Wie im Kindergarten

In Schaffhausen sagen sie den Räbeliechtli-Umzug ab, in Graubünden ziehen sie vor Gericht. Die Schweizer Kindergärtnerinnen sind unzufrieden. Weshalb?

Herzige Finken tragen die Kinder alle, doch der Entwicklungsstand ist sehr verschieden. Foto: Reto Oeschger

Herzige Finken tragen die Kinder alle, doch der Entwicklungsstand ist sehr verschieden. Foto: Reto Oeschger

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Znüni! Zwei Buben tragen den Korb mit den Pausentäschli aus der Garderobe herein, die Kinder gucken erwartungsvoll. Sie sitzen im Kreis unter einem ­Mobile aus Papiersonnen und Herbstlaub. Kindergarten Charlottenfels, Neuhausen am Rheinfall, Stufen 1 und 2 gemeinsam, 17 Kinder insgesamt, 4- bis 6-jährig, hungrig.

Das Klassenzimmer ist hell, die Fenster gehen hinaus auf Wiesen und Wintergemüse, dahinter die Senke des Rheins, Rebberge. «S Täschli näh und wiitergäh» sprechen die Kinder im Chor; sie geben die Taschen herum, bis jedes seine eigene auf dem Schoss hat. Dann singen sie: «Nüdeli und Spaghetti, oh i wett i hetti», en Guete mitenand. Niemand stibitzt dem anderen den Apfel, die Stimmung ist friedlich. «Eine herzige Klasse», freut sich die Kindergärtnerin.

Sie heisst Jacqueline Wendle, ist 50 Jahre alt, eine ruhige Frau mit grauem Haar. Dass es ihr leidtut um den Räbeliechtli-Umzug, sieht man ihr an. «Wir haben die Lieder schon geübt», sagt sie. Seit 29 Jahren ist sie Kindergärtnerin, immer am selben Ort, und jeden November gab es einen Räbeliechtli-Umzug. Dieses Jahr nicht. Die Kindergärten von Schaffhausen und Neuhausen haben ihn abgesagt, um ein Zeichen zu setzen: zu viele unbezahlte Überstunden, zu wenig Lohn, und die versprochene Entlastungsstunde kommt und kommt nicht.

Bei den Eltern kam das nicht gut an. «Schämt euch», schrieben sie in Leserbriefen und auf Facebook. Sind euch die Kinder egal, zählt nur das Geld? Auch der Erziehungsdirektor des Kantons war nicht froh über den Lohnkampf «auf dem Buckel der Kinder», wie er schrieb; da weine sein «Pädagogenherz».

Doch die Kindergärtnerinnen wehren sich; ihre Beschwerdebriefe hätten ja nichts genützt. Auch der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz gibt ihnen recht: «Diese Absage war richtig und verdient unsere Achtung», sagt Zentralsekretärin Franziska Peterhans. Es brauche sehr viel, bis ein so lieb gewonnener Anlass gestrichen werde. Der Leidensdruck sei hoch: «Die Arbeit der Kindergärtnerinnen wird in der Schweiz immer noch unterbewertet und zu wenig ernst genommen.» Gut, wenn sie sich wehren.

Das Problem ist nicht nur Schaffhausen. Fast im ganzen Land fordern die Lehrpersonen am Kindergarten mehr Lohn. Mancherorts per Anwalt: Die Zürcher sind eben mit einer Lohnklage vor Bundesgericht knapp gescheitert, eine Schaffhauser Klage ist noch hängig, und in Graubünden klagt der Lehrerverband vor dem kantonalen Verwaltungsgericht. Im Aargau war eine Klage erfolgreich; ab 2018 verdienen Kindergärtnerinnen dort gleich viel wie Primarlehrer.

Die Details sind von Kanton zu Kanton verschieden, doch im Kern geht es überall um dasselbe: Der Aufwand nimmt zu, die Entlöhnung aber bleibt gleich – oder kommt sogar unter Druck, wenn wie in Zürich oder St. Gallen Vollzeit-Kindergärtnerinnen nur zu 87 oder 89 Prozent bezahlt werden, betreute Schulpausen von der Arbeitszeit abgezogen oder zugesicherte Vorbereitungsstunden nicht gewährt werden. Anderswo ist der Vollzeitlohn sehr tief, am tiefsten in Graubünden, Einsteiger verdienen rund 4600 Franken im Monat.

Plötzlich Teil der Volksschule

Pause! Walid* will nicht aus dem Leiterwagen aussteigen. «Sie Frau Wendle!», ruft ein Mädchen, «jetzt sind wir dran!» Frau Wendle bindet ein Springseil an den Zaun, schwingt Bögen für die Kinder – spannend, doch besser aussteigen. Leiterwagen und Seile, gutes Spielzeug wird nicht alt. Das Provisorium Charlottenfels stammt aus den 1960ern. Nicht mehr alles ist gut in Schuss, sagt Wendle, aber es ist hell und nah am Wald. 18, 19, 20 Seilsprünge: «Wer will als Nächstes?»

Im Gegensatz zum Lohn hat sich der Beruf stark verändert. Als sie 1988 anfing, sei sie «sehr frei» gewesen, sagt Jacqueline Wendle – aber auch allein, auf sich gestellt. Der Kindergarten war damals freiwillig, eine Bastelstunde, kaum kontrolliert. Heute ist er in fast allen Kantonen Teil der obligatorischen Volksschule, in Schaffhausen seit 2014, jedes Kind muss hin. Frühkindliche Bildung ist wichtig, das ist erkannt. Was im Kindergarten verpasst wird, ist später kaum mehr einzuholen.

Die Kindergärtnerinnen sind heute Teil des Schulsystems und haben klare Bildungsaufträge. Auch müssen sie Kontakt halten mit den Fachstellen – von Logopädie und Psychomotorik bis zu Kesb und Schulpsychologie. «Es ist sehr gut, dass wir heute diese Hilfe haben, nicht mehr allein mit den Kindern sind», sagt Jacqueline Wendle. Aber der stete Austausch sei zeitlich aufwendig. «Wir sitzen länger in Sitzungen und am Telefon und haben trotzdem nicht mehr im Portemonnaie.» Auch die Elterngespräche seien intensiver geworden, manche Eltern anspruchsvoller.

Gespiegelt werden die höheren Anforderungen in der Ausbildung. Jacqueline Wendle wurde noch mit 20 Jahren ohne Matura Kindergärtnerin – sie hat die Diplommittelschule und das damalige Kindergärtnerinnenseminar besucht; die Matura hat sie später nach­geholt. Heute aber brauchen Kindergartenlehrpersonen fast überall einen Bachelor, meist denselben wie die Primarlehrer; nur noch einzelne Kantone bieten einen eigenen Studiengang an. Die Rektoren der Pädagogischen Hochschulen erwägen bereits, ob ein Master verlangt werden soll. Das Strategiepapier kommt Ende Jahr. Wenn die Studien­abgängerinnen dann wie in Zürich trotz gleicher Ausbildung in tiefere Lohnklassen eingestuft werden als die Primarlehrer, nährt das Bitterkeit.

Es ist ein Widerspruch: Alle wollen professionellere Lehrer an den Kindergärten, aber bezahlt werden sollen sie wie früher. Das habe viel mit dem sehr hohen Frauenanteil im Beruf zu tun, sagt Franziska Peterhans vom Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer. Etwa 98 Prozent der Kindergärtner seien Frauen. «Die machen das doch gern, die mögen Kinder», höre man oft. Die Verfassung verbietet aber, Lehrpersonen schlechter zu bezahlen, nur weil sie grossmehrheitlich Frauen sind. Viele der laufenden Lohnklagen sind deshalb Diskriminierungsklagen.

Ein Gerutsche und Gehampel

Arbeiten! Jacqueline Wendle teilt sich die Stelle mit Kollegin Nicole Krebs. Während Frau Krebs jetzt im Klassenzimmer das Freispiel beaufsichtigt, sitzt Frau Wendle im Garderobenraum mit fünf Kindern am Tisch. Sie machen eine Zahlenübung: Du hast eine Karte, darauf sind vier Schweine. Such eine Karte, die vier Finger oder vier Würfelaugen oder die Ziffer 4 zeigt. «Komm, jetzt konzentrieren wir uns.» Es ist ein Gerutsche und Gehampel auf den Holzstühlen. Immer wieder wechselt Frau Wendle ins Hochdeutsche; Igor ist erst acht Wochen in der Schweiz, aus Mazedonien. Dafür ist sein Deutsch hervorragend.

Wendle ist zu 63 Prozent angestellt. Hinzu kommen 17 Prozent als Heilpädagogin. Eigentlich wären die heilpädagogischen Einsätze (wie jene am Tisch mit den Zahlen) für Förderung in alle Richtungen gedacht, für schwache wie starke Schüler. «Doch wenn viele Kinder mit Defiziten in der Klasse sind, brauchen wir die Ressourcen vor allem für sie.»

Und die Defizite nähmen zu, sagt Wendle. Beim Eintritt in den Kindergarten seien die Kinder immer schon verschieden weit gewesen. «Doch die Schere hat sich in den letzten 30 Jahren aufgetan.» Die einen schreiben schon Buchstaben, die anderen brauchen eigentlich noch Windeln. Die einen legen 100er-Puzzles, die anderen verstehen Baby-Puzzles für 2-Jährige nicht. «Wir bekommen zu spüren, dass in vielen Haushalten weniger Brett- und Würfelspiele, dafür mehr am Computer gespielt wird.» Gerade in Familien mit tieferem Bildungsniveau. Ein Bub habe die ersten vier Wochen im Chindsgi nur «Star Wars»-Zischgeräusche gemacht, wenn man ihn angesprochen habe.

Daheim weniger Zeit für Spiele

Natürlich spielt die Zuwanderung eine Rolle. In Frau Wendles Klasse sind mehr als die Hälfte der Kinder nicht deutscher Muttersprache. Sie stammen aus Eritrea, dem Balkan, Afghanistan, von überall. Es braucht mehr Zeit für Deutschunterricht. «Tatsächlich aber merken wir auch an deutschsprachigen Kindern, dass daheim weniger Zeit ist für Sorgfalt in der Sprache, für das gemeinsame Spiel.» Die Eltern seien wohl selber zunehmend unter Druck. Auf jeden Fall habe die Erziehungsarbeit in den Kindergärten stark zugenommen.

Spielen! In der Spielecke wird ein Klassiker aufgeführt: «Mami und Papi». Dakota hat sich auf dem Sofa mit einer Decke zugedeckt, denn sie ist das Kind. Die Eltern stehen in der Spielküche, hantieren mit dem Holzgemüse. Zu Tisch! Die Stoffkatze muss mitkommen, sie isst Dakota alles weg, njam, njam. «Und was gibt es für mich?», fragt das Mädchen. Dann klingt ein Gong, Igor hat ihn schlagen dürfen, er schaut wichtig in die Runde. Alle stoppen ihr Spiel, verschränken die Arme, sind ganz still. «Ufruume, d Ziit isch ume.»

Die Räbeliechtli-Umzüge von Schaffhausen fanden dann doch noch statt. Ein paar Eltern übernahmen, improvisierten, schnitzten Räben. Es ging schon. Es brauchte einfach Zeit.

* alle Kindernamen geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2017, 23:45 Uhr

Jacqueline Wendle, Kindergärtnerin

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