Zum Hauptinhalt springen

«Das kann kein Psychiater!»

Keine Zunahme bei der Verwahrung von Sexualstraftätern: Der Text der Verwahrungsinitiative hat sich laut dem ehemaligen Staatsanwalt Paolo Bernasconi in der Praxis nicht bewährt.

Mit Paolo Bernasconi sprach Janine Hosp
Lebenslänglich verwahrt: Blick aus einer Zelle der Strafanstalt Pöschwies.
Lebenslänglich verwahrt: Blick aus einer Zelle der Strafanstalt Pöschwies.
Keystone

2004 haben wir die Verwahrungsinitiative angenommen. Trotzdem wurde nun gemäss SonntagsZeitung ein Täter freigelassen, der bereits mehrfach Kinder missbraucht und eine Achtjährige vergewaltigt hat. Wie soll man das als Laie verstehen?

Die Gerichte hätten mit dem heutigem Gesetz tatsächlich die Möglichkeit, eine lebenslängliche Verwahrung anzuordnen. Nämlich dann, wenn ein Täter als dauerhaft nicht therapierbar eingestuft wird, weil die Behandlung keinen langfristigen Erfolg verspricht. Und in diesem Fall hat sich der Täter ja geweigert, überhaupt an einer Therapie teilzunehmen, weil er glaubt, dass er gar kein Pädophiler ist. Aber ohne dass ich das Gutachten lesen konnte, scheint mir klar: Dem Gericht standen damit wohl zu wenig genaue Informationen zur Verfügung, um beurteilen zu können, wie hoch das Rückfallrisiko beim Täter ist. Im Gutachten steht gemäss Presseberichten, es sei «mittelgradig bis hoch». Wenn es um den Kinderschutz geht, wäre ein zweites Gutachten hilfreich.

Vielleicht lässt sich das gar nicht genauer sagen.

Das ist genau die Schwierigkeit bei der Umsetzung der Initiative, die eine lebenslängliche Verwahrung forderte: Welcher Psychiater kann schon beurteilen, ob eine Therapie langfristig, also auch nach über zehn Jahren, keinen Erfolg verspricht? Keiner! Ich war während 20 Jahren Staatsanwalt und habe die Erfahrung gemacht, dass es pro Jahr ein bis zwei Fälle gibt, bei denen man sagen musste: Dieser Täter ist gefährlich und wird es wohl sein Leben lang bleiben. Das ist wie eine Krankheit. Aber sicher konnten wir nicht sein.

Was schlagen Sie vor?

Ehrlicherweise müsste man im Strafgesetzbuch das Wort «langfristig» durch «mittelfristig» ersetzen. Die Psychiater und Vollzugsbehörden müssen den Straftäter ohnehin alle paar Jahre abklären und beurteilen, ob er noch immer nicht therapierbar ist.

Der ehemalige Tessiner Staatsanwalt engagierte sich unter anderem für die Pädophileninitiative: Paolo Bernasconi.
Der ehemalige Tessiner Staatsanwalt engagierte sich unter anderem für die Pädophileninitiative: Paolo Bernasconi.

Dann würden aber die Forderungen der Initiative nicht erfüllt, wenn Gerichte keine lebenslängliche Verwahrung mehr anordnen könnten.

Auch «lebenslänglich» bedeutet nicht, dass es keine Möglichkeit für den Gefangenen gäbe, sich neu zu beurteilen zu lassen und doch noch einmal aus der Verwahrung entlassen zu werden. Das Urteil «lebenslänglich» bedeutet in der Praxis, dass es für den Gefangenen ungleich schwieriger ist, einen Urlaub zu erhalten, als wenn er zu einer ordentlichen Verwahrung verurteilt worden wäre. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn hier geht es um die Sicherheit der Bevölkerung. Man kann schon sagen: Der Initiativtext hat sich in der Praxis nicht bewährt. Er stellt Bedingungen, die in der Praxis kaum zu erfüllen sind.

Ist die Verwahrungsinitiative wirkungslos?

Nein, sie hat schon etwas bewirkt, etwa im Fall vom Mord am Au-pair-Mädchen Lucy. Aber gestützt auf die bisherigen Erfahrungen sollte man nach Lösungen suchen, wie die Ziele der Initianten besser erreicht werden können als heute. Dazu braucht es keine weitere Volksinitiative, das Parlament ist gefordert. Es soll Lösungen suchen, wie dieser Mangel behoben werden kann.

Bilder: Der Prozess gegen Daniel H.

Akzeptiert das Urteil des Bezirksgerichts Baden nicht: Nicole Trezzini, die Mutter von Lucie. (29. Februar 2012)
Akzeptiert das Urteil des Bezirksgerichts Baden nicht: Nicole Trezzini, die Mutter von Lucie. (29. Februar 2012)
Jan Derrer
«Das Hauptziel ist erreicht»: Staatsanwalt Dominik Aufdenblatten nach dem Prozess. (29. Februar 2012)
«Das Hauptziel ist erreicht»: Staatsanwalt Dominik Aufdenblatten nach dem Prozess. (29. Februar 2012)
Jan Derrer
Die Zivilkläger kommen an. (29. Februar 2012)
Die Zivilkläger kommen an. (29. Februar 2012)
Jan Derrer
Zahlreiche Schaulustige: Die Ankunft von Daniel H. wird begutachtet. (29. Februar 2012)
Zahlreiche Schaulustige: Die Ankunft von Daniel H. wird begutachtet. (29. Februar 2012)
Jan Derrer
Dar Angeklagte kommt an: Dieser Wagen bringt Daniel H. zum Gerichtsgebäude. (29. Februar 2012)
Dar Angeklagte kommt an: Dieser Wagen bringt Daniel H. zum Gerichtsgebäude. (29. Februar 2012)
Jan Derrer
«Wir warten auf das Urteil und haben Vertrauen in die Justiz»: Die Mutter von Lucie, Nicole Trezzini, verlässt nach dem Plädoyer das Gerichtsgebäude. (29. Februar 2012)
«Wir warten auf das Urteil und haben Vertrauen in die Justiz»: Die Mutter von Lucie, Nicole Trezzini, verlässt nach dem Plädoyer das Gerichtsgebäude. (29. Februar 2012)
Jan Derrer
Auch Vater Roland Trezzini äusserte sich kurz zum zweiten Prozesstag. (29. Februar 2012)
Auch Vater Roland Trezzini äusserte sich kurz zum zweiten Prozesstag. (29. Februar 2012)
Jan Derrer
Ein gewaltiges Interesse: Die Medienvertreter warten auf den Eintritt ins Bezirksgericht von Baden. (29. Februar 2012)
Ein gewaltiges Interesse: Die Medienvertreter warten auf den Eintritt ins Bezirksgericht von Baden. (29. Februar 2012)
Jan Derrer
Wegen der Sicherheitskontrollen verzögert sich die Sitzung. Für heute wird ein Urteil erwartet. (29. Februar 2012)
Wegen der Sicherheitskontrollen verzögert sich die Sitzung. Für heute wird ein Urteil erwartet. (29. Februar 2012)
Jan Derrer
Polizisten sichern das Gerichtsgebäude. (29. Februar 2012)
Polizisten sichern das Gerichtsgebäude. (29. Februar 2012)
Jan Derrer
Starke Belastung durch den Prozess: Au-pair-Gastmutter Mualla Müller verlässt das Gericht in der Mittagspause. (28. Februar 2012)
Starke Belastung durch den Prozess: Au-pair-Gastmutter Mualla Müller verlässt das Gericht in der Mittagspause. (28. Februar 2012)
Vincenzo Capodici
Stand in der Pause mit versteinerter Miene auf: Die Mutter von Lucie Trezzini. (28. Februar 2012)
Stand in der Pause mit versteinerter Miene auf: Die Mutter von Lucie Trezzini. (28. Februar 2012)
Vincenzo Capodici
Lucies Mutter gibt Medienvertretern Auskunft. (28. Februar 2012)
Lucies Mutter gibt Medienvertretern Auskunft. (28. Februar 2012)
Vincenzo Capodici
Schaulustige: Schüler des Schulhauses Untersiggenthal sind in der Mittagspause vor das Gerichtsgebäude gegangen. (28. Februar 2012)
Schaulustige: Schüler des Schulhauses Untersiggenthal sind in der Mittagspause vor das Gerichtsgebäude gegangen. (28. Februar 2012)
Jan Derrer
Schüler vor dem Gerichtsgebäude. (28. Februar 2012)
Schüler vor dem Gerichtsgebäude. (28. Februar 2012)
Jan Derrer
Freundinnen von Lucie Trezzini haben den Prozess vorzeitig verlassen, weil es für sie nicht mehr zu ertragen war. (28. Februar 2012)
Freundinnen von Lucie Trezzini haben den Prozess vorzeitig verlassen, weil es für sie nicht mehr zu ertragen war. (28. Februar 2012)
Jan Derrer
Nicole Trezzini, die Mutter der ermordeten Lucie Trezzini, mit Begleitung auf dem Weg zum Gemeindesaal in Untersiggenthal. (28. Februar 2012)
Nicole Trezzini, die Mutter der ermordeten Lucie Trezzini, mit Begleitung auf dem Weg zum Gemeindesaal in Untersiggenthal. (28. Februar 2012)
Der Kastenwagen mit Daniel H. erscheint beim Gemeindehaus in Untersiggenthal. (28. Februar 2012)
Der Kastenwagen mit Daniel H. erscheint beim Gemeindehaus in Untersiggenthal. (28. Februar 2012)
Keystone
«Ich bin sehr aufgewühlt»: Die damalige Au-pair-Mutter von Lucie Trezzini, Mualla Müller. (28. Februar 2012)
«Ich bin sehr aufgewühlt»: Die damalige Au-pair-Mutter von Lucie Trezzini, Mualla Müller. (28. Februar 2012)
Vincenzo Capodici
Gerechtigkeit soll gesprochen werden: Auch die Freundinnen von Lucie Trezzini sind beim Prozess dabei. (28. Februar 2012)
Gerechtigkeit soll gesprochen werden: Auch die Freundinnen von Lucie Trezzini sind beim Prozess dabei. (28. Februar 2012)
Vincenzo Capodici
Polizisten patrouillieren um das Gebäude. (28. Februar 2012)
Polizisten patrouillieren um das Gebäude. (28. Februar 2012)
Vincenzo Capodici
Rund 60 Medienleute versammelten sich vor dem Gemeindesaal in Untersiggenthal. (28. Februar 2012)
Rund 60 Medienleute versammelten sich vor dem Gemeindesaal in Untersiggenthal. (28. Februar 2012)
Vincenzo Capodici
Polizisten patrouillieren um das Gebäude. (28. Februar 2012)
Polizisten patrouillieren um das Gebäude. (28. Februar 2012)
Vincenzo Capodici
Die Staatsanwaltschaft Baden beantragt für Daniel H. eine lebenslängliche Freiheitsstrafe mit nachfolgender Verwahrung bis ans Lebensende. Der vorbestrafte Daniel H. ist geständig.
Die Staatsanwaltschaft Baden beantragt für Daniel H. eine lebenslängliche Freiheitsstrafe mit nachfolgender Verwahrung bis ans Lebensende. Der vorbestrafte Daniel H. ist geständig.
Kapo AG
Lucie Trezzini wurde nur 16 Jahre alt. Die Freiburgerin hatte als Au-pair-Mädchen bei einer Familie in Pfäffikon (SZ) gelebt, als sie am 4. März 2009 von Daniel H. in die Todesfalle gelockt wurde. Daniel H. hatte Lucie in Zürich angesprochen.
Lucie Trezzini wurde nur 16 Jahre alt. Die Freiburgerin hatte als Au-pair-Mädchen bei einer Familie in Pfäffikon (SZ) gelebt, als sie am 4. März 2009 von Daniel H. in die Todesfalle gelockt wurde. Daniel H. hatte Lucie in Zürich angesprochen.
Keystone
Wegen des grossen öffentlichen Interesses findet der Prozess gegen Daniel H. nicht am Bezirksgericht Baden, sondern in einem Saal des Gemeindehauses in Untersiggenthal statt.
Wegen des grossen öffentlichen Interesses findet der Prozess gegen Daniel H. nicht am Bezirksgericht Baden, sondern in einem Saal des Gemeindehauses in Untersiggenthal statt.
pd
Die Eltern von Lucie, Nicole und Roland Trezzini, hoffen, dass Daniel H. für immer weggesperrt wird. Seit dem Tod ihrer Tochter engagieren sie sich, dass es keinen zweiten Fall Lucie gibt. Zu diesem Zweck treten sie immer wieder öffentlich auf.
Die Eltern von Lucie, Nicole und Roland Trezzini, hoffen, dass Daniel H. für immer weggesperrt wird. Seit dem Tod ihrer Tochter engagieren sie sich, dass es keinen zweiten Fall Lucie gibt. Zu diesem Zweck treten sie immer wieder öffentlich auf.
Keystone
Daniel H. lebte in der Dachwohnung dieses Hauses in Rieden bei Baden, wo auch die Leiche der tagelang vermissten Lucie gefunden wurde. Der arbeitslose Koch tötete das Au-pair-Mädchen auf bestialische Weise mit Hantelstange und Messer.
Daniel H. lebte in der Dachwohnung dieses Hauses in Rieden bei Baden, wo auch die Leiche der tagelang vermissten Lucie gefunden wurde. Der arbeitslose Koch tötete das Au-pair-Mädchen auf bestialische Weise mit Hantelstange und Messer.
Keystone
Die Tötung von Lucie Trezzini löste grosse Betroffenheit in der ganzen Schweiz aus. Beim Tatort in Rieden (AG) legten viele Menschen Kerzen, Blumen und Briefe zum Gedenken des ermordeten Mädchens nieder.
Die Tötung von Lucie Trezzini löste grosse Betroffenheit in der ganzen Schweiz aus. Beim Tatort in Rieden (AG) legten viele Menschen Kerzen, Blumen und Briefe zum Gedenken des ermordeten Mädchens nieder.
Keystone
An einem Gedenkmarsch zu Ehren von Lucie am 22. März 2009 in Freiburg nahmen rund 2500 Menschen teil. Angeführt wurde die Demonstration von Lucies Eltern und ihren zwei Geschwistern.
An einem Gedenkmarsch zu Ehren von Lucie am 22. März 2009 in Freiburg nahmen rund 2500 Menschen teil. Angeführt wurde die Demonstration von Lucies Eltern und ihren zwei Geschwistern.
Keystone
1 / 32

Nun hat der Täter, der unter anderem eine Achtjährige vergewaltigt hat, auch noch eine Abfindung von über 50'000 Franken bekommen. Er war länger eingesessen als vorgesehen, weil die Solothurner Justiz die stationäre Therapie verlängern wollte.

In der Tat ist es zu vermeiden, dass der Staat eine Person entschädigen muss, die zur Verwahrung oder zu einer sogenannten Massnahme verurteilt worden ist. Auch die Normen über die Entschädigung für die Inhaftierung müssen vervollständigt werden.

Dieses Urteil bestätigt einmal mehr all jene, die behaupten, dass es wichtiger ist, den Täter korrekt zu behandeln, als die Bevölkerung zu schützen.

Man kann nicht sagen, die Bevölkerung werde nicht geschützt: Das Richteramt Olten-Gösgen hat in diesem Fall ein Verfahren eingeleitet, um zu erreichen, dass der Täter verwahrt wird. Und ich hoffe, dass das gelingt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch