Wer Medikamente in Deutschland bestellt, bezahlt bis viermal weniger

11.70 Franken kostet ein Otrivin-Nasenspray hierzulande, in Deutschland kriegt man es für unter 3 Franken. Bei anderen Produkten sieht es auch so aus.

Im Ausland bis zu 160 Prozent billiger: Das Medikamentenlager einer Apotheke im Aargau. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Im Ausland bis zu 160 Prozent billiger: Das Medikamentenlager einer Apotheke im Aargau. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Ein ähnliches Resultat wie bei Otrivin zeigt sich auch bei Lamisil, einer Creme zur Behandlung von Pilzinfektionen der Haut. Auch hier beträgt der Preisunterschied das Vierfache.

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Das sind zwar Extrembeispiele, die Differenzen zu Deutschland sind aber auch insgesamt sehr gross. Der TA hat die Preise von zwölf bekannten rezeptfreien Medikamenten bei zwei Schweizer und drei deutschen Versandhändlern analysiert. Das Resultat: In sieben von zwölf Fällen kostet das genau gleiche Produkt in der Schweiz mehr als doppelt so viel wie im Nachbarland. Neben Otrivin und Lamisil sind dies bekannte rezeptfreie Präparate wie die Wundsalbe Bepanthen, Aspirin Complex gegen Erkältung und Fieber oder Voltaren-Schmerzgel. Weniger ausgeprägt sind die Differenzen bei Rennie gegen Sodbrennen oder beim Durchfallmittel Imodium.

Werden alle zwölf Medikamente in einem Warenkorb zusammengefasst, so beträgt der Preisunterschied zwischen dem günstigeren der beiden Schweizer Anbieter und dem teuersten deutschen Versandhändler 100 Prozent, also das Doppelte. Die beiden Extreme liegen gar 160 Prozent auseinander.

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Der Vergleich mit dem Ausland drängt sich auf, seit kurzem noch mehr als ohnehin schon. Denn das Bundes­gericht hat den Versandhandel mit ­rezeptfreien Medikamenten in der Schweiz stark eingeschränkt. Die obersten Richter haben Ende September entschieden, dass zwingend ein ärztliches Rezept vorliegen muss, wenn jemand in der Schweiz online rezeptfreie Medikamente kaufen will. Bis dahin hatte dies der Marktführer, der Thurgauer Versandhändler Zur Rose, anders gehandhabt. Um zu verhindern, dass die Kunden für ein Rezept jedes Mal zum Arzt gehen müssen, hat das Unternehmen das Rezept nach der erfolgten Bestellung anhand eines Gesundheitsfrage­bogens durch einen Arzt ausstellen ­lassen. Diese Vorgehensweise hat das Bundesgericht explizit untersagt (der TA berichtete).

Weiterhin ist es Schweizer Konsumenten jedoch erlaubt, Medikamente im Ausland einzukaufen – und dies ohne Rezept. Laut Gesetz darf eine Privatperson in der Grössenordnung eines Monatsbedarfs Arzneimittel einführen, egal, ob rezeptpflichtig oder nicht.

Differenzen nicht gerechtfertigt

Die enormen Preisunterschiede erstaunen, auch wenn das Kostenniveau in der Schweiz deutlich höher ist als in Deutschland. Im Gegensatz zu den hiesigen Anbietern operieren die deutschen Versandhändler teils mit enormen Rabatten. Dabei profitieren sie von den grösseren Einkaufsvolumen, mit denen sie tiefere Preise aushandeln können. Allerdings gibt es auch in Deutschland selber grosse Unterschiede, wie der Preisvergleich zeigt.

Konsumentenvertreter haben kein Verständnis für die teuren Schweizer Präparate. «Die enormen Preisunterschiede lassen sich in keiner Art und Weise rechtfertigen», sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz. Es sei deshalb störend, dass jene abgestraft würden, die versucht hätten, rezeptfreie Medikamente günstiger über das Internet zu verkaufen. Stalder spielt auf das Bundesgerichtsurteil an: «Wir können den Entscheid überhaupt nicht nachvollziehen.» Damit sei ein gängiger Absatzkanal unnötig eingeschränkt worden.

Anbieter und Hersteller halten ­dagegen. Produkte in der Schweiz seien generell teurer als in Deutschland, das gelte nicht nur für Medikamente, sondern auch etwa für Kleider und Lebensmittel, sagt Florian Meier, Geschäfts­leiter der Adler-Apotheke. Im Hochpreisland Schweiz seien die Kosten nun mal höher, das gelte gerade auch für die Löhne, die in Deutschland bedeutend tiefer seien. «Letztlich müssen wir die Preise der Lieferanten akzeptieren», sagt Meier. Im Gegensatz zu grossen ­Detailhändlern sei er als KMU mit weniger als 30 Vollzeitstellen kaum in der Lage, Druck auf die Medikamentenhersteller auszuüben.

Preise in der Schweiz gestiegen

Die Hersteller argumentieren ebenfalls mit den höheren Schweizer Kosten, so etwa die deutsche Firma Bayer, die unter anderem Bepanthen und Aspirin herstellt. «Wir sind seit über 60 Jahren in der Schweiz vertreten und beschäftigen hierzulande an vier Standorten über 1000 Mitarbeiter», sagt eine Sprecherin. Sämtliche Kosten für die Vermarktung der Produkte inklusive Logistik, Schulungen oder Steuern würden direkt in der Schweiz anfallen.

Der Preisunterschied zu Deutschland ist das eine, das andere sind die Preis­erhöhungen innerhalb der Schweiz. Anfang 2013 hat der «SonntagsBlick» einen ähnlichen Vergleich mit deutschen Versandhändlern angestellt. Dabei zeigt sich, dass mehrere Präparate inzwischen teurer sind. Markant sind die Aufschläge bei Aspirin Complex von über 40 Prozent und bei Fenistil mit rund 25 Prozent.

Der Preis, zu welchem der Handel Aspirin Complex bei Bayer beziehen könne, habe sich in den letzten fünf Jahren lediglich um 4 Prozent erhöht, sagt die Sprecherin des deutschen Konzerns. Da die Preise rezeptfreier Medikamente von den Apotheken, Drogerien und Ärzten festgesetzt würden, könne Bayer die Endpreise weder nachvollziehen noch kommentieren.

Der britische Pharmakonzern Glaxo­SmithKline (GSK) dagegen geht auf einzelne Produkte nicht ein. Er spricht für den Hersteller von Lamisil, Novartis Consumer Health. Die Basler und GSK haben ihr jeweiliges Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten in ein Gemeinschaftsunternehmen eingebracht; dabei hält GSK die Mehrheit und gibt daher auch Auskunft. «Die Preisgestaltung unserer Produkte im Handel liegt ausserhalb unseres Einflussbereiches», sagt eine Sprecherin lediglich. Bedingt durch den freien Wettbewerb könne es daher zu unterschiedlicher Preisgestaltung im Handel kommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2015, 23:20 Uhr

So wurden die Anbieter verglichen

Der Preisvergleich zwölf gängiger rezeptfreier Medikamente des TA umfasst fünf verschiedene Versandhändler. Mit Xtrapharm und der Adler-Apotheke ­befinden sich zwei davon in der Schweiz. Bei den drei deutschen Anbietern ­wurden unterschiedlich positionierte Versandhändler gewählt. Darunter befindet sich die Deutsche Internet Apotheke. Sie ist in einem Vergleich der ­Stiftung Warentest 2014 als Siegerin hervorgegangen.

Die Deutsche Internet Apotheke ist jedoch teurer als die anderen beiden Anbieter. Alle drei verfügen über das neu geschaffene EU-Logo, mit dem sich prüfen lässt, ob ein Versandhändler von den Behörden eine Bewilligung hält. Die Preise der deutschen Anbieter wurden mit dem aktuellen Euro-Franken-Kurs umgerechnet, inklusive eines Zuschlags für Kreditkartenzahlungen von 3 Prozent. Bei einem der drei deutschen Versandhändler, Pharmaxia, wurde die Mehrwertsteuer von 19 Prozent abgezogen, da die Firma den Schweizer Kunden die Preise ohne deutsche Mehrwertsteuer verrechnet.

Während Pharmaxia und Apotheke.de Versandkosten von 6.95 bis 8 Euro verlangen (bei Apotheke.de ab 69 Euro Lieferwert gratis), sendet die Deutsche Internet Apotheke nur an deutsche Lieferadressen. Sie arbeitet dazu mit einer Firma zusammen, die solche Adressen anbietet. Bei den Schweizer Anbietern kostet die Lieferung je nach Gewicht zwischen 4 und 6.90 Franken. Ab 100 Franken Bestellwert ist der Versand kostenlos. (mka)

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Vorsicht im Internet

Viele unseriöse Anbieter

Wer im Internet Medikamente bestellt, sollte dies mit einer gewissen Vorsicht tun. Nicht alle Anbieter sind seriös, auch wenn sie optisch einen ansprechenden Eindruck hinterlassen. Die EU hat in diesem Jahr ein Logo lanciert, mit dem legale Händler gekennzeichnet werden. Mit dem Klick auf das Logo kann der Kunde prüfen, ob der Versandhändler eine Bewilligung der Behörden hält.

Fehlt dieses Logo, so besteht das Risiko, dass Anbieter Substanzen mit mangelnder Qualität oder fehlender Wirksamkeit ver­kaufen. Laut der Arzneimittelbehörde Swissmedic werden immer wieder Medikamente gefunden, die zu stark oder zu wenig dosiert sind, nicht richtig gekühlt werden oder andere Wirkstoffe als die deklarierten ent­halten. Oft würden die Konsumenten nicht über die Risiken der Medikamente informiert. Zudem werden häufig Präparate als rein pflanzlich beworben, obwohl sie chemische Substanzen enthalten. Besondere Vorsicht ist bei Anbietern von Potenz- oder Schlankheitsmitteln wie Viagra oder Xenical geboten. Hier ist die Zahl unseriöser Versandhändler besonders gross. (mka)

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