«Viele Informatiker drängen zu Google»

In der Schweiz werden so viele Informatiker ausgebildet wie nie zuvor. Warum es trotzdem Tausende Fachkräfte aus dem Ausland braucht.

Praktisch jeder junge Schweizer Informatiker möchte hier arbeiten: Bei Google in Zürich.

Praktisch jeder junge Schweizer Informatiker möchte hier arbeiten: Bei Google in Zürich. Bild: Keystone

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Herr Aebischer, die Kantone Zürich, Genf und Basel-Stadt fordern, dass die Kontingente für Arbeitskräfte aus Drittstaaten erhöht werden – es fehlen vor allem Spezialisten aus der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT). Weshalb bilden Sie nicht mehr aus?

Wir bilden sehr viele Fachkräfte aus. Zurzeit absolvieren über 9000 Jugendliche eine Lehre, 50 Prozent mehr als noch 2010. Nur: Die Nachfrage nach ICT-Fachkräften steigt viel schneller als die Zahl der Lehrabgänger. Die Branche wächst unter anderem wegen der Digitalisierung doppelt so schnell wie die Gesamtwirtschaft. In der Schweiz arbeiten heute über 210'000 ICT-Fachkräfte, es braucht jedes Jahr zusätzlich 8000 bis 10'000 Personen, um den zusätzlichen Bedarf sowie Pensionierungen zu ersetzen. Mit dieser Entwicklung kann unser Bildungssystem schlicht nicht Schritt halten.

Sie bilden mehr Jugendliche aus, und trotzdem wird der Mangel noch grösser werden.

Machen wir die Rechnung: In den nächsten acht Jahren benötigt die Wirtschaft etwa 75'000 zusätzliche ICT-Fachkräfte. 30'000 davon können wir realistischerweise ausbilden, 20'000 können die Unternehmen vermutlich im Ausland rekrutieren. Fehlen 25'000. So wird die Wertschöpfung, die eigentlich in der Schweiz anfallen könnte, im Ausland generiert. Vielleicht werden auch Schweizer Unternehmen ICT-Dienstleistungen vom Ausland aus liefern. Sie sehen, wenn die Volkswirtschaftsdirektoren von Zürich, Genf und Basel das Kontingent um 1000 zusätzliche Fachkräfte vergrössern wollen, ist das zwar sehr berechtigt, in der Summe jedoch nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Wollen nicht mehr Jugendliche Informatiker werden?

Doch, diese Lehrstellen sind hochbegehrt, aber es hat nicht mehr. Wir versuchen die Unternehmen zu motivieren, mehr ICT-Lehrstellen zu schaffen, und manche engagieren sich auch stark, etwa die SBB, die Post, aber auch Swisscom oder Credit Suisse. Aber sie können nicht so schnell zusätzliche Lehrstellen schaffen, schliesslich brauchen Lehrlinge eine gute Betreuung. Unser Ziel ist es, dass bis ins Jahr 2022 12'000 ICT-Lehrstellen bestehen, das sind nochmals 30 Prozent mehr als heute. Das ist ein ehrgeiziges Ziel.

Nun gibt es aber auch viele arbeitslose Informatiker.

Es ist schon so: Je älter ein Informatiker wird, desto höher ist das Risiko, dass er arbeitslos wird. Aber so viele Informatiker sind es nicht. In der Schweiz haben wir über alle Branchen gesehen eine Arbeitslosigkeit von 3 Prozent. Im Berufsfeld der ICT beläuft sie sich auf 2 Prozent, bei den über 50-Jährigen auf 3 Prozent. Das heisst: 97 Prozent der über 50-Jährigen haben eine Arbeit. Die Wirtschaft versucht möglichst alle in den Arbeitsprozess zu integrieren. Das ist aber nicht einfach, wenn zum Beispiel jemand drei Programmiersprachen beherrscht, die alle nicht mehr gefragt sind. Das ist, wie wenn jemand Deutsch, Französisch und Italienisch spricht, aber Russisch und Chinesisch gesucht sind.

Wie unterstützt Ihr Verband arbeitslose Informatiker?

Informatiker mit Berufserfahrung können zum Beispiel einen eidgenössischen Fachausweis oder ein eidgenössisches Diplom erwerben und werden so auf dem Arbeitsmarkt wieder sichtbar und greifbar. Wir bieten eine breite Palette an markttauglichen Weiterbildungsabschlüssen an. Auch die Unternehmen sind gefragt; für sie ist es günstiger, ihre Mitarbeiter laufend weiterzubilden, als dass sie einmal keine Leute mehr haben, die ihren Anforderungen genügen. Die Hauptverantwortung liegt jedoch bei den Arbeitskräften selber. Durch den Informatikermangel der letzten Jahre haben viele sehr gut verdient, und das hat manche auch träge gemacht.

Nun will Google zu seinen 2000 Arbeitsplätzen in Zürich 3000 weitere schaffen. Auch Ihr Verband ist dadurch gefordert.

Ja, wir sind in Kontakt mit Google. Das Unternehmen hat in der Ausbildung von Fachkräften eine besondere Verantwortung – es ist gross und ist der beliebteste IT-Arbeitgeber. Sehr viele neu ausgebildete Informatiker drängen zu Google. Für kleine und mittelgrosse Unternehmen, die auch auf IT-Fachleute angewiesen sind, ist es schwierig, daneben bestehen zu können. Google hat nun begonnen, vier bis fünf Lehrlinge pro Jahr auszubilden. Letztlich ist das Engagement von Google und anderen ICT-Firmen in der Schweiz aber ein grosses Kompliment an unseren Wirtschaftsstandort. Wir haben ein Luxusproblem: Wir haben so viel Arbeit in unserem Land, dass wir zu wenig Arbeitskräfte haben.

Nun heisst es immer, durch die Digitalisierung gingen viele Stellen verloren.

Für die Schweiz gilt dies definitiv nicht. Hier entstehen mehr Stellen durch die Digitalisierung als dadurch verloren gehen, und es ist nicht absehbar, dass sich dies mittelfristig ändern würde. Man muss sich vorstellen, welche Projekte zurzeit in der Pipeline sind: Selbstfahrende Autos, Pflegeroboter, Postdrohnen, elektronische Treuhänder. Selbst die Landwirtschaft wird zunehmend elektronisch durchdrungen: Dort werden vermehrt Melkroboter eingesetzt, selbstfahrende Traktoren und Drohnen, die Wirkstoffe spritzen, werden getestet. Viele Technologien sind noch in der Entwicklungsphase, aber wenn sie eines Tages massentauglich sind, wird das einen weiteren Schub an neuen Jobs geben.

Davon werden aber nur technikaffine Leute profitieren.

Nicht alle Tätigkeiten können von Robotern ausgeführt werden – noch ist keiner erfunden, der zum Beispiel Dächer decken könnte. Durch die Digitalisierung werden sich aber auch gewerbliche Berufe verändern, die immer mehr technologisch unterstützt werden. So arbeiten wir vermehrt mit anderen Branchenverbänden wie Swissmem, Viscom oder dem Verband der Elektrizitätsunternehmen zusammen. Alle Berufe sind dabei, sich zu digitalisieren, und hier können wir als ICT-Berufsbildung Schweiz einen grossen Beitrag leisten.

Welche ICT-Fachleute werden künftig vor allem gefragt sein?

In erster Linie sind es Applikationsentwickler, also Programmierer. Wir bilden aber auch vermehrt Führungskräfte zum eidgenössisch diplomierten ICT-Manager aus. Der dritte Bereich betrifft die Sicherheit. Eine digitalisierte Wirtschaft und Gesellschaft wird durch Fehler und Hackerangriffe sehr anfällig. Der Bedarf an Experten in diesem Bereich steigt rasant. Das ist auch eine Chance. Gerade die Schweiz, die mit dem Bankgeheimnis in diesem Bereich schon Erfahrungen hat, kann sich international als sicherer Datenhafen positionieren. Dazu brauchen wir die besten Fachkräfte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.08.2017, 14:54 Uhr

Jörg Aebischer ist Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz.

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