Das schwankende Paradies

In «Corn Island» aus Georgien pflanzen ein Bauer und seine Enkelin Mais auf einer Schwemminsel. Doch manchmal in diesem Film schaut der Krieg vorbei.

Trailer «Corn Island». Quelle: vimeo.com


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Die Amerikaner nennen es «slow burn»: eine sehr schleichende Steigerung der Intensität, ein langes leises Glühen, das einen gefangen nimmt. Gut, manchmal verlischt so ein Geflacker von selbst, dann ist beim Zuschauer aus Hypnose ein Tiefschlaf geworden. Andere Male jedoch kann man den Blick nicht abwenden, wenn eine Erzählung auf kleinsten Flammen läuft. So eine ist das Drama «Corn Island» aus Georgien, in dem nach zeitgemäss ungeduldiger Rechnung gar nichts geschieht.

Dabei geschieht allerhand. Der alte Bauer Abga setzt den ersten Fuss auf eine kleine Schwemminsel in einem Fluss und beginnt damit, aus Brettern eine Hütte zusammenzunageln. Als seine 16-jährige Enkelin Asida dazustösst, pflügen sie ein Feld und säen Mais aus, sie fangen Fische und nicken den Kämpfern zu, die auf ihren Kähnen vorbeituckern. Der Enguri-Fluss nämlich markiert die Grenze zwischen Georgien und der separatistischen Republik Abchasien, in den 90ern wurden von dort 250 000 ethnische Georgier vertrieben. Als sich ein georgischer Soldat auf das Inselchen flüchtet, wird er beschützt, denn diese Erde gehöre nicht diesen oder jenen, sondern ihrem Schöpfer, sagt Abga. Es ist einer von rund zwanzig Sätzen im ganzen Film.

Das Züngeln der Wirklichkeit

Der Rest, also das Erlebnis, ist das tätige Leben von Abga und Asida auf der Insel. Der wirkliche Lebensprozess, wenn man so will. Beide sind recht stille Schaffer, nur die gelegentlichen Gewehrsalven aus der Ferne lassen sie aufschrecken. Der Konflikt äussert sich als latente Bedrohung, er scheint aus einer anderen Welt zu stammen, in der es weniger urtümlich zugeht. So archaisch ist «Corn Island» schon, als stationäre Robinsonade auf instabilem Grund und als Bild von Kargheit und Kampf gegen die Elemente. Vieles sieht hier aus wie Vorgeschichte, die erste Kulturleistung des Ackerbaus, die zaghaften Schritte des Siedlers auf fruchtbarem Boden, die gnadenlose Natur und dieser Noah auf seiner Arche, die aus Sand gemacht ist.

Die Insel wird wieder verschwinden, verschluckt werden vom Wasser, und so ist das ein Fluss des Lebens und ein ­Zyklus der Natur. Aber man soll es nicht missverstehen, «Corn Island» bleibt eine irdische Freude. Es ruft nicht jedes Bild «Parabel!», es weht nicht über allem die Bedeutung. Der Regisseur George ­Ova­shvili gestaltet ein konkretes Pastoral, als rhythmische Abfolge von Arbeitsschritten und als Doppelporträt des Erwachens: Die Maispflanzen schiessen auf und der Körper von Asida auch, die an sich eine Lust entdeckt und zwischendurch begafft wird von den Soldaten am Ufer. Dem alten Maisbauern passt dieses Verhalten gar nicht, er lebt doch schon in einem prekären Idyll auf seinem Schwemmland: Die unschöne Realität züngelt immer wieder hinein, aus Begegnung wird Störung und aus natürlicher Schönheit böser Sturm, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Die Geduld stellt sich ein

Eine realistische Utopie. Eine geerdete. Und eine sinnliche: «Corn Island» ist ein ereignisarmer, aber kein langsamer Film. Der Schnitt zieht das Tempo an; die Kamera, beweglich und elastisch, gleitet an der Insel vorbei, als würde sie über eine kleine Welt streicheln, sie lugt hinter den wenigen Ecken hervor, die es in diesem gebrochenen Paradies noch gibt, als entdecke sie mit uns das Geschehen. Es sind agile Lösungen für einen abgezirkelten Handlungsort. Sie sorgen für vibrierende, ja muskulöse ­Bilder eines Freilichtkammerspiels für zwei Schweigerollen.

Und es soll keiner sagen, da werde einem die Geduld mit einer universellen Geschichte belohnt. Der Lohn von «Corn Island» ist die Spannkraft einer Befreiungserzählung im verorteten Krisenland – im Zeichen der erdrückenden Macht des russischen Nachbarn und als eine Art Sequel zu George Ovashvilis letztem Film «The Other Bank» über eine Abnabelung in Kriegszeiten. Und die Geduld, die muss man auch nicht «aufbringen». Sie stellt sich ein, als kommunikative Geste gegenüber einem strukturiert fliessenden, aber nicht symbolisch verwehten Spielfilm. Slow? Burn.


In Zürich im Filmpodium.

Erstellt: 20.11.2015, 17:31 Uhr

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