«In der Schweiz verbreitet sich ein Klima der Angst»

Gewerkschaftschef Paul Rechsteiner sagt, der Bund nehme die Lage der älteren Arbeitnehmer nicht ernst.

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Gewerkschaftschef Paul Rechsteiner sagt, der Bund nehme die Lage der älteren Arbeitnehmer nicht ernst.

Bei der Generation 50 plus schreibt der Bund von einer «insgesamt positiven Entwicklung», die OECD von einer «viel besseren Situation als vor zehn Jahren». Sie sagen das Gegenteil. Auf welcher Grundlage?
Wir sind vonseiten des Bundes mit einer schönfärberischen Darstellung konfrontiert, die nichts mit der Realität auf dem Arbeitsmarkt zu tun hat. Der Druck auf die Altersgruppe 50 plus ist stark gestiegen. Wer in diesem Alter die Stelle verliert, hat oft schlechte Chancen, wieder eine zu finden. Deshalb verbreitet sich unter den älteren Arbeitnehmern ein Klima der Angst.

Jüngere sind aber noch immer häufiger arbeitslos als die Gruppe 50 plus – die Erwerbsquote ist hoch. Übertreiben Sie nicht?
Die Erwerbsquote ist hoch, aber die Arbeitslosigkeit wird auch in der Schweiz immer mehr zu einem ernsthaften Problem. Und vom Anstieg sind die älteren Arbeitnehmenden stärker betroffen, insbesondere bei der Langzeitarbeitslosigkeit. Da hat in den letzten 10, 15 Jahren eine bedenkliche Entwicklung stattgefunden. Das sehe ich auch in meiner Tätigkeit als Anwalt. Ich werde immer wieder mit skandalösen Fällen konfrontiert, in denen verdiente langjährige Mitarbeiter kurz vor dem Pensionsalter entlassen werden. Solche Praktiken gab es früher weniger.

Von Arbeitgeberseite wird angezweifelt, dass es diese gezielten Entlassungen überhaupt gibt.
Auf welchem Stern lebt jemand, der solche Aussagen macht? So etwas kann nur sagen, wer keine Ahnung von der Realität auf dem Arbeitsmarkt hat. Gewerkschaftlich und als Anwalt im Arbeitsrecht seit bald 40 Jahren stelle ich fest: Es hat sich etwas verändert in der Schweiz. Die Wertschätzung der Mitarbeitenden hat ab-, der Druck zugenommen. Besonders stark wirkt sich das bei älteren Arbeitnehmern aus.

Paul Rechsteiner. Foto: Keystone

Die Gewerkschaften fordern deshalb einen Ü-50-Kündigungsschutz. Und diskriminieren damit die Jungen.
Es gibt hier keinen Generationenkonflikt. Wir verlangen einen besseren Kündigungsschutz für langjährige ältere Arbeitnehmer. Hier anerkennt inzwischen auch das Bundesgericht eine besondere Problematik und entsprechend eine Fürsorgepflicht. Solange in der Schweiz das ungeschriebene Gesetz galt, dass langjährige ältere Mitarbeiter ohne zwingenden Grund nicht entlassen werden, brauchte es keinen speziellen Kündigungsschutz. Das hat sich geändert. Unser Kündigungsschutzrecht stammt aus den Jahrzehnten der Hochkonjunktur und gibt keine Antwort auf die heutigen Probleme. Trotzdem sind Anpassungen für Arbeitgeber und Wirtschaftsdepartement ein Tabu.

Die nationale Konferenz über die Lage der älteren Arbeitnehmer geht auf einen Vorstoss von Ihnen im Parlament zurück. Sie findet das dritte Jahr in Folge statt. Hat sie irgendetwas gebracht?
Die konkreten Resultate der Konferenz sind ungenügend. Aber sie zeigen, dass das Problem inzwischen ernster genommen wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 21:46 Uhr

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