Auf den Spuren der Bürgerrechtsbewegung

Sowohl in Atlanta als auch in Savannah im US-Bundesstaat Georgia ist die afroamerikanische Geschichte sehr präsent, wenn auch auf unterschiedliche Art.

«A city too busy to hate»: Atlanta.

«A city too busy to hate»: Atlanta.

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Einst nannte man Atlanta «a city too busy to hate», eine Stadt zu beschäftigt, um zu hassen. Das war bereits vor der Bürgerrechtsbewegung, als in den Südstaaten Schwarz und Weiss noch weitgehend getrennt lebten. Nur in der Metropole des Bundesstaates Georgia gabs bereits einen lebhaften afroamerikanischen Mittelstand wie kaum sonst wo in den USA. Dies und vieles anderes zur afroamerikanischen Geschichte erfährt, wer möchte, an zahlreichen Plätzen in Atlanta.

Vom Hartsfield-Jackson Airport südlich der Stadt, dem am meisten frequentierten Flughafen der Welt, erreicht der Feriengast Midtown nach einer zwanzigminütigen Autofahrt. Die Anreise auf dem sechsspurigen Highway ist ein erster Hinweis darauf, dass diese Stadt nicht in erster Linie für Fussgänger gebaut ist – zumindest nicht in einem europäischen Sinn. Dies bestätigt auch die Aussage des Réceptionisten im Hotel Indigo, beim bekannten Fox Theatre, das zwischen Downtown und Midtown liegt: «Ein Abendspaziergang durch Downtown sollten sie nachts nicht unternehmen.»

Zu Fuss neben der Autostrasse

Der erste Eindruck der Stadt bewahrheitet sich am nächsten Morgen. Nicht nur, weil keine anderen Fussgänger unterwegs sind. Der Tourist wird bei seinem Spaziergang durch Downtown, einem typisch amerikanischen Hochhausquartier mit wuchtigen Hotels, Sportstätten und einer technischen Uni, rasch auf schmalen Gehsteigen entlang mehrspuriger Schnellstrassen geführt.

Ziel des Marsches ist das Civil Rights Museum mitten in Downtown, nur einen gepflegten Rasen entfernt von den Touristenmagneten World of Coca-Cola und Georgia Aquarium. Bei diesen beiden ist die Schlange vor den Eingängen deutlich grösser als vor dem 2014 erbauten, von braunen Stahlplatten ummantelten Glasbau des Bürgerrechtsmuseums. Nachdem der Gast die 19 Dollar Eintritt bezahlt und einen Metaldetektor durchgequert hat, findet er sich in einer lebendigen Geschichtslektion wieder. Über drei Stöcke zieht sich die Ausstellung zur Bürgerrechtsbewegung hin. In Atlanta, der Heimatstadt und Wirkungsstätte von Martin Luther King Jr., hatte sie eines ihrer Zentren.

Lebensgefährliche politische Kleinstarbeit

Von den Anfängen, als im Süden noch Segregation herrschte, zieht sich die Ausstellung bis in die Gegenwart. Einprägsam veranschaulicht sie die oft lebensgefährliche politische Kleinstarbeit Tausender Freiwilliger. An einem Ausstellungspunkt setzt sich der Gast mit Kopfhörern der Hassrede von Polizisten aus. Die Hände legt er dabei flach auf die Tischplatte, genauso wie jene, die in den 1950er-Jahren gewaltlosen Widerstand geleistet hatten. Wer am längsten bei den harschen Worten ausharrt, gewinnt. Das grossartige Museum zieht auch ein Resümee: Auf einer Tafel sind die emanzipatorischen Bemühungen zusammengefasst, die bis in die Gegenwart wirken – oder eben nicht.

An der Auburn Avenue, dem ehemaligen Zentrum des afroamerikanischen Lebens in Atlanta, zeugen Tafeln von der vergangenen Zeit. In diesem schmucken Einfamilienhausquartier steht das Geburtshaus von Martin Luther King Jr. Rund um die Gedenkstätte mit Museum präsentiert sich an diesem Samstag im November allerdings ein trostloses Bild. Viele Obdachlose sind auf der Strasse, aus alten Boxen scheppert die berühmte Freedom Speech. Ein Schild weist die Besucher darauf hin, dass Waffen im Museum verboten sind. An einem Laternenpfahl ausserhalb der berühmten Ebenezer Baptist Church klebt ein Flugblatt. Dieses erinnert an einen von Polizisten verübten Mord im Jahr 2014; sie erschossen eine wehrlose, dunkelhäutige Frau in ihrem Auto. Hoffnungsvolle Vergangenheit und brutale Gegenwart begegnen sich hier ganz direkt. Der Tourist passiert wenig später einen wunderbaren Souvenirladen. Und sieht die erste Feuerwehrstation der Stadt, in der Schwarze arbeiten durften.

Wo Kriegswitwen kochten

Das typische Essen, etwa frittiertes Huhn und Bohnen, gibt es nach einem zwanzigminütigen Spaziergang entlang der Auburn Avenue. Im Krog City Market, einer zum Food-Mekka umgebauten ehemaligen Industriehalle, bieten Händler an ihren zahlreichen Ständen diverse Gerichte an. Von hier aus lässt sich später auch die Belt Line entlanggehen: Die zum Spazierweg hergerichteten ehemaligen Gleise deuten auf die Bemühungen der Stadt hin, Atlanta doch noch für Fussgänger und Velofahrer attraktiv zu machen. Die Wohnungen seien hier besonders teuer, erklären Einheimische. Kein Wunder:Die Gegend ist ruhig und beschaulich.

Zurück nach Midtown gehts mit dem Taxi. In Mary Macs Tea Room lässt sich vorzügliche Südstaatenküche kosten. Das Restaurant mit dem Namen Atlanta’s Dining Room ist übervoll. Afroamerikanische Kriegswitwen hatten es nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet; international bekannt wurde es durch die Serie «The Real House­wives of Atlanta», in der es eine Rolle spielte. Einfache Bohnengerichte, Macaroni and Cheese oder Chicken werden aufgetischt. Hier – wie auch in anderen Restaurants der Stadt – lässt sich erahnen, wie Schwarz und Weiss den Alltag in Atlanta bestreiten. Einwohnermässig halten sie sich in etwa die Waage. Man ahnt, was mit «a city too busy to hate» gemeint war: Geschäftigkeit überwindet Trennung. Jeder ist seines eigenen Glücks Schmied. Dasselbe gilt nachts für die Bars und Parks in den Quartieren rund um Midtown. Dunkelhäutige Transgender-Frauen oder Stripperinnen über siebzig – etwa in der stadtbekannten Clermont Lounge – stören niemanden.

Südstaatenküche in Dutzenden kleinen Schüsseln

Rund vier Autostunden von Atlanta entfernt liegt Savannah, eine pittoreske Stadt an der Atlantikküste. Sie präsentiert ein ganz anderes Bild der Südstaaten. In Mrs Wilkes Dining Room etwa, einem sehr beliebten Restaurant, wird wiederum typische Südstaatenküche in Dutzenden kleinen Schüsseln aufgetischt, doch Afroamerikaner sind unter den Gästen an diesem Nachmittag keine auszumachen – umso mehr dagegen bei der Bedienung. Dasselbe Bild zeigt sich in den schmucken, europäisch anmutenden Cafés an der Bull Street, der von wuchernden Parks, Herrenhäusern und Kirchen gesäumten Hauptstrasse.

Anderes Tempo: PFerdekutsche in Savannah. (Bild: Getty Images)

Wer eine Führung bei Sister V., einer ehemaligen Journalistin und Bürgerrechtsaktivistin, bucht, lernt Savannah von einer anderen Seite kennen. Eloquent berichtet die in Tücher gekleidete Touristenführerin von den wöchentlichen Märkten vor dem Gerichtsgebäude, auf denen vor etwas mehr als 150 Jahren Sklaven verkauft wurden. Die zweistündige Tour führt vorbei an den Katakomben, in denen einst die Menschen wie Vieh untergebracht waren, und endet am schmucken Hafen. Dort steht die einzige Statue in Savannah, die an die Sklaverei erinnert – während Hunderte Denkmäler in der ganzen Stadt vom Bürgerkrieg zeugen. Ob Rassismus in Savannah heute noch Thema sei, fragt einer aus der Gruppe. «Im Norden begegnen sich Schwarz und Weiss als Gruppen, im Süden als Menschen», sagt Sister V. Man ist besänftigt.

Im Gegensatz zu Atlanta ist Savannah für Fussgänger gebaut worden. Nachts leuchtet aus den gut gefüllten Restaurants und Bars in den viktorianischen Strassenzügen das Licht. Virginia-Eichen, die für die Südstaaten typischen Bäume, an deren Ästen Flechten hängen, vermitteln einen angenehm gespenstischen Eindruck.

«Trump» steht am Strassenrand

Je weiter man im Bundesstaat Georgia übers Land fährt, umso deutlicher erscheint die Trennung zwischen Schwarz und Weiss. Auf den Golden Isles, einem in wunderschöne Natur gebetteten ehemaligen Plantagenland, sind ausschliesslich weisse Amerikaner anzutreffen. Die Reiseleitung will dabei den europäischen Gästen aber das Thema Sklaverei nicht vorenthalten. Sie zeigt ihnen einst von Sklaven bewohnte Hütten in riesigen Feldern. An den Strassenrändern mitten im Bundesstaat, auf dem Weg zurück nach Atlanta, sieht der Reisende Trump-Schilder. Die zeigen ein ganz anderes Amerika.

Die Reise wurde unterstützt vom Georgia Department of Economic Development. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2017, 19:28 Uhr

Atlanta und Savannah

Tipps und Infos

Anreise: Direkte Flüge von Zürich nach Atlanta gibt es nicht. Airlines wie Air France, KLM oder Delta legen einen Stopp ein.

Reiseveranstalter: Kuoni, Travelhouse, TUI Suisse, Knecht Reisen

Übernachten: Atlanta: Hotel Indigo, www.hotelindigo.com, gut gelegenes, ­günstiges Hotel direkt gegenüber dem Fox Theatre. Savannah: Embassy Suites by Hilton ­Savannah,www.embassysuites3.hilton.com, luxuriöses amerikanisches Hotel in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt.

Museen: Civil Rights Museum, www.civilandhumanrights.org; Martin Luther King’s Historical Site, www.nps.gov/malu. Stadtrundgänge Savannah: www.visitsavannah.com

Allgemeine Infos: www.exploregeorgia.org

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