Über das Glück vor der Katastrophe

Die Ausstellung «1900–1914» im Landesmuseum Zürich lässt die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in 500 Einzelteile zersplittern. Eine gelungene Kopfgeburt.

Körperzerstörung: Die Maschine aus Kafkas «Strafkolonie». Foto: Lüscher und Szeemann

Körperzerstörung: Die Maschine aus Kafkas «Strafkolonie». Foto: Lüscher und Szeemann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hätte man in dieser Zeit leben mögen, in den ersten anderthalb Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts? Nein – weil man weiss, was auf sie folgte. Ja, durchaus – wenn man dieses Wissen einmal ausblendet, den Ersten Weltkrieg, der das Jahrhundert ins Katastrophale wendete. Das hat Philipp Blom in seinem grossartigen Buch «Der taumelnde Kontinent» (Hanser 2009) getan, und die Kuratoren der ­Ausstellung «1910–1914» im Landesmuseum, die Blom ausdrücklich als Inspirationsquelle nennen, haben das Gedankenspiel in ihr Medium übersetzt. Die 700 Quadratmeter des provisorischen Pavillons, eine Blackbox mit Fabrikhallencharme, haben sich mit zimmerhohen Vitrinen und kunstvoller Lichtregie in einen kleinen Kristallpalast verwandelt, eine Reminiszenz an jene Weltausstellungen, welche die ­Besucher seinerzeit mit den neuesten technischen Erfindungen zum Staunen, Träumen, Bewundern und Taumeln brachten.

Der Blick war nach vorne gerichtet, in eine vielversprechende Zukunft, und diesen Blick versuchen Stefan Zweifel und Juri Steiner zu rekonstruieren. Es ist zugleich ein zersplitterter Blick, weil auch die betrachtete Zeitspanne sich unendlich vielfältig und widersprüchlich darstellt. «Janusköpfig» wäre noch ein untertriebenes Attribut; viel eher ist das Kaleidoskop, die vielfache Lichtbrechung und mosaikartige Anordnung, visuelle Leitmetapher der Ausstellung.

Der Beginn der Beschleunigung

Das klingt kompliziert, und die Wahl der Kuratoren, zweier notorischer Intelligenzbestien, könnte das Schlimmste befürchten lassen: eine Kopfgeburt. Die Seh- und Geh-Erfahrung im Raum widerlegt die Befürchtung aber aufs Schönste. Der Besucher wird auf diese anderthalb Jahrzehnte losgelassen, er ist frei, sich seinen Weg durch die 500 Exponate selbst zu wählen. Es gibt keinen empfohlenen Parcours, keine Führung durch Pfeile und redselige Texttafeln, selbst die Erläuterungen der Objekte sind sparsam, ja spartanisch gehalten. Es ist dezidiert keine didaktische Ausstellung, sie will nicht belehren, sondern Assoziationen freisetzen. Der Versuch, im Kopf des Besuchers etwas anzurichten, was irgendwie der verwirrenden Erfahrung der Menschen jener Zeit ähneln könnte: Er glückt.

Der Untertitel der Ausstellung suggeriert eine «Expedition ins Glück». Jahrzehnte des Friedens lagen hinter den Menschen (in Europa, die Einschränkung ist wichtig); Fortschritte der Wissenschaft und Technik hatten zu einer enormen wirtschaftlichen Dynamik geführt; der Lebensstandard stieg, ein bescheidener Wohlstand war für breitere Kreise erreichbar; Massenproduktion und Werbung begannen ihren Siegeszug, die Eisenbahn holte Entferntes nahe heran, das Flugzeug die dritte Dimension hinzu. Neue Sphären wurden entdeckt: die Freizeit, der Sport, die Ansprüche von Frauen und Kindern auf ein eigenes Leben. Der Blick des Forschers drang unter die Oberfläche – mithilfe des Röntgenapparats wie auch der Couch des Psychoanalytikers. Für all diese Aspekte haben die Kuratoren sprechende Objekte, Foto- oder Filmdokumente gefunden, geschickt präsentiert und mit­einander in Beziehung gesetzt.

1900, zum Auftakt des Jahrhunderts, erschien Sigmund Freuds «Traumdeutung»; 1900 starb aber auch Friedrich Nietzsche, der Verächter des Transzendenten und Apologet einer fröhlichen Diesseitigkeit. Wem zu Nietzsche aber nur der «Übermensch» einfällt und nicht auch der Satz: «Was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist», den weisen die Ausstellungsmacher mit einer diskret neben der Büste des Philosophen platzierten Zwangsjacke aus der Waldau darauf hin, dass alles seine Kehrseite hat. Die unglaublichen Fortschritte, Chancen, Möglichkeiten des anbrechenden Jahrhunderts überforderten den Menschen eben auch. Damals begann die Beschleunigung der Aussenwelt, die bis heute anhält und deren Tempo wir mit unserer Innenausstattung, die in vielem noch die des Höhlenmenschen ist, nur schwer mithalten. Die Künstler jener Zeit waren am ehesten in der Lage, beides zum Ausdruck zu bringen, und so finden sich in der Ausstellung immer wieder «Kunsträume», in denen Picasso und Kandinsky, Schiele und Cendrars und der «Neutöner» Schönberg (im Bild und im Video, gespielt von Glenn Gould) die Erfahrung der Zersplitterung des Ich aufnehmen und in neue künstlerische Zusammenhänge transponieren.

Reichtum und Ausbeutung

Diese Kunsträume strahlen aus auf die umliegenden Objekte, so wie auch die anderen raumhohen Vitrinen dem Besucher Durchblicke und Spiegelungen erlauben, sodass sich in seinem Kopf, je nachdem, wo er gerade steht, ein immer neues Bild der Epoche bildet. Die Brücke zwischen Kunst und Alltag stellt die grosszügig vertretene Fotografie dar, auch und gerade von Schweizern. Überhaupt ist die Schweiz auf natürliche Weise anwesend, ohne, weil es nun eine Landesmuseumsschau ist, in den Mittelpunkt gezwängt zu werden.

Anwesend etwa mit dem Flugpionier Theodor Borrer, der 1913 abstürzte. Mit Xavier Mertz, der bei einer Antarktisexpedition 1912 starb. Mit Albert Meierhofer, der Schweizer Dorfkirchen ans Stromnetz anschloss, fotografierte und nacktwanderte und so gleich mehrere Tendenzen der Zeit verkörperte. Natürlich mit dem Monte Verità, dieser europaweit attraktiven Spielwiese von Künstlern und Lebensreformern. Aber auch mit Unternehmern, die ihren Reichtum aus der Ausbeutung südamerikanischer oder afrikanischer Landarbeiter gewannen und zum Teil in Bildern anlegten – sodass mancher Künstler letztlich mit Blutgeld bezahlt wurde.

Steiner und Zweifel lieben solche dialektischen Bezüge und Kurzschlüsse, verweisen darauf, auf wessen Kosten das Wohlleben der europäischen Mittel- und Oberschicht ging. Das Velo, auf dem die sich emanzipierende Schweizer Frau korsettbefreit und mit wehenden Röcken in eine glänzende Zukunft radelte, fuhr auf Reifen, deren Kautschuk von Kindern im Kongo, Privatbesitz des belgischen Königs, gesammelt wurde. «Faulen» Sammlern wurden schon mal die Hände abgehackt.

Die Ausstellung hält für den Besucher manchen Schreckmoment bereit, der den Glücksbegriff des Titels immer stärker infrage stellt. Einer ist eine kurze Filmsequenz, in welcher der Fliegerpionier Franz Reichelt 1912 mit einer Art Umhang vom Eiffelturm zu Tode stürzt. Der Film wiederholt den Todesmoment, immer und immer wieder. Eine Augenfolter. Dann die grässliche Maschine aus Kafkas «Strafkolonie», einst für Harald Szeemanns Ausstellung «Junggesellenmaschinen» (1975) nachgebaut. Sie zeigt, wohin die entfesselte Fantasie das Januswesen Mensch treiben kann.

Abschluss der Schau ist ein langer schwarzer Tunnel. In dem gibt es gar nichts zu schauen, nur zu hören: Geräusche von fliegenden Kugeln, Granaten, Einschlägen. Deren richtige Decodierung war für den Soldaten im Schützengraben überlebenswichtig. 1914 ist der Traum einer friedlichen, evolutionären Weiterentwicklung all dieser vielversprechenden, widersprüchlichen Ansätze ausgeträumt, Europa ein Schlachtfeld. Bedrückt taumelt der Besucher aus dem Tunnel, aus der Ausstellung.

Landesmuseum, bis 13. 7. Begleitbuch bei Scheidegger & Spiess, 204 S., ca. 39 Fr. Zahlreiche Begleitveranstaltungen.

www.musee-suisse.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.03.2014, 20:40 Uhr

Körperertüchtigung: Ein frühes Fitnessgerät. Foto: Deutsches Hygiene-Museum Dresden

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

History Reloaded Impfungen polarisierten schon vor 200 Jahren

Von Kopf bis Fuss Lust auf Lash Extensions?

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Er braucht ein gutes Gleichgewicht: Ein Gaucho reitet in Uruguay ein Rodeo-Pferd. (17. April 2019)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...