Matteo Renzis mittlere Reife

Durch die Wahl seines Kandidaten Sergio Mattarella gelang Italiens Premier ein meisterhafter Coup. Nun gilt es Nervenstärke zu beweisen.

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Matteo Renzi sagte einmal, die Lust an der Politik habe ihn befallen, als er 10 Jahre alt war – bei einer Präsidentenwahl. Man mag sich darüber wundern. Doch ganz offensichtlich hat der junge Mann seine Lust zur Meisterschaft entwickelt. Mit 39 gelang ­Italiens Premier nun ein Coup, an den man sich wohl noch länger erinnern wird. Renzi zog im opportunen Moment Sergio Mattarella aus dem Ärmel, einen ­stillen und moralisch untadeligen Verfassungsrichter, den alle Linken überzeugt wählen konnten und viele Rechte nur mit prekären Argumenten nicht wählten. Der Sizilianer erfüllt alle Kriterien, die sich Renzi für das Jobprofil ausgedacht hatte.

Zunächst einmal kittet er mit dem linken Christ­demokraten sein linkes Lager wieder, das sich nur Tage davor noch in wüsten Bruderkämpfen über Reformen und Stil zerrissen hatte. Für den Moment wenigstens. Gleichzeitig bindet er Silvio Berlusconi zurück, seinen Alliierten, der sich schon in der Rolle des unverzichtbaren Königsmachers gewähnt hatte. Mattarella war nicht dessen Mann. Dennoch kann es sich Berlusconi kaum leisten, mit Renzi zu brechen. Er wäre sonst plötzlich ganz alleine und politisch fast bedeutungslos. Sein Zorn wird sich wahrscheinlich bald legen.

Der Premier hat nun also die Aussicht auf zwei Parlamentsmehrheiten: eine natürliche mit seiner politischen Familie für die Alltagsgeschäfte und eine unheilige mit Berlusconi für die institutionellen Reformen. Es ist ein ständiges Balancieren. Bisher ging das gut, die mittlere Reife ist geschafft. Doch reichen die Nerven bis zum Legislaturende 2018?

Bei allem Lob: Der reservierte, graue Mattarella ist zwar eine solide, aber keine sehr inspirierende Wahl. Er passt nicht so recht ins Narrativ des Premiers, der ja als «Verschrotter» der alten Kaste angetreten war und alles neu, jünger und moderner machen wollte in Italien. Über Nacht, gewissermassen. Wie einen Strumpf würde man das Land umdrehen, hiess es, «come un calzino». Mattarella, so viel lässt sich wohl voraussagen, wird Renzi die Show nicht stehlen. Das war auch ein Kriterium auf der Prioritätenliste des Premiers – und recht hoch oben angesiedelt.

Erstellt: 01.02.2015, 21:49 Uhr

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