Das lukrative Geschäft der Schlepper von Calais

Wer als Flüchtling gefahrlos von Frankreich nach Grossbritannien übersetzen will, der braucht vor allem eins: Geld.

Fahnder durchsuchen einen LKW nach Flüchtlingen. Foto: Jeff J. Mitchell (Getty Images)

Fahnder durchsuchen einen LKW nach Flüchtlingen. Foto: Jeff J. Mitchell (Getty Images)

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Monatelang haben die Polizisten der mobilen Suchbrigade von Calais die vier Albaner und ihre beiden französischen Freundinnen beschattet, dann haben sie zugeschlagen. Nach einer Nacht in Untersuchungshaft gestand einer von ihnen. Mit Tränen in den Augen erklärte der Bruder des Hauptverdächtigen, wie alles abgelaufen sei: Knapp 50 Transporte von insgesamt 255 Flüchtlingen hätten sie organisiert. Allesamt Albaner. 149 seien durchgekommen. Auf mehr als 2 Millionen Euro in nicht einmal zweieinhalb Monaten schätzt die Polizei den Umsatz des Schleuserrings.

Menschenschmuggel ist ein lukratives Geschäft. Und je schwieriger den ­Migranten die Flucht durch den Tunnel nach Grossbritannien gemacht wird, ­desto mehr floriert es auch in Nordfrankreich. Über 10 Millionen Euro hat die britische Regierung im Juli lockergemacht, um die Zäune am Tunneleingang noch höher, den Stacheldraht noch unüberwindbarer zu machen. Die Umgebung von Calais erinnert längst an einen Hochsicherheitstrakt. Ein Fluchtversuch mag Anfang des Jahres noch gefährlich gewesen sein, inzwischen ist er lebensgefährlich. In zwei Monaten sind zehn Menschen umgekommen.

Flüchtlinge zahlen Miete

In Calais und Umgebung ist der Menschenschmuggel weitgehend in der Hand von Albanern. Der Rest des Marktes sei ordentlich aufgeteilt, erklärt Kommandant Eric Bauer von der Sondertruppe, der Brigade Recherche Mobile: «Wir wissen ganz genau, wo die Afghanen das Sagen haben und wo die Kurden kontrollieren. Manchmal gibt es Kämpfe um das Hoheitsgebiet.» Die Menschen selbst, sagt der Polizist, würden wie «Ware» behandelt.

Die Tarife für ein sicheres Übersetzen nach Grossbritannien variieren je nach Leistung des Schleuserrings. Die bequemste Überfahrt – versteckt in der Schlafkoje eines Lastwagenfahrers oder in einem eigens für die Flucht organisierten Transport – kostet 6000 bis 10 000 Euro. Für diesen Preis gibt es eine Garantie: Sollte es nicht klappen, verpflichtet sich der Schleuser, so lange ein neues Versteck zu organisieren, bis der Flüchtling sicher auf der Insel gelandet ist. Auch auf der Flucht ist der Mensch nicht gleich. Wer Geld hat, muss nicht monatelang im Flüchtlingscamp von ­Calais ausharren oder sein Leben riskieren. Wer Geld hat, kommt rüber. In wenigen Tagen.

Bei diesem Luxustarif gehört sogar ein billiges Hotel in Calais oder Umgebung zum Service dazu. Oder die «Ware» wird einige Tage lang im Camp von Téteghem untergebracht, einer ordentlichen Containersiedlung mit Wasser und Strom in der Nähe von Dunkerque, die fest in der Hand von Schleusern ist. Franck Dhersin, der Bürgermeister der Gemeinde, ist hilflos: «Die nehmen den Flüchtlingen Miete ab. Hier bei uns sind nur Akademiker: Ingenieure, Mediziner, höhere Angestellte aus Syrien, dem Irak oder Palästina.»

Flucht wie im Reisebüro.

Téteghem dient als Basiscamp. Die Flüchtlinge, die im Camp von Calais angeworben werden, verbringen hier in der Regel nur wenige Tage, um dann nicht über Calais, sondern über sichere Wege nach Grossbritannien gebracht zu werden: Es geht ins belgische Seebrügge oder nach Ouistreham in der Nähe von Caen, wo die Kontrollen in den Häfen weniger systematisch sind.

Die 10'000 Euro des teuersten Tickets teilen sich viele: Es gibt den Kundenfänger, der die Flüchtlinge im Lager anwirbt; einen, der Chauffeure anheuert, die gegen 500 bis 1000 Euro Flüchtlinge in ihren Lastwagen verstecken, um ihr tiefes Gehalt aufzubessern; schliesslich gibt es den, der kassiert, und Helfer, die sich um die niedrigen Aufgaben kümmern müssen.

«Die Auftraggeber sind in solchen Fällen meistens schon in Grossbritannien», erklärt Bauer. «Der Fluchtweg steht von vornherein fest, und die Kosten hängen davon ab, wie gross das Risiko ist, das der Lastwagenchauffeur auf sich nimmt.» Wenn ein Flüchtling im Laderaum erwischt wird, kann der immer behaupten, er habe nichts davon gewusst, und kommt mit einer Strafe davon. Bei einem blinden Passagier, der in der Schlafkoje entdeckt wird, muss ein Chauffeur gar nicht erst versuchen, seine Unschuld zu beteuern.

Alles klingt nach einer Flucht, organisiert wie von einem Reisebüro. Doch nur die allerwenigsten können sich diesen Luxus leisten.

Für weniger zahlungskräftige Kunden werden andere Pakete angeboten. Bei 500 Euro geht es los. Dafür bekommt der Flüchtling nichts weiter als Zugang zu einem Parkplatz, wo die Lastwagenfahrer ihre Nächte verbringen. Dort wird ihm, ohne das Mitwissen des Chauffeurs, ein Lastwagen zugewiesen. Verstecken muss er sich selbst. Bei diesem Preis gibt es keine Garantie, sondern nur drei, vier zugesagte Versuche. «Es hat schon Flüchtlinge gegeben, die bei uns Anzeige wegen Betrugs erstatten wollten», sagt der Chef der mobilen Einsatztruppe Bauer. Mehrere Schleuserringe können sich Parkplätze teilen: Der Markt wird stundenweise oder nach Typus des Lastwagens aufgeteilt. Interessenkonflikte werden mit Waffen geregelt.

150 Millionen Umsatz pro Jahr

1000 bis 1500 Euro ist der Preis für das, was im Camp-Jargon als «garantierte» Überfahrt gilt. Der Kandidat bekommt einen unauffälligen Ort genannt, wo er abseits der Grenzpolizei in einen Lastwagen steigen kann. Dahin muss er auf eigene Faust gelangen. Erste Option: Er reist mit drei weiteren Personen, als ­Einziger mit gefälschten Papieren, und muss hoffen, dass es niemandem auffällt. Oder, das ist die zweite Variante, er muss sich verstecken. Inzwischen gibt es Transporter mit doppelten Wänden. ­Besonders beliebt sind auch Reifen­ladungen. Die Schleuser setzen darauf, dass die Zollbeamten weder Zeit noch Lust haben, einen ganzen Lastwagen voller Autoreifen eigenständig leer zu räumen, um nach versteckten Flüchtlingen zu ­suchen.

Manchmal kommt auch ein Mietwagen zum Einsatz: Im Juni wurde ein Rumäne verhaftet, der seinen Leihwagen kurz auf einem Parkplatz in Calais abgestellt hatte, um zu telefonieren. Von den zwei Albanern, die man in seinem Kofferraum entdeckt hat, wollte er nichts gewusst haben.

Es wird geschätzt, dass Schleuserringe, die Flüchtlinge von Afrika nach Europa bringen, jährlich ungefähr 150 Millionen Dollar erwirtschaften. Experten sprechen von einem weltweiten Markt von 3 bis 10 Milliarden Dollar. Nach dem Drogenhandel ist Menschenschmuggel damit das zweiteinträglichste Geschäft organisierter Kriminalität. Nun beginnt es auch in Nordfrankreich zu blühen. Mehrere Hundert Schleuser werden nach Angaben der Polizei jährlich in Calais gefasst. Aber es ist ein «Fass ohne Boden», sagt Bauer. Ein Ring, der heute zerschlagen wird, ist morgen schon ersetzt.

Erstellt: 20.08.2015, 20:28 Uhr

London und Paris

Mit Infrarot gegen Menschenschmuggler

Wegen der Flüchtlingskrise am Ärmel­kanal haben Frankreich und Grossbritannien eine engere Zusammenarbeit vereinbart. Der französische Innen­minister Bernard Cazeneuve und seine britische Kollegin Theresa May unterzeichneten am Donnerstag in Calais eine Vereinbarung. Damit sollen Flüchtlinge am Versuch gehindert werden, durch den Tunnel nach Grossbritannien zu gelangen.

Cazeneuve und May besuchten das Eurotunnel-Gelände in Coquelles nahe Calais. «Nötig ist ein sehr starkes Signal hier in Calais, dass man nicht einfach so die Grenze überqueren kann», sagte Cazeneuve. Schleuserbanden müssten wissen, «dass in Calais keine Grenzüberquerung möglich ist».
Die Vereinbarung zwischen Paris und London sieht die Einrichtung eines gemeinsamen Kommando- und Kontrollzentrums im Kampf gegen Schleuser vor.

Das Zentrum in Calais soll die Zusammenarbeit der Polizeibehörden intensivieren und gleichberechtigt von ­einem britischen und einem fran­zösischen Chef geleitet werden. Angekündigt werden auch die Stationierung weiterer französischer Polizisten, Frachtdurchsuchungen, die Installation von Überwachungskameras, Flutlicht­anlagen und Infrarottechnik.

Mazedonien hat derweil an seinen Grenzen im Süden und Norden des Landes wegen der hohen Anzahl von Flüchtlingen den Ausnahmezustand ausgerufen. Der Einsatz der Armee solle die Sicherheit der mazedonischen Bevölkerung in den betroffenen Regionen sicherstellen, zitierte die amtliche Nachrichtenagentur MIA am Donnerstag den Sprecher des Innenministeriums, Ivo Kotevski. Zudem solle sie helfen, der Lage Herr zu werden. (SDA)

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