Dann lieber den Oscar abschaffen

Die Schwedische Akademie ist in der schwersten Krise ihrer Geschichte. Sogar der Literaturnobelpreis ist gefährdet. Was tun?

In der Konzerthalle Stockholm werden die Nobelpreise verliehen. Foto: Hendrik Montgomery (Keystone)

In der Konzerthalle Stockholm werden die Nobelpreise verliehen. Foto: Hendrik Montgomery (Keystone)

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Der Stoff, aus dem die Albträume der Literaturwelt sind, passt nicht zu einem nobelpreiswürdigen Werk, eher in einen Trivialroman oder gleich in die Boulevardpresse. Sex and Crime, Korruption und Durchstecherei: Das ging alles von einer einzigen Person aus, dem Fotografen Jean-Claude Arnauld, und hat die ehrwürdige Schwedische Akademie handlungsunfähig gemacht.

Arnauld ist mit der Lyrikerin Katarine Frostenson verheiratet, einem von 18 Mitgliedern der Akademie, die den ­Literaturnobelpreis verleiht (und zusätzlich rund 50 weitere Preise und Stipendien für insgesamt drei Millionen Euro). Arnauld leitete das Forum, einen Kulturclub, durch den hindurchmusste, wer Zugang zu Schwedens Kulturwelt haben wollte. Dass ein Weg auch über Arnaulds Bett führte: Das bezeugten im vergangenen Herbst 18 Frauen und lösten den Skandal um die Akademie aus. Der Club erhielt Gelder von der Akademie; Frostenson, Teilhaberin des Clubs, finanzierte sich also selbst.

Also: ein Saustall. Ausmisten wollte ihn Sara Danius, die Ständige Sekretärin, mithilfe einer Anwaltskanzlei. Über dessen Gutachten kam es zum Streit; die «Alles unter dem Deckel halten»-Fraktion um Horace Engdahl gewann gegen die Aufklärer. Es kam zu Austritten auf beiden Seiten, zu Schmutzwäsche in den Medien, einer Protesterklärung von 200 Schriftstellern und einer Demonstration vor dem Akademiesitz.

Auflösung und Neustart

Stand jetzt: Die Akademie, 1786 gegründet und seit 1901 mit dem Literaturnobelpreis betraut, besteht nur noch aus 11 Mitgliedern, sie ist beschluss- und handlungsunfähig. Überdies ist sie komplett moralisch diskreditiert. Ein Nobelpreis, den die Restakademie um Engdahl im Oktober vergeben würde, trüge den ganzen Schmutz der Affäre mit sich; kein Schriftsteller von Rang und Verstand wird ihn annehmen können.

König Carl Gustaf, der «Schirmherr» der Akademie, hat eine Reform der Statuten angekündigt, um die Neubesetzung frei werdender Stühle zu regeln. Er hat mit den verbliebenen Akademikern geredet und danach gemeint, das komme dann schon gut. Irrtum! Aus dem Rumpfgremium, das von Betonköpfen wie Engdahl dominiert wird, kann nichts Gutes kommen. Sollen die Skandalvertuscher sich etwa durch Zuwahl genehmer Kopfnicker selbst salvieren?

Die Lösung der Krise ist nicht einfach. Die Voraussetzung für ihre Lösung ist es sehr wohl: Die Akademie muss aufgelöst, der traurige Rest entlassen werden. Wenn der König sich dazu nicht aufraffen kann, riskiert er, dass die Nobel-Stiftung, von der schliesslich die Preissumme stammt, ihren Auftrag zurückzieht. Eine neue Akademie zu gründen, braucht Zeit, juristische Abklärungen und ein paar Grundsatzentscheidungen: Soll sie schwedisch oder international sein? Wieder mit lebenslänglich ernannten Mitgliedern oder einer rotierenden Mannschaft, wie es sich bei vielen anderen Jurys bewährt hat?

So lange – ein Jahr sollte reichen – muss der Literaturnobelpreis pausieren, das ist weniger schlimm als ein Preis, der aus einem Saustall kommt. Es wäre indes absurd, ihn ganz zu versenken, wie das ein Eigenbrötler wie Peter Handke und schnappatmende Feuilletonisten jetzt fordern. Der Preis ist eine Instanz, trotz mancher Fehlgriffe. Er sorgt für Aufmerksamkeit und für literarische Kontroversen, holt bisher Verkanntes ans Licht und leuchtet schon Bekanntes noch besser aus. Verleger, Buchhändler, Autoren, Leser in aller Welt wollen nicht auf ihn verzichten. Dann doch lieber den Oscar abschaffen.

Erstellt: 23.04.2018, 18:44 Uhr

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