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Alkohol schlägt auch aufs Gehirn

Wer immer wieder zu viel trinkt, erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, später an Demenz zu erkranken. Helfen könne nur Prävention – und eine höhere Steuer auf alkoholische Getränke.

Unterschätztes Demenzrisiko: Alkoholgenuss ist schädlicher fürs Gehirn als bisher angenommen.
Unterschätztes Demenzrisiko: Alkoholgenuss ist schädlicher fürs Gehirn als bisher angenommen.
Ingo Wagner, Keystone

Raucher erhöhen mit ihrem Verhalten das Risiko, Lungenkrebs zu bekommen. Das weiss jedes Kind. Dass es auch einen Zusammenhang gibt zwischen Alkohol und Demenz, ist in der Öffentlichkeit weit weniger bekannt. Eine der grössten Studien zu diesem Thema kommt nun zum Schluss: Starker Alkoholkonsum wird als Risikofaktor für Demenz deutlich unterschätzt. «Alkohol sollte als einer der Hauptrisikofaktoren für alle Arten von Demenz anerkannt werden», fordert Michaël Schwarzinger von der Universität Paris Diderot und Mitautor der Studie, die kürzlich im Fachblatt «Lancet Public Health» erschienen ist.

Dreifach erhöhtes Risiko

In ihrer landesweiten Beobachtungsstudie werteten die Forscher die Krankenakten von mehr als 31 Millionen Franzosen aus, die zwischen 2008 und 2013 in französischen Krankenhäusern behandelt worden waren. Die Daten zeigen: Männer oder Frauen, die regelmässig viel Alkohol trinken, haben ein dreifach höheres Risiko, an einer Demenz zu erkranken als der Durchschnitt. Bei jenen, die früh an einer Demenz erkranken, also vor dem 65. Lebensjahr, tranken mehr als die Hälfte, nämlich 57 Prozent, regelmässig viel Alkohol.

Männer sind gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) «chronisch starke Trinker», wenn sie täglich 60 Gramm oder mehr puren Alkohol zu sich nehmen. Für Frauen gilt bereits ein Wert von 40 Gramm. Für Männer entspricht das rund 0,6 Liter Wein oder 1,5 Liter Bier pro Tag und für Frauen 0,4 Liter Wein und etwa 1 Liter Bier. Mit den Auswirkungen des Alkoholkonsums auf das Gehirn haben sich bereits mehr als hundert Studien befasst.

Etwa zwei Drittel der Betroffenen erkranken an Alzheimer, der mit Abstand häufigsten Demenzform.

«Dass Alkohol ein Gesundheitsrisiko darstellt, ist nicht neu. Abhängig von der zugeführten Menge und möglichen Begleiterkrankungen hat Alkohol schädliche Wirkungen auf verschiedene Organe wie das zentrale Nervensystem, das Herz-Kreislauf-System oder die Leber», sagt Paul Gerson Unschuld, stellvertretender Chefarzt und Leiter des Zentrums für demenzielle Erkrankungen und Altersgesundheit an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Hirnzellen werden geschädigt

Denn das beim Alkoholabbau in der Leber entstehende Stoffwechselprodukt Acetaldehyd – das auch für den bekannten Kater verantwortlich ist – ist ein Zellgift. Trinkt man dauerhaft zu viel, kommt der Körper mit der Alkoholneutralisation nicht mehr nach, und die Gehirnzellen werden nachhaltig geschädigt. Für den leichten bis moderaten ­Alkoholkonsum variieren die Studienergebnisse allerdings: Einige fanden sogar günstige Effekte auf die Hirnfunktion im Alter, andere zeigten, dass Hirnstrukturen bereits bei mässigem Konsum geschädigt werden. Die grosse Frage lautet also: Wie viel Alkohol darf man trinken, ohne dass er schadet?

«Das lässt sich nicht pauschal beantworten», sagt Experte Unschuld, «Die identische Menge Alkohol kann eine unterschiedliche Wirkung haben – je nachdem, wer sie trinkt. Jemand, der ­gesund ist und viel Sport treibt, hat ein anderes Risikoprofil als jemand, der raucht, übergewichtig ist und unter hohem Blutdruck leidet.»

Hinzu kommt, dass Alkohol das Demenzrisiko auch indirekt steigern kann. «Gut etabliert ist etwa der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und erhöhtem Blutdruck. Und ein dauerhaft erhöhter Blutdruck im mittleren Lebensalter ist ein wichtiger Risikofaktor für eine spätere Demenzerkrankung», erklärt Unschuld. So schädigt ein hoher Blutdruck die Blutgefässe, was das Risiko für eine vaskuläre Demenz erhöht, die auf Durchblutungsstörungen im Gehirn beruht.

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Bilder: Vorzeigeheim für Demenzkranke

Diese Sitz- oder Liegemöglichkeiten spielen in der Sonnweid eine wichtige Rolle. Sie befinden sich nicht nur in den Aufenthaltsräumen, sondern auch in den Gängen, dort, wo sich das Leben abspielt. Fotos: Doris Fanconi
Diese Sitz- oder Liegemöglichkeiten spielen in der Sonnweid eine wichtige Rolle. Sie befinden sich nicht nur in den Aufenthaltsräumen, sondern auch in den Gängen, dort, wo sich das Leben abspielt. Fotos: Doris Fanconi
Ein Ehepaar, das gleichzeitig eine Demenz hat und das Glück, zusammen im gleichen Heim zu leben.
Ein Ehepaar, das gleichzeitig eine Demenz hat und das Glück, zusammen im gleichen Heim zu leben.
Jede dieser Skulpturen erinnert an einen Menschen, der im Heim gestorben ist. Die Demenzberoffenen haben sie beim Eintritt ins Heim aus rohem Lehm mit eigenen Händen geformt.
Jede dieser Skulpturen erinnert an einen Menschen, der im Heim gestorben ist. Die Demenzberoffenen haben sie beim Eintritt ins Heim aus rohem Lehm mit eigenen Händen geformt.
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«Sehr wahrscheinlich erhöht auch schon ein moderater Alkoholkonsum das Demenzrisiko», sagt Schwarzinger. In Anbetracht der alternden Gesellschaften und den teils dramatischen Folgen von Demenzerkrankungen müsse man den Zusammenhang dringend besser ­erforschen. Bei einer Demenz sterben massenweise Nervenzellen im Gehirn, was zu schweren Gedächtnis- und Denkstörungen führt. Etwa zwei Drittel der Betroffenen erkranken an Alzheimer, der mit Abstand häufigsten Demenzform.

Heilbar ist bislang keine der Erkrankungen. «In Fachkreisen gibt es aber grosse Hoffnung, dass jüngste Fortschritte in der Forschung dereinst zu Medikamenten führen werden, mit denen neurodegenerative Erkrankungen behandelt werden können», sagt Unschuld.

Prävention die einzige Chance

Bis es aber so weit ist, kann man nur versuchen, die Risikofaktoren zu meiden. Aus diesem Grund fordern Schwarzinger und die anderen Studienautoren gesundheitspolitische Massnahmen wie etwa Werbeverbote, höhere Steuern auf Alkohol und eine geringere Verfügbarkeit alkoholischer Getränke. Ausserdem empfehlen die Wissenschaftler den Ausbau von Präventionsmassnahmen: Hausärzte und die Öffentlichkeit müssten für das Thema stärker sensibilisiert werden, um Menschen über die Folgen von übermässigem Alkoholkonsum zu informieren und im Idealfall zu schützen.

«Würde man die Alkoholsteuern im gleichen Masse anheben wie die für ­Tabak», ist Schwarzinger überzeugt, «würde man feststellen, dass Demenzerkrankungen später beginnen und die Menschen länger leben.»

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