«Schach holt Kinder weg von der Strasse»

Mit Wladimir Kramnik spielt die Weltnummer 2 in Zürich. Er findet, Schach sollte auch in der Schweiz ein Schulfach werden.

Ein Meister der Eröffnung und des Endspiels: Der 40-jährige Russe Wladimir Kramnik war bis 2007 Weltmeister. Foto: Getty Images

Ein Meister der Eröffnung und des Endspiels: Der 40-jährige Russe Wladimir Kramnik war bis 2007 Weltmeister. Foto: Getty Images

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Seine Aura ist die eines Mannes von Welt, er bewegt sich sicher in Business- wie in ­kulturellen Kreisen. Wie alle anderen der bis anhin 16 Weltmeister hatte ­Wladimir Kramnik nicht nur einen ­wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Schachtheorie, sondern setzte auch als Persönlichkeit Massstäbe. ­Geboren wurde der hochgewachsene Russe 1975 in der Region Krasnodar am Schwarzen Meer. Seine Mutter ist Klavierlehrerin, sein Vater und sein ­Onkel sind bildende Künstler.

Im Schach zeichnet Wladimir Kramnik ein stupendes Verständnis von Eröffnungsfeinheiten und Endspielen aus. Weltmeister wurde er 2000, als er souverän seinen einstigen Förderer und Landsmann Garri Kasparow entthronte. 2007 löste ihn der Inder Wiswanathan Anand ab, der den Titel seinerseits 2013 an den damals 22-jährigen Magnus Carlsen verlor. Hinter dem Norweger liegt Kramnik aktuell auf Rang 2 der Weltrangliste.

Er ist verheiratet mit der renommierten französischen Journalistin Marie-Laure Germon und hat mit ihr Tochter Daria (7) und Sohn Vadim (3). Bereits seit Sommer 2014 wohnt die Familie in Genf. Erstaunlicherweise ist ausserhalb der Fachwelt bisher kaum aufgefallen, welch bedeutender Schachspieler neben dem bald 85-jährigen Viktor Kortschnoi auch noch in der Schweiz lebt.

Was hat Sie bewogen, aus Paris in die Schweiz zu ziehen?
Die ökonomische Situation in Frankreich sowie die Sicherheitslage hatten sich in den letzten Jahren spürbar verschlechtert. Es lag schon länger in der Luft, dass etwas Schlimmes passieren kann, und wenn man Kinder hat, macht man sich natürlich besonders Sorgen. Also schauten wir uns nach einem Ort in Europa um, der eine höhere Lebens­qualität garantiert.

«Lernen, Verantwortung für die eigenen Züge zu übernehmen, ist für später sehr nützlich.»

Fiel Ihnen die Wahl zugunsten von Genf leicht?
Ja, wir hatten in der Schweiz schon mehrfach Ferien verbracht und uns ­immer wohlgefühlt. Mir wäre auch ein anderer Landesteil Recht gewesen, aber meine Frau ist Französin und bevorzugt verständlicherweise einen Alltag in ­ihrer Muttersprache.

Haben sich die Erwartungen erfüllt?
Auf jeden Fall. Genf ist keine Weltmetropole, aber sehr international, und die Victoria Hall bietet ein Musikprogramm, das sich durchaus mit Paris messen darf. Jüngst kam ich zum Beispiel in den ­Genuss eines Konzertes mit dem Pianisten Radu Lupu.

Es kursierten ­Gerüchte, wonach nun auch ­Schachgrössen wie ­Wiswanathan Anand inkognito in Genf gesehen worden seien.
Vielleicht war er ja da, allerdings nicht wegen mir. Topspieler sieht man hier eher selten, dafür kenne ich inzwischen einige lokale Grössen, und es werden durchaus auch gute Turniere veranstaltet.

Wird man Ihr Können demnächst in unserer Nationalliga bestaunen dürfen?
Warum nicht? Ein befreundeter Russe hat mich mit dem Club Herrliberg zusammengebracht, der dieses Jahr in die Nationalliga A aufsteigen will. Gut möglich, dass ich schon diese Saison ein, zwei Partien spielen werde. Aktiv bin ich in der Schweiz neben der Zürich Chess Challenge im Moment allerdings nur im Schulschach.

Sie unterrichten Kinder?
Nein, ich unterstütze ein Projekt, das von der Neva Foundation, einer kulturellen Stiftung, lanciert worden ist, der ich beratend zur Seite stehe. Ich nehme auch an Strategiesitzungen teil und trete in Simultanturnieren auf. Im September spielte ich zudem einen kleinen Match gegen die russisch-schweizerische Spitzenspielerin Alexandra Kostenjuk.

Engagieren Sie sich, weil Sie selber Kinder haben?
Durchaus. Meine Tochter Daria übt zwar inzwischen lieber täglich intensiv Klavier, und mein Sohn Vadim ist noch zu klein für Schach, aber ich bin generell der Meinung, dass der grosse Wert dieses Denksports für die Entwicklung von Kindern noch zu wenig erkannt worden ist.

Worin sehen Sie diesen Wert?
Schach holt Kinder weg von der Strasse. Es ist zwar auch nur ein Spiel, aber viel besser, als stundenlang vor der Playstation zu sitzen. Man trainiert das Gedächtnis und lernt, Verantwortung für die eigenen Züge zu übernehmen. Das ist sehr nützlich für alles, was später im Beruf ansteht.

Weil es eine intellektuelle Basis schafft?
Ja. Mittlerweile belegen viele Studien, wie wertvoll Schach im Unterricht für die gesamte Leistung von Schülern sein kann. Das ist kein Zufall, wenn man das Gehirn mit einem Muskel vergleicht. Trainiert man ihn, wird er fit für alle Aufgaben. Wie erfolgreich Schulschach sein kann, zeigt sich in England, wo es bereits an mehr als 300 Schulen zum ­Angebot zählt. Es wird gerade mithilfe der früheren Weltklassespielerin Judit Polgar in Ungarn propagiert und hat auch in anderen Ländern Auftrieb. In Armenien, wo der Schachpräsident sogar Staatspräsident wurde, ist es schon länger Schulfach. Warum nicht auch in der Schweiz?

Vielleicht, weil es zu viel kostet?
Teuer wäre dieses Fach nicht, allerdings braucht es viele kompetente Helfer. Insofern wäre es schön, wenn sich in der Schweiz neben der Neva Foundation grosse Firmen für diese Idee einsetzen würden. Meine Aufgabe beschränkt sich hier mehr auf die Repräsentation der Idee, in Russland freilich engagiere ich mich auch finanziell für die Förderung von Schachtalenten aus meiner Heimat Krasnodar. In Sotschi wollen wir ein Trainingszentrum aufbauen.

Welche sportlichen Ziele haben Sie selbst noch als Spieler?
Ich arbeite nach wie vor daran, mich zu verbessern, sichte beispielsweise online täglich Dutzende Partien aus aktuellen Turnieren und verschiebe die, welche ich tiefer analysieren will, in spezielle Ordner.

Kommt es öfter vor, dass Sie dabei auf Eröffnungsideen stossen, die Sie ebenfalls gefunden und als ­Vorbereitung auf wichtige Partien aufbewahrt hatten?
Ja, immer wieder. Das tut weh, aber ich tröste mich damit, dass es allen Profis so ergeht. Generell gleicht sich das Schachwissen aufgrund der Computerisierung immer mehr an.

«Das Gefühl dafür, wo eine Figur optimale Wirkung entfaltet, macht den Topspieler aus.»

Am offenen Meisterturnier in ­Gibraltar hat Anand gerade gegen einen ungarischen Nachwuchs­spieler verloren, der offenbar nicht nur talentiert, sondern sichtlich bestens vorbereitet war.
Heute kann das jedem von uns passieren, und es ist zu befürchten, dass in vielleicht zehn Jahren selbst auf der ­Topebene kaum einer seinen Gegner in der Eröffnungsphase noch gross über­raschen kann.

Was lässt sich dagegen tun?
Ein Ansatz könnte eine gegenüber den üblichen zwei Stunden für 40 Züge stark verkürzte Bedenkzeit sein, wie wir es jetzt an der Zürich Chess Challenge erstmals testen. Es war nicht meine Idee, aber ich bin gespannt, wie sich dieses Format auf die Qualität ­auswirkt, wenn jeder für die ganze ­Partie nur wenig mehr als eine Stunde Bedenkzeit hat.

Noch liegen die Wertungszahlen der besten 100 Spieler weit auseinander. Was unterscheidet eigentlich einen gestandenen Spieler mit 2600 Elopunkten von einem aus den Top Ten, der an die 200 Punkte mehr aufweist?
Eindeutig das Positionsgefühl. Das Eröffnungswissen und die Kenntnis von Stellungsmustern liegen nicht sehr weit auseinander, und auch genau rechnen bei taktischen Zugfolgen können heute alle. Den Unterschied macht das Gefühl dafür, auf welchem Feld eine Figur in einer konkreten Stellung optimale Wirkung entfalten kann. Bei einem weniger talentierten Spieler landet sie früher oder später am falschen Ort. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Begegnungen mit ­Magnus Carlsen als Junior. Es war beeindruckend, wie zielgenau der Junge in der Partieanalyse seine Figuren platzierte.

Hat Carlsen keine Schwächen?
Niemand ist perfekt. Aber selbst wenn bei ihm etwas konkret zu bemängeln wäre, spielt er zurzeit in einer eigenen Liga.

Mit welchem anderen Weltmeister würden Sie ihn vergleichen?
Mit Anatoli Karpow. Auch er konnte traumwandlerisch genau kleinste positionelle Feinheiten wahrnehmen.

Welchem Titelträger fühlen Sie sich verwandt?
Schwer zu sagen, denn ich kann ja nicht gegen mich selbst spielen. Am ehesten entspricht mein Stil einer Mischung aus Karpow und Kasparow, vielleicht auch, weil ich mit den Partien der beiden aufgewachsen und ein Zögling der ­Botwinnik- und Kasparow-Schule bin.

Und was hebt einen Weltmeister aus dem Feld der besten zehn heraus?
Letzten Endes die Selbstsicherheit und die Haltung. Titelträger sind starke Persönlichkeiten, was ihre Gegner nicht nur am Brett zu spüren bekommen. Auch ausserhalb der Turniersäle vertreten sie ihre Ansichten auffallend bestimmt.

Erstellt: 09.02.2016, 22:55 Uhr

Zürich Chess Challenge

Die fünfte Auflage der Chess Challenge im Hotel Savoy am Paradeplatz beginnt mit einem offiziellen Empfang am Freitagabend. Teilnehmer sind neben Kramnik das holländische Nachwuchstalent Anish Giri (21/Weltnummer 4), der Armenier Lewon Aronjan (33/5), der Amerikaner Hikaru Nakamura (28/6), der ehemalige indische Weltmeister Wiswanathan Anand (46/12) sowie der lettische Angriffsspieler Alexei Schirow (43). Das Turnier findet von Samstag bis Montag statt, jeweils ab 15 und 18 Uhr. Gespielt werden fünf Runden und ein Blitzturnier. Der Eintritt ist frei. Unter www.zurich-cc.com werden die Partien live übertragen. (be.)

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