Den Tanzschritt überdenken

Der französische Produzent und DJ Ivan Smagghe stellte an der Lethargy seine Vision von Tanzmusik vor – einen Sound, der direkt und mächtig auf die Körper trifft.

Mag die Musik lieber unordentlich: Ivan Smagghe am Samstagabend in Zürich.<br />Foto: Lukas Maeder (13 Photo)

Mag die Musik lieber unordentlich: Ivan Smagghe am Samstagabend in Zürich.
Foto: Lukas Maeder (13 Photo)

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Man könnte es Disco nennen, was sich da in stolzer Lautstärke aus den Boxen des Clubraums der Roten Fabrik wuchtet. Aber irgendwie ist es zu mächtig dafür, zu besitzergreifend, zu körperlich. Und dann doch zu wenig greifbar: Denn schnell schieben sich immer neue Elemente nach vorne. Gab gerade noch eine funky Basslinie den Ton an, sind es nun Schwaden aus dem Synthesizer oder die Klänge eines Echolots. In einem Moment ist der Rhythmus superkonkret, im nächsten ist er überschichtet.

Es ist kurz nach drei Uhr frühmorgens in dieser zweiten Nacht des Le-thargy-Festivals, das jedes Jahr parallel zur Street-Parade stattfindet. Sie ist ausverkauft; auf dem als Techno-Wunderland dekorierten Gelände und in den Räumen des Areals tummeln sich die Menschen, tanzen auf der Stelle, alle getrieben vom Verlangen, noch für ein paar Stunden niemals stillzustehen.

Ivan Smagghe in Paris. Quelle: Youtube

Dieses Verlangen bedient auch Ivan Smagghe, der DJ auf der Bühne des Clubraums. Allerdings auf seine eigene Art: Der fröhliche, immer etwas selbstverliebt wirkende House-Tanzschritt, diese lockere Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere, will nicht zu seiner Musik passen. Immer wieder kommen Besucher von aussen in den Raum, setzen zu ihrem Standardschritt an, müssen dann aber abbrechen, um ihre Bewegungen zu überdenken.

Zur Musik des Franzosen passt vielleicht eher ein Ganzkörperschütteln. Oder man gibt sich ihr hin, wie eine Fahne im Wind der Tieftöner. Smagghe, 1971 geboren, steht, wenn auch nicht direkt für einen bestimmten Stil, so doch für Musik mit einer eigenen Attitüde. Es ist Tanzmusik mit rotzigem, rohem, fehlerhaftem, düsterem Kern. Unter dem Dach seiner Dark-Wave-Ästhetik kommen Disco, House, Electronic Body Music, Industrial Post Punk, Breakbeats, Psychedelia und Rock zum Zug. Reinrassigkeit liegt diesem DJ nicht.

An der Lethargy will niemand Alltag. Hier wollen alle eine starke rhythmische Hand, die den Alltag austreibt.

Und um je ein Superstar zu werden, ist er zu wenig auf Effekte aus. Ihm in dieser Nacht bei der Arbeit zuzuschauen, ist in etwa so spannend, wie einem Linienbuschauffeur über die Schulter zu blicken. Da steht er im weissen T-Shirt, hat fast immer die Kopfhörer und einen konzentrierten Blick drauf, unterlässt jede Geste, jedes Mätzchen, jede überflüssige Filterei. Ab und zu eine Zigarette, ab und zu ein Schluck vom Drink. Er betreibt keinerlei Anstalten, abseits der gespielten Musik auf sich aufmerksam zu machen.

Man kann ihn aber schon kennen, vielleicht von Projekten wie Black Strobe, Volga Select oder It’s a Fine Line; von Veröffentlichungen auf angesagten Dance-Music-Labels oder von seinem eigenen Label (Kill the DJ). Smagghe studierte in Paris Politikwissenschaften, arbeitete dann im Plattenladen Rough Trade in London, blieb in der Stadt hängen. Er baute sich eine Karriere als DJ auf und gründete mit Arnaud Rebotini das Duo Black Strobe, mit dem er Anfang der Nullerjahre in der Danceszene bekannt wurde.

Die Stücke, die das Duo erarbeitete, waren wesentlich konkreter als heute, voller Rockenergie und mit schrillen Synthies, und sie waren hypnotisch, peitschten vorwärts. Electro-Clash nannte man das eine Weile lang. Das Projekt entwickelte sich irgendwann vom Studioprojekt zur Liveband, und Smagghe stieg aus.

Eine kalte Psychedelik

Seit fast zehn Jahren arbeitet er nun mit Tim Paris unter dem Namen It’s a Fine Line zusammen. Ein Album ist seit Jahren angekündigt, Ende dieses Monats soll es endlich erscheinen. Beschreibende Worte dafür zu finden, fällt Smagghe schwer. «Das ist etwas, was man als Musiker nie selber machen sollte», schreibt er in einem Mailwechsel vor dem Auftritt in Zürich. «Meine Platte ist mit Sicherheit kein monolithischer Block. Sie ist uneinheitlich, unordentlich. Aber wie soll man den Stil schon nennen? Cold Psychedelia vielleicht.»

Auf der ersten Single («The Delivery») hört man die Stimme von Alex Kapranos, dem Sänger der schottischen Rockband Franz Ferdinand. Die beiden lernten sich kennen, weil Kapranos während zweier Jahre Smagghes Nachbarhaus renovieren liess – so lange, bis sich der Franzose beklagte. Zur Entschuldigung gabs vom neuen Nachbarn eine Kiste Wein und einen Gesangsbeitrag. Das Stück hat den rauen Charme einer Garagenband-Aufnahme. Es beginnt wie ein Song und endet wie ein Dancetrack. Erst wirkt er geradezu poppig, aber bald wickeln und winden sich die Gitarren und Synthieklänge. Schliesslich weitet sich das Stück zu einem klirrenden Soundspektakel. Das ist ein Smagghe fürs Wohnzimmer, für den Alltag.

An der Lethargy will niemand Alltag. Hier wollen alle eine starke rhythmische Hand, die diesen Alltag austreibt. Und Smagghe hat einen Plan, entwickelt ihn während des Spielens: Erst macht er die Menge vertraut mit seinem Stil, dann streut er erste Gesänge ein. Er lässt mal naiv singen, mal lasziv, mal wie aus einer Raumkapsel heraus. Und wechselt immer wieder die Grundlage, von schnellen Breakbeats zu zischelndem House, weiter zu Disco oder einer gewitternden, technoiden Drohgebärde. Ein Gruss an die Street-Parade? «Ach, das war nie mein Event. Für mich ist das immer ein etwas bedrohliches Bild, so viele Menschen auf den Strassen marschieren zu sehen. Ich hocke lieber im Keller und mache Musik.»

Erstellt: 14.08.2016, 18:36 Uhr

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