Nun leiden auch die Privilegierten

Warum in Vancouver junge Liberale für eine stärkere staatliche Regulierung des Wohnungsmarkts demonstrieren.

Wer in Vancouver wohnen möchte, muss tief in die Tasche langen. Foto: Mike Hewitt (Getty Images)

Wer in Vancouver wohnen möchte, muss tief in die Tasche langen. Foto: Mike Hewitt (Getty Images)

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Vancouver hat eine neue Protestbewegung. Ihre Mitglieder tragen Lederschuhe, Markenjeans, Hemden. Wenn sie nicht gerade demonstrieren, verbringen sie ihre Wochenenden in Wellness­hotels, beim Shopping oder im Büro ihres Start-ups. Sich selber bezeichnen sie als «liberale, junge, gut ausgebildete Berufsleute, die ein privilegiertes Leben führen».

Doch zum Glück der Begünstigten fehlt eine zentrale Zutat: ein Zuhause dort, wo sie arbeiten.

Vancouver gehört zu den Städten mit den weltweit höchsten Immobilienpreisen. Seit 1999 sind sie um 240?Prozent gestiegen, allein im letzten Jahr waren es 20?Prozent. Die Löhne dagegen liegen in der Stadt mit 600 000 Einwohnern unter dem kanadischen Schnitt.

Die Preise haben das Vermögen der mehr­heitlich älteren Hausbesitzer in neue Höhen gezogen. Allen anderen brennen sie Löcher ins Portemonnaie.

#donthave1million

Die Ärmeren beklagen sich seit Jahren, dass sie aus der Stadt gedrängt werden. Nun hat auch der junge Mittelstand genug. Unter dem Titel #donthave1million (so viel kosten in Vancouver selbst die schäbigsten Häuser) gründete die 29-jährige Eveline Xia im Mai die neue Protest­bewegung. Ihr Anliegen ist simpel: «Ich habe einen Uniabschluss, einen guten Job. Ich will in Vancouver wohnen.» Wegen der jetzigen Preise könne sie sich dies nicht leisten. Über 500 «Millenials» und «young professionals» haben sich Xias Demonstrationen angeschlossen. Im Internet erhält sie breite Unterstützung, manche preisen sie als «Retterin».

Ein wichtiger Grund für den Preisschub sind chinesische Millionäre. Sie betrachten Vancouver als perfekten Rückzugsort aus ihrer unruhigen Heimat. Die politischen Verhältnisse sind stabil, nur der Pazifik trennt die kanadische Westküste von China. Kanada hat in den letzten Jahren aktiv um den Zuzug chinesischer Millionäre geworben. Zwischen 2005 und 2012 sind 45 000 von ihnen nach Vancouver gekommen.

Viele andere haben nur ihr Geld auswandern lassen. Sie parkieren es in Vancouver in Apartments, die sie oft leer stehen lassen. Die Folge: Es gibt weniger Wohnungen auf dem Markt, der knappe Rest verteuert sich noch schneller. In zehn Jahren sollen 95 Prozent aller Angestellten in Vancouver zu wenig verdienen, um mit den Immobilienpreisen mithalten zu können. Das sagt eine Studie voraus.

Mittlerweile rät selbst die chinesische Botschafterin der Stadt, eine aktivere Wohnbaupolitik zu betreiben. Doch die liberale Regierung der Provinz British Columbia, zu der Vancouver gehört, will nicht in den Markt eingreifen. Ausserdem habe Vancouver Einwanderer immer willkommen geheissen. Man habe nichts gegen Chinesen.

Eveline Xia, selber halbe Chinesin, wehrt sich gegen die Rassismusunterstellung. In Vancouver würde mit Häusern spekuliert wie mit Aktien. Das müsse aufhören. Woher das Kapital für diesen Handel komme, spiele keine Rolle.

Die Unterschiede der Superstar-Städte

Zwischen der Wohnungssituation in Vancouver und jener in Zürich bestehen einige Gemeinsamkeiten: Vancouver und Zürich gehören zu den sogenannten Superstar-Städten. Diese bieten Sicherheit, ein angenehmes Leben, schöne Natur, moderate Steuern. Solche Orte locken Reiche aus der ganzen Welt an. Und wie in Zürich verknappen in Vancouver Berge und Wasser den Platz, um die Stadt zu vergrössern und so die Hauspreise zu senken.

Daneben bestehen entscheidende Unterschiede: Im Gegensatz zum Kanton Zürich erhebt British Columbia keine Grundstückgewinnsteuer, die schnelle Weiterverkäufe von Häusern mit hohen Abgaben bestraft. In Kanada dürfen Nicht-Kanadier zudem so viel Boden erwerben, wie sie wollen. Und anders als in Zürich fördert Vancouver weder den Bau günstiger Wohnungen noch Genossenschaften.

Vancouver ist also wie Zürich, minus staatliche Eingriffe in den Immobilienmarkt. Ausgerechnet diese Eingriffe, welche die Zürcher Bürgerlichen immer ablehnen, scheinen sie vor dem Protest ihrer eigenen jungen Wähler zu bewahren.

Erstellt: 05.07.2015, 20:22 Uhr

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