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Das Schlachthaus als Konzentrationslager

Lässt sich menschliches Leid mit dem von Nutztieren vergleichen? Tierschützer finden: unbedingt.

Der Aargauer Nationalrat Jonas Fricker (Grüne) hat diese Woche im Parlament gesagt, der Anblick eines Schweinetransports bringe in ihm die Bilder der Massendeportationen nach Auschwitz hoch, wie er sie aus dem Film «Schindlers Liste» kenne. Damit hat er weitherum Empörung ausgelöst; ein Vergleich von Naziopfern mit Schlachtvieh sei geschmacklos, verwerflich. Fricker hat sich entschuldigt.

Körper, gestapelt und entwürdigt: Bildassoziationen sind mächtig und funktionieren ohne Rücksicht auf Regeln und Anstand. Man kann darüber schweigen, was der Nationalrat besser getan hätte. Doch man kann nicht auswählen, was der Anblick eines Gräuels in einem auslöst.

Allein ist Fricker mit seiner Assoziation sicher nicht. Radikale Tierschützer versuchen seit Jahren, die Massentierhaltung als «Tierholocaust» darzustellen. Die US-Organisation Peta etwa wollte 2004 in Deutschland eine Plakatkampagne mit dem Titel «Der Holocaust auf Ihrem Teller» lancieren. Eines der sieben Poster zeigte ausgemergelte KZ-Häftlinge in einer Reihe von Hochbetten – daneben dicht gedrängte Hennen in einer Legebatterie. Ein zweites enthielt ein Foto von ermordeten Lagerinsassen – neben geschlachteten Schweineleibern. «Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi», stand darüber.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, ein Holocaustüberlebender, reichte damals Klage ein. Im April 2004 wurde die Kampagne verboten, das Bundesverfassungs­gericht bestätigte das Urteil. Der Nazivergleich, so die Richter, führe zu einer «Bagatellisierung und Banalisierung des Schicksals der Holocaustopfer». 2012 stützte der Europäische Gerichtshof in Strassburg die deutsche Justiz.

Adorno ist Zeuge

Peta aber blieb uneinsichtig. Das Leiden der Menschen auf ihren Plakaten werde doch nur dann «banalisiert», wenn man das Leiden der Tiere als «banal» erachte, schrieb das US-Hauptquartier. Antijüdisch sei man nicht, im Gegenteil, jüdische Denker hätten die Kampagne inspiriert: «Auschwitz fängt da an, wo einer in einem Schlachthof steht und sagt, es sind ja nur Tiere», hiess es auf einem der verbotenen Plakate. Der Satz stamme von Theodor W. Adorno (1903–1969), dem Philosophen und Soziologen, sagte Peta. Und «Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi», das sei von Nobelpreisträger Isaac B. Singer.

Eine schlaue Strategie: Auch Juden haben das gesagt! Dass die Zitate ziemlich verkürzt waren, fiel nicht einmal dem «Spiegel» auf. Adorno schrieb in «Minima Moralia» um 1945 zwar durchaus von der Grausamkeit gegenüber Tieren, aber doch vor allem von der Degradierung von «Wilden, Schwarzen, Japanern» zu Tieren, was «der Schlüssel zum Pogrom» sei.

Isaac B. Singers Zitat ist zwar echt, stammt aber aus einer Kurzgeschichte, also aus einer Fiktion. In «The Letter Writer» von 1983 lässt Singer seine Figur sagen: «Für sie (die Tiere) ist jeder Mensch ein Nazi; für die Tiere herrscht jeden Tag Treblinka.» Der Kunstgriff ist vielleicht entschuldbar; Singer (1902–1991) war strenger Vegetarier und schrieb mehrfach über den Umgang mit den Tieren.

Grzimek und die «KZ-Hühner»

Eines ist sicher: Holocaustvergleiche sind unter Tierschützern etabliert. Schon Bernhard Grzimek, der deutsche Tierforscher, nannte Batteriehennen in den 1970ern «KZ-Hühner». Heute spricht der Gründer der US-Tierrechtler FARM, der 1934 in Warschau geborene Holocaustüberlebende Alex Hershaft, vom «Animal Holocaust»: «Ich sehe viele Parallelen zwischen dem, was die Nazis uns angetan haben, und dem, was wir den Tieren antun», sagte er der «Jerusalem Post».

Solche Vergleiche sind auf Schock aus – und verstören. Für die allermeisten von uns sind ermordete Kinder etwas anderes als geschlachtete Kälber. Unser Weltbild ist menschenzentriert. Wer die Vernichtung eines Volks gleichsetzt mit der täglichen Tötung von Nutztieren in Fleischfabriken, der scheint menschliches Leben abzuwerten, es auf tierische Stufe zu stellen.

Für manche Urzeithistoriker ist der Homo sapiens natürlich nur ein begabter Affe unter vielen. Dann gelten andere Regeln. Der Israeli Yuval Harari nennt die Nutztierhaltung «eines der grössten Verbrechen der Geschichte». Und fragt, ob intelligente Menschmaschinen der Zukunft uns Simpelmenschen so behandeln werden wie wir die Tiere heute. Ein unheimlicher Gedanke. Der ohne Holocaustvergleich auskommt.

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