Als Zürich die Revolution probte

Heute vor 100 Jahren erlebte Zürich die blutigste Nacht der jüngeren Geschichte: Die Novemberkrawalle. Sie waren die Vorboten des Landesstreiks vom Herbst 1918.

Bis zum Generalstreik waren Truppen in Zürich: Kavallerie auf dem Paradeplatz, 1918. Foto: Adolf Moser (Keystone, Fotostiftung)

Bis zum Generalstreik waren Truppen in Zürich: Kavallerie auf dem Paradeplatz, 1918. Foto: Adolf Moser (Keystone, Fotostiftung)

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In Europa herrschte Krieg, in Russland Revolution. Die Welt war im November 1917 aus den Fugen geraten. Auch in Zürich. Krieg und Umsturz waren hier zwar nicht direkt präsent, indirekt wirkten sie aber mit Wucht: Am 17. November kam es zu einer Entladung, die vier Todesopfer und dreissig teils schwer Verletzte forderte. Nie mehr seither erlebte Zürich eine so blutige Nacht.

Am Anfang der Novemberkrawalle stand eine Sympathiekundgebung für die russischen Revolutionäre. Eine Gruppe von Pazifisten um den legendären Friedensapostel Max Dätwyler hatte dazu aufgerufen, sich am 15. November auf dem Helvetiaplatz zu versammeln. Es kamen freilich nicht nur Dätwylers Pazifistenfreunde, sondern auch die Anhänger der sozialistischen Jugendorganisation. Gegründet von Paul Pflüger, Pfarrer, später SP-Stadtrat und Urgrossvater des amtierenden Zürcher FDP-Stadtparteipräsidenten Severin Pflüger, hatte sich die Jugendorganisation unter dem Einfluss des deutschen Emigranten Willi Münzenberg radikalisiert. Münzenberg kehrte nach dem Krieg zurück in die Heimat und erlebte in der Weimarer Republik eine glanzvolle Karriere als linker Medienmogul.

Der Erfolg der russischen Revolutionäre hatte im Zürcher Linksaussenlager die Stimmung zum Vibrieren gebracht. Nicht wenige kannten Lenin persönlich. Gerade Münzenberg hatte sich intensiv mit dem Genossen von der Spiegelgasse ausgetauscht, solange dieser dort gelebt hatte. Fraglos traf Dätwyler den Nerv seines Publikums, wenn er referierte. Es nütze nichts, die Taten der russischen Revolutionäre bloss zu bewundern. Es gehe nun darum, selbst zur Tat zu schreiten. Dätwyler gab auch gleich vor, was als Erstes zu tun sei: die Munitionsfabriken «kaltstellen».

Gesagt, getan: Rund 1000 Demonstranten machten sich, die Internationale singend, auf den Weg zu den Munitionsfabriken Scholer & Co an der Zentralstrasse und Leroi & Co am Stauffacherquai. Die Drohkulisse der Manifestierenden war offensichtlich imposant: Die Fabrikchefs stellten die Arbeiten ein und schickten die Arbeiter nach Hause.

Belagertes Bezirksgebäude

Tags darauf folgte die Fortsetzung. Wiederum besammelte man sich auf dem Helvetiaplatz. Dätwyler stieg auf den Brunnen, rief zu Dienstverweigerung und Revolution auf – doch diesmal reagierte die Polizei rasch, holte den Apostel vom Brunnen und verhaftete ihn. Mit der Konsequenz, dass die Eskalation ihren Lauf nahm. Schon die Verhaftung war von Tumultszenen begleitet. Steine kamen geflogen, als die Polizei Dätwyler abführte. Am Tag danach ging es mit einer Solidaritätsversammlung für den Verhafteten weiter – wobei nun nicht mehr mehrere Hundert, sondern mehrere Tausend Personen erschienen. Die Stimmung, so notierte später der Staatsanwalt, der die Vorfälle zuhanden des Regierungsrats rapportieren musste, sei «äusserst erregt» gewesen.

Entsprechend verlief der Abend. Die Demonstrierenden belagerten das Bezirksgebäude an der Badenerstrasse, in dem sie (irrtümlich) Dätwyler vermuteten. Das Gebäude sei mit Steinen beworfen worden, «Beschimpfungen gemeinster Art» seien gefallen, hielt der Staatsanwalt fest. Die Belagerer liessen keinen Zweifel daran, dass sie nur darauf warteten, die Anlage stürmen und Dätwyler befreien zu können.

Gegen 21.30 Uhr fiel der erste Schuss. Wer ihn abgefeuert hatte, ist bis heute unklar, es kann ein Polizist gewesen sein, aber wahrscheinlicher ist, dass es ein Demonstrant war. Gesichert ist, dass nun eine Schiesserei einsetzte, «von Zeit zu Zeit zu richtigen Feuergefechten anwachsend» (O-Ton Staatsanwalt). Anfangs standen sich Polizei und Demonstranten gegenüber, später am Abend griffen auch die in der Zwischenzeit aufgebotenen 100 Landsturm- und 80 Mitrailleur-Soldaten ins Geschehen ein.

Die Kugeln trafen eine junge, komplett unbeteiligte Frau, einen Polizisten und einen Demonstranten tödlich. Beim vierten Toten ist unklar, ob er mit Absicht oder zufällig vor Ort war. Unter den 30 Verletzten waren 11 Polizisten. 112 Personen wurden verhaftet.

Die Angst vor dem Aufstand

Fast exakt ein Jahr liegt zwischen den Zürcher Novemberunruhen und dem Landesstreik vom November 1918. Letzterer ist für die Schweizer Linken bis heute ein identitätsstiftendes Ereignis –entsprechend üppig dürften im kommenden Jahr die Erinnerungsfeierlichkeiten ausfallen. Umso mehr lohnt sich vor diesem Hintergrund der Blick auf die Novemberunruhen. Denn in mehrfacher Hinsicht gilt: Was im November 1918 den mächtigen, landesweiten Streik charakterisierte, war schon im November 1917 sichtbar.

Zum Beispiel die Revolutionsangst. Sie war in bürgerlichen Kreisen und in der Armeeführung gross – «ganz besonders, nachdem die Revolutionäre in Russland Erfolg gehabt hatten», sagt der Historiker Tobias Straumann. Die Novemberkrawalle waren sozusagen die erste Regung der Schweizer Revolutionsenthusiasten nach dem Umsturz in Russland. Dass es dabei zu tödlichen Schüssen kam sowie der Umstand, dass es die Protestierenden auf die Munitionsfabriken abgesehen hatten, dürften Armeeführung und bürgerliche Elite in der Überzeugung bestärkt haben: Die Situation ist gefährlich, die Revolutionsgefahr keine Einbildung.

Die tödlichen Schüsse bestärkten die Armee und die bürgerliche Elite in der Überzeugung: Die Situation ist gefährlich.

Diese Gefühlslage hielt bis über den Generalstreik im November 1918 an. Nach Ansicht von Historiker Straumann war die Revolutionsangst mit ein Grund für das unnachgiebige Verhalten der politischen und militärischen Elite im Vorfeld des Generalstreiks.

Dass der militärische Ordnungseinsatz im Rahmen der Novemberkrawalle Auftakt eines militärischen Langzeit­engagements war, ist vor diesem Hintergrund bezeichnend. Bis und mit Generalstreik hielten sich fortan Truppen in der Stadt Zürich auf. General Ulrich Wille hatte den Fall Zürich zur Chef­sache erklärt. Auch das zeigt, wie sehr die Novemberkrawalle das Personal der bürgerlichen Schweiz erschreckt hatten.

Linke Uneinigkeit

Exemplarisch für jene Ära waren auch die Konflikte innerhalb der linken Kräfte, die sich im November 1917 manifestierten – sie prägten ebenso die inner-linken Auseinandersetzungen im Rahmen des Landesstreiks. Die sozialdemokratische Führung lehnte das Vorgehen der radikalen, vor Gewalt nicht zurückschreckenden, vorwiegend jungen Kräfte ab. Die offizielle SP betonte dementsprechend nach den Novemberkrawallen, sie habe «mit den Leuten, die zu jenen Ansammlungen einluden, keine Gemeinschaft».

Christian Koller, Historiker und Leiter des Schweizerischen Sozialarchivs, erwähnt andere, ähnlich gelagerte Fälle, etwa eine grosse, dem Protest gegen die Teuerung gewidmete Kundgebung vom Sommer 1917 in Zürich: «Während die ­arrivierten SP-Exponenten gesittet demonstrierten, warfen die radikalen Jungen beim Baur au Lac die Fenster ein.» Dass Unruhe und Anspannung in der Bevölkerung immer grösser wurden, lag wesentlich am Kriegsüberdruss. Laut Jakob Tanner, dem emeritierten Zürcher Geschichtsprofessor, hatte dieser Überdruss namentlich in den sozialen Bewegungen, die mit zunehmender Kriegsdauer immer mehr Anhänger fanden, ein explosives Ausmass erreicht.

Gleichzeitig gibt Tanner zu bedenken, dass gerade die innerlinken Konflikte den Zusammenhang von Novemberkrawall und Generalstreik auch relativieren. Selbst wenn die Krawalle von 1917 viele Elemente enthielten, die ein Jahr später ebenso den Landesstreik prägten – ein Vorbild waren sie für die Anführer des Generalstreiks mitnichten. Vielmehr lehnten Streikführer Robert Grimm und andere sogenannte Zentristen Putschmethoden ab. Krawalle hielten sie für kontraproduktiv.

Zudem, so Historiker Tanner, war der Landesstreik vom Herbst 1918 «massgeblich inspiriert durch die Generalstreikdebatte, die ab 1900 lief». Er hatte also eine Vorgeschichte, die viel weiter zurückreichte als in den November 1917.

Was nichts daran ändert, dass Zürich heute vor 100 Jahren eine Nacht erlebte, die zu Unrecht fast vergessen ist: Die Revolution, die damals ein paar Tausend Kilometer östlich frische Realität war, wurde hier – erfolglos – geprobt.

Heute Freitagabend (19 Uhr) findet in der Kirche St. Jakob am Stauffacher eine Veranstaltung zum Gedenken an die Novemberkrawalle statt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2017, 20:47 Uhr

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