Bekenntnisse eines Rufmörders

Er allein habe den Niedergang des Finanzdienstleisters AWD zu verantworten, schreibt ein Ex-Mitarbeiter in einem Buch, und schädigt gleich auch die Reputation von Journalisten.

Dürfte vom Buch profitieren: AWD-Gründer Carsten Maschmeyer wird als Medien-Opfer dargestellt. Foto: Peter Kleunzer (Keystone)

Dürfte vom Buch profitieren: AWD-Gründer Carsten Maschmeyer wird als Medien-Opfer dargestellt. Foto: Peter Kleunzer (Keystone)

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Als «dramatische Enthüllungsgeschichte der grössten Rufmordkampagne der Wirtschaftsgeschichte» kündigt der Verlag das Buch an. Auch der Titel hat es in sich: «Mein Auftrag: Rufmord» ist die Beichte des 46-jährigen Hamburger Versicherungskaufmanns Stefan Schabirosky, der behauptet, er habe aus Rache den Allgemeinen Wirtschaftsdienst (AWD) so lange diskreditiert, bis dessen Besitzer Carsten Maschmeyer entnervt aufgegeben und sein Finanzdienstleistungsunternehmen an Swiss Life verkauft habe. Selbst der Name AWD war so belastet, dass er von den Schweizern durch Swiss Life Select ersetzt wurde. Das Buch sorgt für Aufregung in Deutschland, geht es doch indirekt wieder einmal um das Schlagwort «Lügenpresse»: Journalisten hätten sich instrumentalisieren lassen, ist die Botschaft des Buches, weil ihnen die Schlagzeilen wichtiger als der seriöse Faktencheck gewesen seien.

Tatsächlich wurden in deutschen, österreichischen und Schweizer Medien – auch im «Tages-Anzeiger» – immer wieder Vorwürfe gegen den AWD erhoben, die sich auf Aussagen von Kunden und ehemaligen Mitarbeitern stützten: Anleger sollen nicht neutral beraten, sondern zum Kauf hochriskanter Produkte gedrängt worden sein. Viele verloren dabei einen Teil oder ihr ganzes Vermögen. AWD-Gründer Carsten Maschmeyer zählt heute noch zu den reichsten Deutschen, seine Reputation hat allerdings gelitten. Buchautor Schabirosky schreibt von einem «medialen Meisterstück»: Er allein habe den Ruf von Maschmeyer und AWD zerstört.

Rache nach der Kündigung

Schabirosky war selbst Finanzberater bei AWD. Nach einem Konflikt wurde er gefeuert und diente sich aus Rache der Konkurrenzunternehmen DVAG (Deutsche Vermögensberatung) an. Für die Rufmordkampagne habe er von der DVAG einen Beratervertrag und 6000 Euro monatlich bekommen, schreibt er. Dafür bastelte er eine Anti-AWD-Homepage, zeigte AWD bei der Staatsanwaltschaft an und fütterte Journalisten mit angeblichen Interna aus Maschmeyers Konzern. Sämtliche Berichte in der «Süddeutschen Zeitung», der «Handelszeitung», beim «Stern» und beim TV-Sender NDR seien von ihm angestossen und mit ihm besprochen worden, so der Autor, der den Journalisten das schlechteste Zeugnis ausstellt: Sie hätten das Material ungeprüft übernommen und «olle Kamellen gnadenlos hochgejazzt».

Als Maschmeyer seine Aktien 2007 an Swiss Life verkaufte, glaubte sich der selbst ernannte Rufmörder am Ziel und forderte vom Vertragspartner DVAG drei Millionen Euro Erfolgsprämie. Weil er das Geld nicht erhielt, suchte er wieder Kontakt zu AWD. Sein Buch sei ein «Befreiungsschlag» vom schlechten Gewissen, sagte er in einem Interview.

Was Schabirosky verschweigt, sind die vielen kritischen Berichte über AWD, die ohne sein Zutun entstanden. Auch der «Tages-Anzeiger» berichtete über Anleger, die ihr Vermögen verloren hatten. Einige waren sogar doppelt geschädigt, weil sie auf Anraten der AWD-Berater für das Investment einen Frankenkredit aufgenommen hatten. Der TA deckte zudem die aggressiven Werbemethoden von AWD-Beratern auf, als die Firma schon zu Swiss Life gehörte. Zu Schabirosky gab es niemals Kontakt.

Dieser behauptet, selbst die Umbenennung des AWD in Swiss Life Select habe er zu verantworten: «Jetzt war mein Job erledigt. Den AWD gab es nicht mehr.» Swiss Life kommentiert das Buch nicht. «An Gerüchten und Spekulationen rund um Äusserungen ausgeschiedener Handelsvertreter aus der vielen Jahre zurückliegenden AWD-Zeit beteiligen wir uns nicht», teilt Swiss Life Deutschland mit.

Mehrere im Buch genannte deutsche Journalisten bestätigen, dass sie von Schabirosky Informationen und Dokumente bekamen. Er sei jedoch bei weitem nicht der einzige Informant gewesen. Für Berichte sei nur übernommen worden, «was einer akribischen Prüfung durch die Redaktion standhielt», schreibt der NDR. Vor Erscheinen des Buches wurden die betroffenen Journalisten nicht mit den Vorwürfen konfrontiert, bestätigt Verlagssprecherin Silke Ruoff dem «Tages-Anzeiger».

Maschmeyer selbst schweigt

Carsten Maschmeyer hingegen durfte das gesamte Manuskript vor Veröffentlichung lesen. Der Autor kann seine Bewunderung für den AWD-Gründer nicht verbergen: Maschmeyer wird als «Vertrauensperson» und Vorbild geschildert, der mit einer einzigen Rede seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen motivieren konnte. Im Epilog schildert der Autor seine Bekehrung: Treffen mit Maschmeyer machen aus dem verräterischen Saulus den reuigen Paulus. Schabirosky folgert, dass dank Maschmeyers Beratungsfirma Millionen Menschen «wirtschaftliche Vorteile erzielten».

Maschmeyer selbst spricht nicht. Gegen das Buch hatte er wohl keinen Einwand. Nicht nur, weil er darin als Opfer einer Verschwörung dargestellt wird. Er dürfte sogar profitieren. Der AWD-Gründer hat bei Sat 1 eine eigene Sendung, in der er «Deutschlands bestes Gründertalent» sucht. Dass sein Name nun häufiger in den Medien auftaucht, wird ihm nicht unangenehm sein. Vielleicht befriedigt das Buch auch einfach sein Bedürfnis, sich an jenen zu rächen, die kritisch über ihn und seine Firma berichteten. So gesehen lässt sich der Buchtitel auch anders lesen: als Auftrag zum Rufmord an Journalisten.

Erstellt: 22.08.2017, 08:26 Uhr

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