«Unsere Generation hat andere Statussymbole als Boni»

Die Autorin Steffi Burkhart erklärt, wie ihre Generation tickt und warum sie sich nicht mit Geld ködern lässt. So geraten die Jungen von heute mit der klassischen Arbeitswelt in Konflikt.

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Sie gelten als Sprachrohr der Generation Y, also der 20- bis 35-Jährigen. Mal ehrlich: Ist dieses ganze Generationen-Getue nicht ein bisschen aufgebauscht?
Ich bin kein Freund von Schubladendenken und finde, dass wir unbedingt differenzieren müssen: Was ist aufgebauscht und was nicht? Nicht alle Vertreter einer Generation sind und verhalten sich gleich. Trotzdem gibt es – mit der soziologischen Brille betrachtet – Einflussfaktoren, die auf eine gesamte Generation einwirken.

Was unterscheidet die Generation Y denn konkret von den anderen Generationen?
Wir sind die erste Generation, die in der digital vernetzten Welt aufgewachsen ist. Das beeinflusst unser Denken und Handeln. Beispielsweise resultiert daraus eine ganz neue Wir-Kultur: Co-Working, Share-Economy, das sind Schlagwörter unserer Generation. Wir wollen in Projekten im Team zusammenarbeiten. Einzelkämpfer werden immer weniger. Gleichzeitig streben wir nach Individualismus. Wir sind die erste Generation, die in einer Zeit der Multioptionalität aufwächst. Zickzack-Lebensläufe sind zur Normalität geworden, ein Aufstieg auf der Karriereleiter ist nicht mehr das oberste Ziel. Schliesslich wurden wir von unseren Eltern demokratisch erzogen. Wir wollen uns daher auf Augenhöhe austauschen. Das alles führt in der konservativ geprägten Arbeitswelt zu Spannungen.

Werden Generationenunterschiede nicht zu sehr zelebriert?
Die Spannungen bestehen nicht zwischen den Menschen. In der Freizeit kommen Alt und Jung ja auch wunderbar miteinander zurecht. Aber im Berufskontext treffen verschiedene Glaubenssätze, Paradigmen, Werte und Gewohnheiten aufeinander. Babyboomer haben zum Beispiel eingetrichtert bekommen: erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wir finden: Warum können wir nicht beides auf einmal erleben?

Ihrer Generation werden allerhand negative Attribute zugeschrieben. Welche sind Vorurteile?
Dass wir keine Verantwortung übernehmen wollen, dass wir Weicheier seien, respektlos, faul, nicht arbeiten wollen und nur unseren Spass haben wollen. Aber auch wir haben als Generation ein paar Schwachstellen. Wir tun uns manchmal schwer damit, negative Kritik anzunehmen. Unsere Aufmerksamkeit lässt schneller nach. Viele Jungen haben nicht gelernt, die Zähne zusammenzubeissen und an etwas dranzubleiben. Man sagt, wir hätten Schwierigkeiten, Gestik und Mimik unseres Gegenübers gut zu interpretieren, weil wir immer digital kommunzieren und es uns deswegen an zwischenmenschlicher Intelligenz fehlt.

Könnte das alles zum Problem werden, wenn Ihre Generation beruflich am Drücker ist?
Das ist eine Sache, von der ich noch nicht so genau weiss, wo sie hinführen wird. Wir haben zwar die einen, die sich nicht anstrengen wollen oder können, auf der anderen Seite sind wir die ­leistungsorientierteste Generation aller Zeiten.

Wie kommen Sie denn auf diese Idee?
Weil es noch nie so viele gut ausgebildete junge Leute gegeben hat, weil es noch nie so viele gegeben hat, die so viele Praktika gemacht und Auslandserfahrungen gesammelt haben.

Die Frage ist bloss, ob diese Entwicklung bewusst passiert ist.
Natürlich werden wir dazu getrieben. Wir spüren einen enormen Leistungsdruck. Die Nachfrage an psychologischer Unterstützung ist viel grösser geworden, die Burn-out-Rate nimmt unter den jungen Leuten deutlich zu. Trotzdem denke ich, dass es eine bewusste Entscheidung ist, ob man sich mit Praktika zuballern will. Viele der Generation Y sind behütet aufgewachsen, unsere Eltern haben uns eine Welt erklärt, in der wir alles erreichen können, was wir uns vornehmen. Dieser Hintergrund ist wichtig, um unsere Generation zu verstehen. Die Gefahr ist trotzdem, dass wir diejenigen, die den Erwartungen nicht entsprechen, im System verlieren.

Die Generation Y ist also gespalten?
Ja, und die Kluft wird immer grösser. Die eine Hälfte möchte sich selbst verwirklichen und horizontal Karriere machen, manche von ihnen innerhalb einer Festanstellung, manche lieber freiberuflich. Ein Viertel der jungen Menschen hat aber Angst vor der Zukunft und das Gefühl, nicht mehr mitzukommen. Die Übrigen unterwerfen sich dem bisherigen Leistungsanspruch.

Die Babyboomer werden demnächst pensioniert, die Unternehmen müssen sich um Ihre Generation bemühen. Die Ansprüche sind aber hoch. Sie wollen flexible Jobs, keine acht Stunden arbeiten, Sie möchten mitreden und hinterfragen.
Nicht alle jungen Leute streben danach, ihren Arbeitsalltag flexibel zu gestalten. Gerade die, die sicherheitsbedürftig sind, wollen Arbeit und Freizeit strikt trennen. Andere wollen eine Work-Life-Blending-Situation und im Optimalfall selbst entscheiden, wie sie ihren Tagesablauf organisieren. Wenn man die Forderungen herausfiltert, merkt man vielleicht, dass es gar nicht so viele sind. Die jungen Leute sind gerne bereit, Kompromisse einzugehen. Und sie sind vor allem bereit, Leistungen zu erbringen.

Unter welchen Bedingungen sind sie dazu bereit?
Sie müssen Freude an der Arbeit haben. Die intrinsische Motivation spielt heute eine viel wichtigere Rolle. Früher konnte man die Leute mit extrinsischen Antreibern wie Boni beeinflussen. Uns ist das jedoch nicht so wichtig. Arbeit ist weniger das traditionelle Arbeitenmüssen, sondern vielmehr das Arbeitenwollen und Arbeitenkönnen. Die neuen Statussymbole sind softe Werte wie eine gute Arbeitsatmosphäre, funktionierende Teamarbeit, flexible Arbeitszeiten und Arbeitsorte, auch Möglichkeiten zur Weiterbildung. Die Kunst besteht darin, auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen.

Wird diese Generation die Arbeitswelt grundlegend verändern?
Junge Menschen sind immer ein Treiber von neuen Entwicklungen, auch für einen Kulturwandel in der Arbeitswelt. Es ist aber zu einseitig, wenn man nur darauf schaut, wie wir Jungen ticken. Es ist ein komplexes Thema, deshalb muss man es aus mehreren Richtungen betrachten. Die Arbeit verändert sich, Routinearbeiten werden von Computern übernommen, die Leistung der Menschen lässt sich nicht mehr nur über Ergebnisse beurteilen. Auch Kreativität wird immer wichtiger, um Probleme lösen zu können. Wer kreativ arbeiten will, muss auch seine rechte Hirnhälfte aktivieren. Aber das funktioniert nur, wenn man auch Bock auf seinen Job hat.

Gibt es auch Eigenschaften der Babyboomer, die Sie Ihrer Generation wünschten?
Ich finde, junge Leute sollten besser lernen, was es heisst, ehrgeizig zu sein und eine Frustrationstoleranz zu entwickeln. Diszipliniert zu sein, durch anstrengende Phasen durchzugehen und daraus zu lernen, ist wichtig. Ausserdem sollten sie respektvoller mit Menschen umgehen, obwohl es hier wieder um die Augenhöhe geht. Gehen der Chef und der Kollege respektvoll mit uns um, geben wir das auch gerne zurück. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2016, 19:01 Uhr

Steffi Burkhart

Buchautorin

Steffi Burkhart (30) ist Autorin von «Die spinnen, die Jungen! – Eine Gebrauchs­anweisung für die Generation Y». Sie ist professionelle Speakerin, Beraterin und Autorin zum Thema Generation Y im Beruf. Heute spricht sie in Horgen an der Konferenz «Speed, Action: Results! Generation Y» der Non-Profit-Organisation Euforia.

euforia.org
steffiburkhart.com

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