckentfremdet und mit eigener Energie aufgeladen. «Niggaz with Attitude» nannte sich eine Hip-Hop-Gruppe aus Compton, dem schwarzen Ghetto von Los Angeles, und auch schwarze Komiker wie Richard Pryor, Chris Rock oder Eddie Murphy führten das Wort obsessiv in ihrem Programm.

Im Schatten des Vulkans

Also belegt das Fluchen nicht die Verarmung der Sprache durch Vulgarisierung, sondern betreibt das Gegenteil: als Ausdruck von sprachlichem Reichtum durch seine Nuancen an Signalen, Bedeutungen und Formen der Metakommunikation. «Flüche bewegen sich am Rand der Sprache, der kaum normiert ist», sagt Roland Ris, der Malediktologe. Im besten Fall ist Fluchen eine Kunstform mit beträchtlicher kreativer Energie.

Manchmal signalisiert sein Einsatz eine milde dosierte und damit umso wirksamere Ironie: «Ich kam, ich fickte, ich ging wieder» (ein nüchterner Graffito aus einem Bordell von Pompeji, 79 nach Christus).

Dann wieder fasziniert das uneindeutig Drastische: «Bei deinem Begräbnis ficke ich die ganze erste Reihe» (serbische Beschimpfung).

Wieder andere Flüche klingen anatomisch komplex: «Ich furze in den Bart deines Vaters» (aus dem Iran).

Menschen mit Hirnschäden vergessen einen Grossteil ihrer Sprache, aber nicht ihre Flüche.

Kapitän Haddock, der alkoholisierte Freund von Tintin im Comic des belgischen Zeichners Hergé, ist bei der Verabschiedung eines Sklavenhändlers jedes Wort recht: «Teppichhändler! Pavian! Paranoiker! Pestbeule! Kannibale! Ornithologe! Pirat! Amöbe! Ostgote! Vandale!» (aus dem Band «Kohle an Bord»).

Dass Linguisten, Historiker und andere Philologen sich für das Fluchen interessieren, lässt sich nachvollziehen. Überraschenderweise möchten auch die Neuroanatomen mitreden. Sie haben herausgefunden, dass das Fluchen nicht vom zerebralen Cortex gesteuert wird wie die übrige Sprache, sondern von einem früheren und damit älteren Teil des Gehirns, das die Gefühle reguliert: dem limbischen System. Darum vergessen Menschen mit Hirnschäden oder Alzheimer einen Grossteil ihrer Sprache, aber nicht ihre Flüche.

Das Fluchen lindert Schmerzen

Wenn das Fluchen so tief aus dem Säugetiergehirn emporsteigt, hat es dann eine evolutionäre Bedeutung? Überlebt man eher, wenn man in der Pfütze «Hueregopferdammisiech» sagt und dem Arschloch jäh bedeutet, sich zu entfernen? Wie mehrere Studien ergeben haben, mag das Fluchen einen schlechten Ruf haben, aber es tut den Menschen gut. Es macht zufriedener und weniger gestresst, man ist ehrlicher und wird schmerzresistenter.

Auf das Letztere weist ein oft zitiertes, vom amerikanischen Fachblatt «Neuroreport» öffentlich gemachtes Experiment. Ein Vergleich von 64 freiwilligen Probanden ergab, dass sie ihre Hand deutlich länger im eiskaltem Wasser halten konnten, wenn sie dabei fluchten; die Kontrollgruppe durfte nur harmlose Begriffe verwenden.

Was die Ehrlichkeit angeht, kamen Forscher in der Fachzeitschrift «Social Psychology and Personality Science» nach Befragungen von Hunderten von Probanden zum Schluss, dass jene, die besonders gerne fluchten, bei Testfragen auch besonders ehrliche Antworten gaben. «Fluchen steht in Verbindung zu weniger lügen und täuschen», bilanzierte das Team. Wer flucht, dem fällt es leichter, Wut, Angst oder Enttäuschung auszudrücken.

Vielleicht hat das den Wählerinnen und Wählern von Donald Trump so gefallen. Er lügt und täuscht zwar ohne Unterlass. Weil er aber dermassen unbekümmert austeilt, sich mit allen anlegt und dermassen wenig von Diplomatie hält und versteht, wirkt er glaubwürdig, weil authentisch, und das macht ihn attraktiv. Wenn das stimmt, könnte uns Trump noch lange erhalten bleiben.

Fuck.

Erstellt: 09.03.2017, 23:19 Uhr

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