Stehlen ohne Anmut

Die Mails der UBS-Banker sprechen eine hässliche, aber klare Sprache.

Das UBS-Logo auf einer Zweigstelle in Zürich. Foto: Reuters

Das UBS-Logo auf einer Zweigstelle in Zürich. Foto: Reuters

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Langsam kommt man um die Frage nicht mehr herum: Sind Banken kriminelle Organisationen? Allein die UBS kam in letzter Zeit auf folgende Bilanz: 2009 flogen die James-Bond-Methoden zur Steuerhinterziehung in den USA auf, 2011 verfeuerte ein Händler 2 Milliarden Dollar, 2012 war die UBS Haupttäterin in der Libor-Manipulation, nun bestraft die Finma die UBS wegen systematischen Betrugs im Devisenmarkt.

Die E-Mails der UBS-Banker sprechen eine hässliche, aber klare Sprache. Etwa in folgendem Dialog: «das sind geile hunde am pm desk. krank ist das was die da treiben haha.» – «1.1 mio up auf den tag, schoen» – «hohohoho». Oder die folgende Aufforderung: «my friend, chasch frontrunne wie d wotsch, up to you».

Das Delikt – Frontrunnig – war zwar komplex im Detail, aber einfach als Idee. Mehrere Händler sprachen sich ab, platzierten die Order ihrer Kunden blockweise und nützten das Schwanken des Kurses bei grossen Käufen: indem sie ­davor dasselbe kauften. So kassierten die Banker Millionen ohne Risiko – mal für die Bank, mal privat. Auf Kosten ihrer Kunden.

Diese Sorte Geschäft hat Tradition. Der Bankier Hans J. Bär schrieb in seinen Memoiren, dass Schweizer Verwaltungsräte lange «selbstverständlich» nach jeder Sitzung ihr Portfolio neu ordneten. Die Bank Bär profitierte enorm davon, einen Direktor der Nationalbank als Kunden zu haben: Dieser schichtete nach jeder Sitzung die privaten Aktien um. Und die Bank war informiert.

Dazu machte die Bank lange ihre grössten Profite im Devisenhandel. Nicht zuletzt durch folgenden Trick: Sie wechselte zum aktuellen Kurs, verbuchte aber zum Abendkurs. War dieser günstiger, kassierte die Bank die Gewinne, war er ungünstiger, trug der Kunde den Verlust.

«Dass das Devisengeschäft heute besser ist, wage ich zu bezweifeln», schrieb Bär. Denn die Banken hätten sich gegen jede Transparenz im internationalisierten Geschäft gewehrt. Zwar sind Insiderhandel und Frontrunnig seit 1988 strafbar, aber die Aufsichtsbehörden, so Bär, blieben sanft: Nachgefragt wurde nur in Extremfällen. «Die Botschaft war: Etwas stehlen darf man, aber nicht zu viel.»

Diebstahl, macht Bär klar, gehört bei Banken von jeher zum Kerngeschäft. Die Frage ist nur die des Masses. Und der aktuellen Konvention: «Irgendwann ist ein Kulturkreis so weit, Wucher zu ahnden. Hinter diesen Stand zurückzufallen, verbietet sich.» Man müsse sich dann der Zeit anpassen: «Was früher normal war, wird es nie wieder werden.»

Das zentrale Problem ist, so Bär, dass die Konventionen im Bankgeschäft nicht Richtung Zivilisiertheit drehen. Das beweist nicht zuletzt der Stil der Mails aus der UBS. Er ist miserabel, egal ob enthusiastisch («call me legend! front runner legend») oder besorgt: «das ding ist wir dürfen nicht mehr front runnen, compliance sitzt uns am arsch».

Es ist der Ton, den man aus Handelsräumen seit den 80er-Jahren kennt. So motivierte der spätere Credit-Suisse-Chef John Mack 1993 laut einem Ex-Mitarbeiter seine Verkäufer am Morgen mit dem Satz: «Ich rieche Blut im Wasser! Lasst uns rausgehen und jemanden töten!» Gemeint waren die Kunden.

Das Problem, so Bär 2004, sei nicht nur das einiger Händler. Sondern das einer «allgemeinen Bereicherungsethik». Nicht nur in den Banken, auch bei den Topmanagern, die systematisch Millionen abkassierten, unabhängig von der Leistung: «Was wir erleben, ist ein Klassenkampf von oben.»

Bärs Fazit: Es brauche Kontrolle, da das Stilgefühl den Bankiers keine Grenzen mehr setze. Früher habe man sich «noch erschossen, wenn der Skandal ruchbar wurde». Heute nicht mehr. «Es fehlt die Anmut beim Stehlen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 21:50 Uhr

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Im Skandal um manipulierte Devisenkurse haben die Regulierer weltweit hohe Bussen gegen sechs internationale Grossbanken verhängt. Insgesamt 4,3 Milliarden Dollar müssen UBS, Royal Bank of Scotland, HSBC, J. P. Morgan Citigroup und Bank of America zusammen an die Aufsichtsbehörden in Grossbritannien, den USA und der Schweiz zahlen. Seit gut einem Jahr gehen Regulierer rund um den Globus dem Verdacht nach, dass Devisenhändler Kunden über den Tisch gezogen haben – ähnlich wie im Skandal um Manipulationen bei den Inter­banken-Zinssätzen Libor und Euribor. Beim aktuellen Vergleich arbeiteten Aufsichts­behörden der USA, Grossbritanniens und der Schweiz zusammen. Die britische Finanzaufsichtsbehörde FCA verhängte Strafen über 1,77 Milliarden Dollar – so viel wie noch nie in der Geschichte des britischen Finanzplatzes. Die US-Handels-Aufsichtsbehörde CFTC kassiert weitere gut 1,5 Milliarden Dollar und die US-Bankenregulierung OCC verhängte Strafen in Höhe von 950 Millionen Dollar. Um Absprachen auf die Schliche zu kommen, hatten die Ermittler in den vergangenen Monaten Tausende E-Mails und Nachrichten in Chatrooms durchforstet. (Reuters/TA)

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