Das bessere Amerika

Kanada wird am Samstag 150 Jahre alt. Das Land ist ein Hort der Toleranz. Extreme gibt es nur in der Natur – und im Nachbarland.

Kanada sieht sich selbst gerne als buntes Mosaik: Premierminister Justin Trudeau läuft mit seiner Familie an der Pride Parade in Toronto mit. Foto: Mark Blinch (AP, Keystone)

Kanada sieht sich selbst gerne als buntes Mosaik: Premierminister Justin Trudeau läuft mit seiner Familie an der Pride Parade in Toronto mit. Foto: Mark Blinch (AP, Keystone)

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Ich lebe seit 17 Jahren als Auslandskorrespondentin in Kanada. «Fühlst du dich jetzt mehr als Schweizerin oder als Kanadierin?», fragen mich Freunde und Bekannte oft. Die Frage lässt mich stets nach Worten ringen. Was heisst eigentlich «kanadisch?» Kanada ist ein Land von Einwanderern, das seine nationale Identität mit einem elastischen Wort beschreibt: Diversity. Verschiedenartigkeit. Das Land sieht sich bekanntlich als Mosaik, nicht als Schmelztiegel wie die USA.

Ich muss etwas gestehen: Am kanadischsten fühle ich mich in der Unterwerfung. Dann, wenn ich mich vor diesem übermächtigen, weiten Land geschlagen geben muss. Etwa wenn mich die schmerzenden Glieder nach stundenlangem Paddeln zwingen, aus dem Kanu zu steigen. Wenn ich mich aus meinem Garten vor einem Bären blitzschnell ins Haus rette. Oder wenn das Radlager meines Pick-ups auseinanderzubrechen droht und die nächste Garage 200 Kilometer entfernt ist.

In Kanada fällt es leicht, sich als Mensch zu bescheiden. Die Kanadier lechzen nicht nach Dominanz wie die amerikanischen Nachbarn. Sie sind nicht versessen auf Siege – ausser im Eishockey vielleicht. Und selbst dort nicht immer. Die legendären Toronto Maple Leafs haben schon seit 50 Jahren keine Stanley-Cup-Trophäe mehr gewonnen. Ihre Spiele sind trotzdem immer aus-verkauft, und die Maple Leafs machen Geld wie Heu.

Die Abenteuer der Voyageurs

Die Kanadier machen vor, wie man gewinnt, ohne ständig auf die Pauke zu hauen. Als Auslandskorrespondentin hätte ich mir manchmal mehr Drama und Spektakel gewünscht. Vor drei Jahren besuchte ich den Geburtsort Kanadas in einem historischen Gebäude in der Stadt Charlottetown, Hauptort von Kanadas kleinster Provinz Prince Edward Island. Vor dem Raum stehend, in dem eine Gruppe weisser Politiker die Gründung Kanadas diskutierte, umwehte mich leider nicht der Hauch der Geschichte. Ich war etwas enttäuscht. Viel spannender waren dagegen die Abenteuer der Voyageurs, die mit ihren beladenen Kanus die Flüsse befuhren, mit Pelzen handelten und gleichzeitig das Land erschlossen!

Aber nachher habe ich mich an der Nase genommen. Die Kanadier brauchten keinen Bürgerkrieg wie die Schweizer und die Amerikaner, um die Fundamente ihres neuen Staates zu legen. Allein schon das ist Grund zum Feiern. Extreme gibt es in Kanada in der Natur, von den Sanddünen in British Columbia bis zu den Eiswüsten in der Arktis, aber nicht in der Politik. Das hat seine Vorteile: Bis heute hat keine rechtsextreme Partei wie der französische Front National Fuss fassen können. Kanada wurde auch nie wie die USA von Rassenkrawallen erschüttert. Die Konservative Partei wählte im Mai ihren moderaten neuen Vorsitzenden. Alle Trump-Kopien verloren oder schieden vorher aus.

«Bis heute kommt mir das Verhältnis der Kanadier zu den USA vor wie jenes zwischen den Schweizern und den Deutschen.»

Selbst eine Blocher-Figur wie in der Schweiz gibt es in Kanada nicht. Allerdings habe ich schnell andere Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ländern gefunden: Die rot-weisse Fahne, die überall flattert, den «Kantönligeist» zwischen den zehn Provinzen und drei Territorien (ein Elektriker aus British Columbia muss in Alberta zusätzliche Prüfungen ablegen) und Französisch als zweite offizielle Landessprache.

Bis heute kommt mir das Verhältnis der Kanadier zu den USA vor wie jenes zwischen den Schweizern und den Deutschen: dieses merkwürdige Gemisch aus Ablehnung und Bewunderung, Minderwertigkeitsgefühl und Nachahmung.

Die Kanadier definieren sich über das, was sie von den Amerikanern abgrenzt. Gleichzeitig machen kanadische Schauspieler, Musiker, Fernsehmoderatoren, Firmenchefs und andere Talente dort steile Karrieren. Aber jetzt hat Kanada seinen eigenen Star im liberalen Premierminister Justin Trudeau. Man mag von Trudeau (und seinen bunten Socken) halten, was man will, aber er verleiht dem Land ein bisschen Glamour. Wenn der jugendlich wirkende Regierungschef im rosa Hemd mit Frau und Kindern an Torontos Pride Parade mitschreitet, merkt jeder: Eine neue Generation zieht die Fäden.

In den USA ist das Gegenteil der Fall, und paradoxerweise ist das gar nicht unbedingt schlecht für Kanada. Denn nun erstrahlen Kanadas unterschätzte Errungenschaften in einem neuen Licht. Zum Beispiel die öffentliche Krankenversicherung für alle Bürger, die kostenlos oder zumindest sehr billig ist. Sie mag zwar Mängel haben, aber ich zahle lediglich eine monatliche Prämie von weniger als 30 Franken für Grundleistungen. Leider kann diese soziale Prachtleistung nicht wie eine Freiheitsstatue millionenfach fotografiert werden. Diesen Nachteil hat Trumpcare inzwischen aufgehoben. Es wirkt nun nicht mehr kurios, dass die allgemeine Gesundheitsversorgung für viele Kanadier ein unverzichtbarer Pfeiler der nationalen Identität ist.

Der wilde, einsame Norden

Mir hat Kanada viele Lehrstücke punkto Toleranz und politischer Korrektheit beschert. Einmal wollte ich mich mit dem Sprecher eines Provinz-Premiers im Café eines Traditionshotels treffen. Ich fragte ihn nach seinem Aussehen, damit ich ihn unter all den Gästen finden würde. Er beschrieb mir seine Haarfarbe und Körpergrösse. Als ich ins Café trat, konnte ich niemanden entdecken, der seiner Beschreibung entsprach. Meine Augen suchten und suchten. Endlich kam ein Mann auf mich zu – ein Schwarzer. Ich hätte ihn viel leichter finden können. Inzwischen habe ich gelernt, dass Hautfarbe oder Ethnie in Kanada nicht erwähnt werden.

Die grosse Toleranz gegenüber Verschiedenartigkeit ist allerdings nicht nur einfach eine Tugend der Kanadier. Sie beruht auch auf glücklichen Umständen. Kanada ist von drei Ozeanen umgeben. Das Land hat nur einen Nachbarn, ganz anders als die Nationen in Europa. Millionen von Immigranten zieht es nach Amerika, legal oder illegal, während Kanada sich seine Einwanderer sorgfältig aussucht – meistens passiert das bereits in den Herkunftsländern. Familien werden alleinstehenden Männern vorgezogen. Gut ausgebildete Fachkräfte haben es leichter. Und im zweitgrössten Land der Welt gibt es viel, viel Platz, um sich auszuweichen.

«Im Ausland ist man bereit, Kanada in einem besseren Licht zu sehen – obwohl die Ölsande  die Umwelt verschmutzen und viele indianische Ureinwohner in unwürdigen Verhältnissen leben.»

Mich lockt der wilde, einsame Norden, schliesslich heisst es in der Nationalhymne «The True North strong and free». Mit dem hohen Norden identifizieren sich erstaunlich viele Kanadier, obwohl sie nie dort oben waren. Es gehört einfach zum Mythos Kanada. Ich bin bislang zweimal in die Arktis gereist und würde es noch öfter tun, aber der kanadische Norden ist nicht nur stark und frei, sondern furchtbar teuer. Die meisten Kanadier haben sich auch noch nie in die Wildnis gewagt oder sind in einem Kanu gesessen. Justin Trudeau indes liess sich im Kanu fotografieren, wie schon sein Vater, der ehemalige Premierminister Pierre Trudeau. Es wirkt einfach so kanadisch.

Es ist erstaunlich, was ein attraktiver, aufgeschlossener Politiker für das Image seines Landes tun kann. Vor allem, wenn er syrische Flüchtlingskinder am Flughafen umarmt. Im Ausland ist man bereit, Kanada in einem besseren Licht zu sehen – obwohl die Ölsande immer noch die Umwelt verschmutzen und viele indianische Ureinwohner in unwürdigen Verhältnissen leben. Die «First Nations» in meiner Umgebung, dem Südwesten British Columbias, sind geschäftstüchtig und teilweise ziemlich wohlhabend. Erst als ich im fernen Labrador durchs Innu-Reservat von Sheshatshiu fuhr, traf mich die indianische Tragödie wie ein Schlag. Überall hingen Gruppen von gelangweilten Jugendlichen herum. Die Häuser waren verwahrlost, Abfälle säumten die Dorfstrasse. Ein Mann verscheuchte einen der streunenden Hunde mit einem heftigen Fusstritt. Über allem lag eine Decke der Trostlosigkeit.

«Die Welt braucht mehr Kanada» ist das Motto des 150-Jahr-Jubiläums. Sicher brauche ich als Journalistin mehr Kanada. Ich werde das Jubiläum zu feiern wissen. Wie? Mit einer Reise in Kanadas Norden. Koste es, was es wolle.

Erstellt: 28.06.2017, 21:13 Uhr

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