Stadtrat scheitert mit seinen Plänen für ein neues Kongresszentrum

Die bisherige Planung wird aufgegeben. Nun sollen 140 Millionen ins alte Kongresshaus gesteckt werden.

So soll sich die Kongresshausterrasse dereinst von innen gesehen präsentieren. Visualisierung: PD

So soll sich die Kongresshausterrasse dereinst von innen gesehen präsentieren. Visualisierung: PD

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Zürich – Die Stadt Zürich gibt ihre Standortsuche für ein Kongresszentrum auf. Statt ein neues Gebäude zu bauen, möchte der Stadtrat vielmehr das bestehende Kongresshaus am See umfassend sanieren und die veraltete Infrastruktur den Bedürfnissen heutiger Kongressteilnehmer anpassen. Der unter Denkmalschutz stehende Bau soll Kongresse bis zu 2500 Personen aufnehmen können. Läuft alles nach Plan, ist der Umbau Ende Dezember 2017 abgeschlossen. Das letzte Wort haben die Stimm­berechtigten.

Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) bezeichnete an der gestrigen Medienorientierung die vorgeschlagene Lösung als Befreiungsschlag. Es sei zwar nicht die maximale, aber die optimale Variante. «Die Lage am See ist nach wie vor die beste für ein Kongresshaus.» Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) bezeichnete die Suche nach einem geeigneten Standort als «Endlosschlaufe». Als Wunschstandort für ein neues Kongresszentrum stand zuletzt das Geroldareal in Zürich-West zuoberst auf der Liste, gefolgt vom Carparkplatz beim Hauptbahnhof. Die Variante Geroldareal ist am Schluss an den Preisvorstellungen eines Grundeigentümers gescheitert, und beim Carparkplatz machte eine Bauabstandslinie den Planern einen Strich durch die Rechnung. 1,6 Millionen Franken haben Standortsuche und Evaluation bisher gekostet.

Adagio und Le Bal schliessen

Im 1939 eröffneten Kongresshaus und der 1895 in Betrieb genommenen Tonhalle stehen seit längerem Renovierungsarbeiten an. Anstatt das Kongresshaus wie ursprünglich vorgesehen für die nächsten 10 Jahre betriebstüchtig zu halten, plant der Stadtrat nun grössere Eingriffe: Der Gartensaaltrakt mit dem Panoramasaal wird zu einem Foyer mit Kongress­räumen. Im ersten Stock entsteht ein ­öffentliches Restaurant mit Bar, einer fast 925 Quadratmeter grossen Terrasse und Blick auf See und Alpenkranz. Die beiden bisherigen Restaurants werden geschlossen und in Seminarräume verwandelt.

Die Nachfrage nach diesen Räumen sei gross, sagt Alfons Sonderegger, Präsident der Kongresshaus-Stiftung Zürich. Vor dem Aus stehen auch die Clubs Adagio und Le Bal. Die frei werdenden Räume nutzt die Tonhalle künftig für ihre Mitarbeiter. Das Volumen des Gebäudes ändert sich nicht. Auf den Bau eines Kongresshotels will der Stadtrat verzichten, weil in den kommenden Jahren in der Stadt 1600 zusätzliche Hotelbetten auf den Markt kommen.

140 Millionen Franken kostet es, Kongresshaus und Tonhalle zu renovieren und den Gartentraktsaal umzubauen. Im Betrag ist auch der Projektierungskredit von 15,5 Millionen Franken enthalten, über den der Gemeinderat befinden muss. Der gestern vorgestellten Kongressstrategie gingen zahlreiche Workshops und eine Bedarfsstudie voraus. Diese zeigt eine schwierige, stagnierende Marktentwicklung in Europa und einen Trend zu kleineren Kongressen auf. So ist die durchschnittliche Teilnehmerzahl zwischen 2002 und 2011 von 625 auf 509 gesunken. Nur ein kleiner Bruchteil der Kongresse weist mehr als 2000 Teilnehmer auf. Deshalb sei man mit dem umgebauten Kongresshaus ideal aufgestellt, sagte Odermatt.

Aus den gewonnenen Erkenntnissen leitete der Stadtrat fünf Szenarien ab: Diese bewegen sich zwischen den Szenarien Minimal und Maximal. Das erste sieht vor, das Kongresshaus zu sanieren und dann zu nutzen wie bisher, mit Kosten von 110 Millionen Franken. Die maximale Variante kostet mindestens 410 Millionen Franken und beinhaltet die Sanierung und ein neues Kongresszentrum. Diese Lösung berge viele Chancen, aber auch Risiken. Es bestehe die Gefahr, dass Zürich noch auf lange Zeit keine grossen Kongresse durchführen könne. Auch ein Kongresszentrum im geplanten Projekt Circle beim Flughafen Zürich wurde erwogen. Aus Sicht des Stadtrats sind die Realisierungschancen dafür aus politischen Gründen gering.

Unzufriedene Hoteliers

Das Geschäft geht nun in den Gemeinderat. Dort zeichnet sich eine breite Zustimmung ab. Der Entscheid sei richtig, schreibt die SP in einer Mitteilung. Der Stadtrat habe folgerichtig von hochfliegenden Plänen Abschied genommen. Für FDP-Gemeinderat Michael Baumer ist es «ein Schritt in die richtige Richtung». Die GLP «begrüsst den Marschhalt», hat aber noch Fragen zu den Kosten von 140 Millionen Franken. «Fast jubiliert» über die «pragmatische Lösung» hat Markus Knauss (Grüne). Alecs Recher (AL) ist froh, dass der Kreis 5 aufatmen kann; das Geroldareal müsse als Freiraum erhalten bleiben. Roger Liebi (SVP) sprach gegenüber TeleZüri von einer verpassten Chance. Harsche Kritik übt Jörg Arnold, Präsident Zürcher Hoteliers. «Ich fühle mich verschaukelt.» Der Verlust sei gross, man habe dank eines neuen Kongresszentrums mit bis zu einer halben Million zusätzlicher ­Logiernächte gerechnet.

Erstellt: 26.06.2013, 23:20 Uhr

Bürkliplatz

Stadtrat will kein neues Seerestaurant
Zürich – Mit seinem Entscheid, das alte Kongresshaus betrieblich aufzurüsten, hat der Stadtrat nicht nur die Planung für ein neues Kongresszentrum eingestellt, sondern auch die Vision eines Seerestaurants am Bürkliplatz entsorgt. Er beantragt dem Gemeinderat, die Motion von Severin Pflüger (FDP) und Daniel Meier (CVP) abzuschreiben. Die beiden Parlamentarier verlangen einen Projektierungskredit für ein attraktives Restaurant neben der Schiffsanlegestelle. Das Gastrofloss an der Euro 08 habe gezeigt, wie sehr ein solches Angebot vom Publikum geschätzt werde. Jetzt argumentiert der Stadtrat, mit dem Restaurant, das im ersten Stock des Kongresshauses geplant ist, werde das Anliegen teilweise erfüllt: dank der Terrasse mit Blick auf den See. (jr)

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