Lesen und lesen lassen

Gesa Schneider trägt als Leiterin des Literaturhauses Zürich viel dazu bei, dass Lesungen boomen. Ihre Erfolgsformel: 20 Minuten Vortrag, ein gutes Gespräch und Wein für alle.

«Ich bin eine Romande»: Gesa Schneider in der Le Raymond Bar am Bleicherweg in Zürich. Foto: Doris Fanconi

«Ich bin eine Romande»: Gesa Schneider in der Le Raymond Bar am Bleicherweg in Zürich. Foto: Doris Fanconi

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Gesa Schneider kommt mit dem Velo zum Treffen in der Le Raymond Bar am Bleicherweg. Während man sich bekannt macht, erzählt sie, dass sie eben zügelt: Aus einem Altbau beim Lochergut wechsle sie nach Wipkingen in einen Neubau der Pool-Architekten Zürich. Ihr geliebtes Scherenbett reise auch mit.

Scherenbett? Sie nimmt ihr iPhone und zeigt ein Foto: ein tiefergelegtes Holzbett, nach demselben Mechanismus auseinanderziehbar und zusammenschiebbar wie der gängige Esstisch­untersatz für heisse Pfannen.

Sie lese oft und gern in diesem Bett, sagt Schneider. Und übrigens müsse sie auch 40 Kisten mit Büchern zügeln.

Das Lesen ist Teil ihres Jobs. Schneider, 42-jährig, leitet seit etwas mehr als zwei Jahren das Literaturhaus Zürich; sie ist im hiesigen Kulturbetrieb, neudeutsch gesagt, eine Playerin. Gern will man sie fragen, wie sie ihr Programm ­attraktiv gestaltet. Was sie mit berühmten Autorinnen und Autoren erlebt. Und ob es in Zürich nicht ein Überangebot an Lesungen gibt.

Zwei triviale Dinge gehören vorgezogen. Erstens: «Gesa» ist friesisch und die Kurzform von «Gertrud». Schneider ist ihren blaugrauen, irgendwie nördlichen Augen zum Trotz aber keine Friesin. Sie stammt aus Bonn. Als sie zehn war, zog die Familie in die Westschweiz; der ­Vater, ein Physiker, trat dort einen Job an. Schneider verbrachte die zweite Hälfte ihrer Jugend in Neuenburg und in Lausanne, sie wurde auch Schweizerin. «Ich bin eine Romande», sagt sie.

Dazu passt, zweitens, das Lokal, das sie vorgeschlagen hat. Oder zumindest dessen Name. Le Raymond Bar klingt so edel französisch! Für Gespräche ist dies ein guter Ort. Zweier-Sitzbuchten erzwingen ein nahes Gegenüber und grenzen gleichzeitig wirkungsvoll von den anderen Kaffeeschlürfern ab.

Eine Form von Intimität

Jetzt aber zum Thema Lesungen, auf die das Gespräch fokussieren soll. Im französischsprachigen Literaturleben ist diese Art Kulturanlass eine Randsache. In Amerika und England kennt man die Lesung ohnehin kaum, dort treten Autoren bestenfalls auf, um zu signieren. Im deutschsprachigen Raum hingegen ist die Lesung eine fixe Grösse. Und Zürich ist eine hochrangige Lesungsstadt, auch im Vergleich mit deutschen Städten.

Mindestens eine Lesung pro Tag gebe es in Zürich, sagt Schneider. Im Jahr seien es sicher 500. Überall wird gelesen. Im Kaufleuten. Im Schauspielhaus. Im Theater am Neumarkt. Im Theater ­Rigiblick. In Bibliotheken. In Buchhandlungen. Nicht zu vergessen die Basis­variante: Lesungen in Privatwohnungen, Industrielocations, Lofts, besetzten Liegenschaften.

Und eben, da ist das Literaturhaus, Teil der altehrwürdigen Museumsgesellschaft. Gut 100-mal pro Jahr kann man am Limmatquai einen Autor oder eine Autorin erleben. Wer öfters hingeht, macht viele gute und manchmal auch eine schlechte Erfahrung. Es gibt Autoren, deren Vortrag erhellend wirkt; man begreift den Text besser, hört dessen Stimmen klarer, versteht mehr von den Absichten des Verfassers.

Anderseits sind da die Zernuschler und Introvertiert-Stotterer, nach deren Auftritt man ihr Buch im schlimmsten Fall nicht mehr mag. Schneider wehrt sich gleich gegen diese Art von Zuspitzung: «Auch Autoren, die nicht so gut ­lesen, stellen eine Form der Intimität her, die berühren kann.»

Gratiswein von Bindella

Was macht die schlechte Lesung aus? «Dass der Moderator oder die Moderatorin kein Zeitgefühl hat. Dass er oder sie nicht merkt, dass das Publikum unruhig wird», antwortet Schneider. Sie hat, das Wort kommt vom Journalisten, eine ­Zauberformel entwickelt: auf keinen Fall länger als 90 Minuten!

Etwas genauer erklärt: Die eigentliche Lesung soll in der Regel 20 Minuten nicht überschreiten. Der Rest: Das ist eine Einführung durch einen Kenner des Buches oder Genres, ein Gespräch mit dem Autor, eine schauspielerische Einlage. Oder alles in Kombination.

Und wann ist die Lesung gut? «Wenn man vergisst, dass die Uhr tickt. Wenn Autor und Moderator gut zusammenspielen. Wenn die Lesung gleichzeitig Unterhaltung und Tiefenbohrung ist.»

Danach gibt es im Literaturhaus jedes Mal einen Apéro. Gratis. Gastrounternehmer Rudi Bindella spendiert den ­Roten und den Weissen seit Jahren.

Lehrjahre bei Martin Heller

Literatur zu veranstalten ist Netzwerken. Man muss Kontakt halten mit Verlagen, Autoren, Festivals, Sponsoren, Journalisten, aber auch mit den Geld­gebern; in diesem Fall etwa mit der Stadt, die jährlich 420'000 Franken an den Betrieb ­beisteuert. Der Kulturbetrieb ist eine Maschine, die läuft und läuft. Schneider ist es aber wichtig, dass das Literaturhaus nicht nur ein, wie sie sagt, «Durchlauf­erhitzer» ist, sondern auch ein «Reflexionsort». Es organisiert nicht nur Lesungen, sondern auch einen Schreibwett­bewerb. Leseanlässe mit Kindern in ­Kooperation mit dem Jungen Schauspielhaus; sowie den «Teppich», in dessen Rahmen Autorinnen und Autoren unveröffentlichte Texte vorstellen.

Im Literaturhaus wird auch rege ­begründet und ergründet: Ende dieses Monats finden zum Beispiel «Tage ­Arabischer Literatur» statt; Gelegenheit, sich direkt zu informieren, wie es Schriftstellern jener Weltgegend im Alltag zwischen islamistischem Wahnsinn und weltlicher Diktatur geht. Und was vom Arabischen Frühling noch bleibt.

Als Leserin sei sie eher eine «Späteinsteigerin» gewesen, berichtet Schneider. Denn ihre Eltern, vor allem der Vater, waren grosse Vorleser. Sie trugen den Kindern die Märchen der Brüder Grimm vor, die Romane von Astrid Lindgren und Michael Endes «Unendliche Geschichte», aber auch Oscar Wilde. Schneider studierte dann Germanistik, Romanistik und Philosophie und doktorierte über «Kafka und die Fotografie».

Später arbeitete sie für Martin Heller, künstlerischer Direktor der Expo.02 und hernach freier Kulturimpresario auf ­allen Kontinenten. Bei ihm habe sie als Projektleiterin gelernt, «die Welt mit den Augen eines Kindes anzuschauen», sagt Schneider. Zu vielbeachteten Ausstellungen trug sie entscheidend bei, etwa zu «Wir Manager!» im Vögele-­Kulturzentrum in Pfäffikon SZ. Jene ­Ausstellung führte die Obsession von uns Heutigen vor, unser Leben bis ins letzte Detail möglichst effizient zu gestalten und attraktiv zu arrangieren.

Franz Hohlers Schmunzeln

In Zürich hat Schneider seit einiger Zeit ein zusätzliches Amt. Sie ist Co-Leiterin des Literaturmuseums im Strauhof; diese Woche startet dort die Ausstellung über Friedrich Glauser, «Ce n’est pas très beau». Und damit zurück zu ihrem Hauptjob. Auf die Frage, welche Lesungen in ihrer Zeit im Literaturhaus die besten waren, studiert Schneider kurz. Dann die Antwort: «Nicht jeder Autor ist ein Bühnenmensch. Franz Hohler ist ganz sicher einer. Er trug seine Texte mit einem Schmunzeln vor. Er nahm sich nicht so ernst. Er hat keine Angst vor ­seinem Publikum.»

John Cleese und die Alimente

Und jetzt bitte eine Anekdote mit einem berühmten Künstler! Schneider erinnert sich an Monty-Python-Komiker John Cleese, den das Literaturhaus mit dem Kaufleuten nach Zürich einlud. Cleese habe vor Ort gern und spontan eingewilligt, kurzfristig eine Zusatzveranstaltung zu geben. Er habe gesagt: «Ich kann das Geld brauchen, für die Alimente.»

Zum Schluss geht es noch einmal um die Lesung als Zürcher Erfolgsformat. Bei der Zahl von Anlässen pro Jahr sei die Limite nach oben wohl erreicht, sagt Schneider: «Mehr wäre nicht gut.» Fünf Dinge zögen in Zürich immer. Erstens: «Bekannte Namen.» Zweitens: «Leute, die gerade heftig in den Medien sind.» Drittens: «Fragestellungen, die in der Luft liegen.» Viertens: «Experimente.» Fünftens: «Frisch und Dürrenmatt.»

Als das Gespräch zu Ende ist, rafft Schneider ihre Tasche. Sie will über die Limmat zurück zum Literaturhaus, der Betrieb endet nie, die nächste Lesung kommt schon bald. Ein letztes Zitat zum Gesprächsthema: «Das Tolle am Format Lesung ist das minimale Setting. Obwohl die Formel ‹Autor, Tisch, Wasserglas› verpönt ist, kann so viel Sinnstiftendes passieren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2016, 23:12 Uhr

Zürcher Begegnungen (4)

Gesa Schneider

In loser Folge stellt diese Serie bemerkenswerte Leute in Zürich vor. Heute ist es Gesa Schneider; die 42-Jährige leitet das Literaturhaus Zürich. Aufgewachsen ist sie halb in Deutschland und halb in der Romandie.

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