Hu-hu-huu

Die Eule gilt als weise. Weil sie nachts jagt, wirkt sie aber auch unheimlich. Und indem sie uns direkt anblickt, ist sie irgendwie ein Mensch. Der mehrdeutige Vogel fesselte schon die Höhlenbewohner.

Markanter Blick aus menschenähnlichem Gesicht: Ein Bartkauz, lateinisch Strix nebulosa, in einem nordspanischen Zoo. Foto: Victor Fraile (Reuters)

Markanter Blick aus menschenähnlichem Gesicht: Ein Bartkauz, lateinisch Strix nebulosa, in einem nordspanischen Zoo. Foto: Victor Fraile (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Blick, und alles ist klar: Das ist eine Eule, was sonst! Dabei stammt die Zeichnung immerhin aus prähistorischer Zeit. Forscher im Tal der Ardèche in Frankreich erkundeten vor zwei Jahrzehnten unterirdische Gänge. Sie entdeckten die Chauvethöhle und darin über 400 Tierdarstellungen. Darunter eine Eule.

Mit wenigen Strichen hat der Künstler vor 30 000 Jahren den Vogel an die Höhlenwand gebannt: gedrungener Körper, riesiger Kopf, scharfer Schnabel, hörnerartige Federohren.

Seit Anbeginn der Zeit ist die Eule eine Ikone. Ihr eigener Comic. Eine ganz und gar unverwechselbare Ausformung des Prinzips Vogel. Genau darum kennt sie jeder, obwohl nur wenige je in der Natur eine Eule gesehen haben.

Der weltberühmte englische Zoologe und Verhaltensforscher Desmond ­Morris geht einen Schritt weiter, wenn er die Faszination der Eule ergründet. Klar, die Eule sei ungeheuer markant, sagt er. Doch viel wichtiger sei, dass sie uns Menschen an uns selber erinnere. «Ihr menschenähnlicher Kopf sendet ­offenbar Signale an unser Gehirn, aufgrund derer wir uns mit ihr mehr identifizieren als mit den Vögeln, die einen spitzen Kopf und seitlich liegende Augen haben.»

Morris hat der Eule ein ganzes Buch gewidmet, das jetzt auf Deutsch vorliegt. Der Mix aus Zoologie und Mythologie, aus wissenschaftlichen Fakten und ­Historie macht es zur grossen Lektüre. Die Eule war stets beides, Natur und Kultur. Flugkünstlerin und Jägerin zum einen. Symbol, Wappentier, Gottheit zum anderen.

Aschenbrödels Rosalie

Ein Star unserer Moderne ist sie auch. In den Harry-Potter-Romanen der Engländerin J. K. Rowling zum Beispiel besitzt Zauberlehrling Harry die Schneeeule Hedwig, die seine Post transportiert; in der Filmversion teilten sich übrigens gleich sieben Schneeeulen in den Part. Männchen, die offenbar besser handhabbar sind als Weibchen.

Und in dem tschechischen Weihnachtsfilm «Drei Nüsse für Aschenbrödel», der demnächst wieder auf allen TV-Kanälen zu sehen ist, hat das einsame Aschenbrödel eine Eule zur Freundin. Rosalie hockt unter dem Dach, wo Aschenbrödel einsam haust, und bewacht dessen Schmuckschatulle. Im entscheidenden Moment, als der Prinz auf der Suche nach dem Aschenbrödel fast verzweifelt, weist Rosalie ihm als Liebesbotin den Weg.

Kein Zufall, dass unter allen Vögeln die Eule die Filmrolle bekam und nicht eine Ente, ein Milan, ein Sperling, ein Geier. Die Eule verkörpert seit mindestens zweieinhalb Jahrtausenden Weisheit. Das mag an ihren grossen, sozusagen tiefen Augen liegen; sie fixieren den Menschen direkt aus einem flächigen Gesicht, in dem der Schnabel wie eine Nase sitzt.

Oder hat der Ruf der Weisheit mit der Reglosigkeit der Eule zu tun, die über Stunden dasitzt, in der Scheune oder im Dach der Kirche? Man hat den Eindruck, sie sei am Philosophieren oder Meditieren. Weil ihr Kopf quasi übergangslos in den Körper übergeht, ohne Hals, wirkt die Eule – Italiener mögen entschuldigen! – wie Giulio Andreotti, der verkrümmte, inzwischen verstorbene Machtpolitiker. Die Eule ist eine Denkerin, meinen wir Menschen, weil sie nichts Abruptes hat. Sie flattert nicht wild, sie kreischt nicht permanent wie frivolere Vögel.

Geräuschloser Flug

Und dann wird es Nacht, und sie macht sich auf zur Jagd. Geräuschlos. Sie gebietet über eine aussergewöhnlich grosse Flügelfläche und kann daher in Gelassenheit gleiten. Zudem sind die langen Schwungfedern an ihren Flügelspitzen anders als bei anderen Vögeln weich. So gibt es kaum Luftwirbel und kein hör­bares Rauschen.

Die Kombination von Dunkelheit und Lautlosigkeit ist allerdings unheimlich. So kommt die Eule zu ihrem zweiten Image. Sie ist ein Halbvampir. Eine Todesbotin. Eine Kreatur der Finsternis. Die alten Griechen machten sie zwar noch – eine ehrwürdige Rolle – zum Symboltier der Göttin Athene; so kam sie auf Athens Münzen. Im alten Rom kippte der Ruf der Eule aber ins Sinistre. Die Römer betrachteten sie als Hexe, die schlafenden Babys das Blut aussaugt. Wer den Ruf der Eule hörte, musste mit dem eigenen Ableben rechnen. Auch Caesars Tod durch die Verschwörer soll eine Eule angekündigt haben.

Parallel zur Eulenbewunderung gab es stets Eulenfurcht und Eulenhass. Über Jahrhunderte wurden Eulen gefangen, getötet, an die Haustüren genagelt zwecks Abwehr des Bösen. Wenn die Hexen in Shakespeares «Macbeth» ihren Zaubertrank brauen, ist selbstverständlich auch Eule drin: «Molchesaug und Unkenzehe, Hundemaul und Hirn der Krähe, zäher Saft des Bilsenkrauts, Eidechs­bein und Flaum vom Kauz.»

Picasso und seine Kücheneule

Erst in unserer Gegenwart wurde es wieder normal um den Vogel. Wenn sich in der Neuzeit Geschichten um die Eule ranken, sind es meist gutartige.

Oder schräge. Florence Nightingale, Begründerin der modernen Krankenpflege, sah 1850 in Athen Kinder ein Steinkauz-Junges quälen, das aus dem Nest gefallen war. Sie nahm es mit nach England, taufte es Athena, fütterte es geduldig. Athena begleitete sie bald überall hin und hackte mit dem Schnabel nach Besuchern. Dann musste Nightingale 1855 auf die Krim, als Kriegskrankenschwester. Ihre Familie siedelte in ihrer Abwesenheit Athena auf den Dachboden um, wo es von Mäusen wimmelte. Für Nahrung war also gesorgt.

Bloss: Athena wusste nicht, wie man jagt. Sie verhungerte.

Ein Jahrhundert später hält der Maler Pablo Picasso ab 1946 eine Eule. Ein Fotograf hat sie ihm geschenkt. Sie sitzt im Käfig in der Küche und schaut verdriesslich. Picasso deckt sie mit obszönen Schimpfworten ein, was sie mit verächtlichen Schnaublauten quittiert. Manchmal beisst sie ihren Herrn. Der hat zähe Finger, Blut fliesst nicht.

Picasso fertigt viele Keramikeulen, zeichnet und malt auch welche. Er empfindet Verwandtschaft zwischen sich und der Eule im ähnlich starren Blick der Augen. Die Eule kann ihre Augen grundsätzlich nicht bewegen, was ihr bis zu 270 Grad drehbarer Hals wiedergutmacht. Aber mannigfach dem Menschen an Sehkraft überlegen sind diese magischen Augen.

Als ein Fotograf eine Nahaufnahme Picassos macht, hat dieser eine Idee. Er skizziert eine Eule auf Papier, schneidet aus der Fotografie die eigenen Augen aus, klebt sie in die Eulenzeichnung. Mensch und Vogel verschmelzen.

Das verräterische Gewölle

Die meisten Leute wissen nicht viel über die Eule in der Natur. Zu ihren Eigenheiten gehören zum Beispiel «zygodaktyle» Zehen: Bei den meisten Vögeln schauen drei Zehen nach vorn und eine nach hinten; bei der Eule hingegen schauen zwei nach vorn und zwei gegen hinten – das garantiert ihr einen besonders stabilen Sitz auf dem Baumast.

Auch leben Eulen in der Regel in ­«monogamer Saisonehe»; sie balzen nur einmal im Leben, hernach bleibt das Paar auf immer zusammen. Es geht – respektive fliegt – allerdings zu gewissen Zeiten eigene Wege.

Ebenfalls bemerkenswert: Eulen haben unglaublich feine Ohren. Es sind lange Schlitze, denen leicht gebogene Federn den Schall zuleiten. Die Eule hört um ein Vielfaches besser als der Mensch; sie kann eine Maus in pechschwarzer Nacht erlegen, wenn diese nur ein wenig im Gras oder Unterholz raschelt. Die Maus stirbt dann meist schon im Moment, wo der Vogel mit den Fängen zustösst.

Auch die Krallen sind messerscharf. Die Autobiografie von Eric Hosking von 1970 heisst «Ein Auge für einen Vogel». Der renommierte englische Tierfotograf kam eines Nachts den Jungen eines Waldkauzes zu nah, der darauf zum ­Angriff überging. Hosking verlor, von den Krallen im Gesicht gestreift, das linke Auge.

Und gleich noch eine Eigenheit der Eule: das Gewölle. Eulen sind je nach Art sehr verschieden gross und fressen auch ganz verschiedenes Getier: Insekten, Spinnen, Nager aller Art, Fische, Frösche, Schlangen. Sowie Füchse, ­kleines Rotwild oder gar Hunde. Ihre Beute verschlingen sie mehr oder minder am Stück.

Im Drüsenmagen, einer Art ­Vororgan, werden Verdauungssäfte beigemischt. Die Beute wandert hernach eine Etage tiefer in den Muskel- oder Kaumagen. Hier wird sortiert: verwertbare Teile gehen in den Darm, unverdauliche müssen wieder hinauf in den Vormagen.

Gut zehn Stunden bleiben Knochen, Krallen, Schnäbel, Zähne, Schuppen, Panzer im Vormagen. In dieser Zeit kann die Eule nichts essen. Dann wird die Restware in einem schleimigen Ballen ausgewürgt – das Gewölle eben. Eulenforscher lieben es, weil sie dank ihm ­erkennen können, was eine bestimmte Art isst.

Krähen sind schlauer

Ist der interessante Vogel so klug wie sein Ruf? Forscher Morris verneint. Einige andere Vögel sind jedenfalls intelligenter. Die Eule ist mit einem derart gutem Seh- und Hörvermögen begünstigt, dass sie hochwirksam jagen kann. Sie sitzt auf einem Ast oder kreist in der Luft und schlägt dann zu. Sie frisst und ruht, bis der Hunger wieder kommt – ein komfortabler Mechanismus.

Eine Krähe muss wesentlich mehr leisten. Sie hat keine genau definierte Art der Nahrungsbeschaffung, muss situationsangepasst handeln, ja improvisieren. Das schärft ihre Schlauheit. Die Krähe lässt etwa Nüsse auf eine viel befahrene Strasse fallen; Autos knacken die Nüsse für sie.

Aber charismatisch ist die Eule, diese Mittelstands-Intelligenzlerin. Und vielgestaltig. Der Elfenkauz, mit 14 Zenti­metern die kleinste Eule der Welt, tarnt sich, indem er bewegungslos sitzt, den Kopf eng an den Körper gelegt und den einen Flügel gezielt nach vorne um­geschlagen, sodass der Betrachter meint, dies sei ein Holzstumpf oder ein abgebrochener Ast.

Der Kaninchenkauz stösst, wenn sich jemand dem Nest mit den Jungen nähert, einen Warnlaut ähnlich dem ­Zischen und Rasseln der Klapperschlange aus; ziemlich abschreckend. Die Schleiereule wiederum mit ihrem herzförmigen Gesicht ist ein Standvogel: Sie gibt auch im schlimmsten Frost nicht ihr Revier auf. Ob dieser Sturheit gingen schon ganze Schleiereulen-Populationen zugrunde.

Uhu frisst Adler

Der Uhu ist unter allen die grösste Eule. Über 70 Zentimeter hoch und drei Kilo schwer wird er bei einer Flügelspannweite von 1,75 Meter. Rehkitze, Lämmer, Hauskatzen, Adler, Habichte und andere Eulen kann er schlagen.

Eine Anekdote von Zoologe Desmond Morris: 2007 landete in Helsinki bei einem Fussballländerspiel ein Uhu auf dem Rasen. Das Spiel musste unterbrochen werden. Der Uhu hockte da, das Publikum buhte, lachte, klatschte. Endlich flog der Uhu doch davon. Aber nur auf das eine Tor. Wieder blieb er dort länger sitzen – und demonstrierte die zeitlose Fähigkeit der Eule, Menschen in den Bann zu schlagen.

Erstellt: 03.12.2014, 13:24 Uhr

Hohe Bilder

Eulen. Ein Portrait.


Desmond Morris

Matthes & Seitz Berlin. 168 Seiten, 26.90 Franken.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Ab auf die Bäume, Kinder!

Sweet Home Ferien im Chalet

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...